Sezession
1. Juni 2010

Vom schwulen Eros

Martin Lichtmesz

Blüher hielt die Frage, ob ein Mensch »dem eigenen« oder »dem andern Geschlechte verfallen ist«, für entscheidender, als die tatsächliche sexuelle Betätigung: »Nicht Form und Art zweier einander gegenüberstehender erogener Zonen bilden das Charakteristikum für die Entscheidung heterosexuellhomosexuell, sondern allein die Imago des Geschlechts«, also eine Art platonisches geschlechtliches Urbild, das dem Begehren vorangeht. In Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft brachte Blüher diese »Imago« in Verbindung mit dem »Bild des Helden« als zentraler innerer Sehnsucht des Mannes, die sich schon früh in der »Kriegsspiel- und Indianerperiode« äußert und später zu seinem entscheidenden ethischen Antrieb wird.
Es handelt sich hierbei letztlich um genau jene archetypische heroische Männlichkeit, die heute als obsolet gilt, politisch unter Beschuß und Verdacht steht, als Jungentraum ausgegendert werden soll, und deren tradierte Ikonographie allenfalls als Film- und Comicsfigur (wie in dem Film »300«, der einen hypermaskulinen Leonidas gegen einen tuntig-bizarren Xerxes antreten ließ) oder eben in der unverbindlichen bis subversiven Karikatur des schwulen Fetisch geduldet wird. Protest gegen diese Demontage kommt nun nicht nur aus den Reihen der stetig anwachsenden »Männerbewegung«, sondern auch von Homosexuellen, die mit den im Vordergrund stehenden Lobbys nichts anfangen können. In jüngster Zeit formulierte der 1974 geborene homosexuelle Schriftsteller (und Bodybuilder) Jack Donovan, alias Jack Malebranche, diesen Einspruch am entschiedensten. Seine Polemik Androphilia: A Manifesto trug den Untertitel: »Rejecting the Gay Identity, Reclaiming Masculinity«, also etwa: »Gegen die schwule Identität, für die Wiedereroberung des Männlichen«. Für diesen nachgeborenen Blüherschen »Männerhelden« steht der Begriff »gay« (schwul) für ein politisches, soziales und ästhetisches Milieu, von dem er sich scharf abgegrenzt wissen will. An dessen Stelle setzt er den Alternativbegriff der »Androphilie«. »Ich fühle mich nicht nur zu erwachsenen Männern hingezogen«, erklärte Donovan in einem Interview, »sondern zu dem Ausdruck des Archetyps MANN überhaupt. Und die Werte und Qualitäten, die mit der archetypischen Männlichkeit assoziiert werden, stehen in einer gegensätzlichen Polarität zu den Werten und der zentralen Kultur der schwulen Szene.« Dementsprechend attackiert Donovan die »Schwulenvertretungs-Industrie« sowie die »Homo-Ehe«, und kritisiert die Allianz der Homosexuellen mit dem Feminismus als »paradox«, da männerliebende Männer sich hier mit den schlimmsten Feinden der Männlichkeit verbündet hätten. Donovan ist inzwischen regelmäßiger Kolumnist bei dem konservativen US-amerikanischen Netzmagazin Alternative Right und dem antifeministischen Blog The Spearhead, wo er für »paläomaskuline und patriarchale Werte« eintritt, und Homosexuelle auffordert, sich »in den Dienst der westlichen Zivilisation zu stellen« statt sich an ihrer Zerstörung durch die Linken und Liberalen zu beteiligen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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