Sezession
1. August 2010

Was heißt „Antisemitismus“?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 37 / August 2010

von Siegfried Gerlich

Zum Kernbestand des Antisemitismus verdächtiger Stereotypen zählt die Überzeugung, die Juden seien selber schuld an ihrem Unglück. Nach Auschwitz hält sich, wer kein Judenfeind ist oder nicht als solcher gelten will, schamhaft an das gegenteilige Vorurteil, das die Juden zum reinen Opfer eines allgegenwärtigen Antisemitismus erklärt. Dabei verdankt sich dieses der älteren jüdischen Geschichtsschreibung entlehnte Konstrukt des »ewigen Antisemiten«, dessen Verkörperungen gleichsam vom biblischen Haman bis zu Hitler reichen, denselben projektiven Identifikationen, die einstmals zur christlichen Legende vom »ewigen Juden« geführt hatten. Wie die gläubigen Christen sich von alters her ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil der Juden bestätigen mußten, und wie glaubenslose Antisemiten einer aufgeklärten Epoche die Juden zum weltgeschichtlichen Unglück stilisierten, von dessen Beseitigung das Heil der Welt abhängen sollte, so firmiert für die politisch korrekten Philosemiten von heute das heillose Schicksal der Juden als ein nicht minder universeller weltanschaulicher Fluchtpunkt.Daß einem sich anbiedernden Philosemitismus nicht zu trauen sei, weil sich dahinter nur schuldbewußt verdrängter Antisemitismus verberge, ist ein Argwohn, den nicht zuletzt Juden hegen, die sich durch ihre wohlmeinende Degradierung zum schlechthinnigen Opfer mitnichten geadelt fühlen. Jacob Katz kritisierte diese »anti-antisemitische Einstellung, die aus Angst, auf antijüdische Argumente einzugehen, die Ursache des Antisemitismus ausschließlich in den außerjüdischen Bereich verlegt«, obgleich schwerlich zu leugnen sei, »daß auch die Juden selbst in der Geschichte des Antisemitismus eine Rolle spielen.« Gegen allen jüdischen Leidensnationalismus beharrte auch Hannah Arendt darauf, daß die »freiwillige Isolierung« von der nichtjüdischen Welt für die Geschichte der Juden von größerer Bedeutung gewesen sei als ihre erzwungene Absonderung; sie nannte es eine »selbstbetrügerische Theorie«, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden durchweg einseitig, und zwar maßgeblich durch die Feindschaft von diesen gegen jene bestimmt zu sehen. Nach dieser heuristischen Prämisse fungiert »Antisemitismus« als ein eingeschliffenes Begriffsschema mit apriorischer Rollenverteilung: Den Nichtjuden wird der Status aktiver und potentiell feindseliger Subjekte zugewiesen, und den Juden selbst verbleibt nur die passive Rolle willenloser Objekte, mit denen willkürlich verfahren wird.
Durch die Ausblendung der Eigenart und des Eigensinns des realen Judentums aus der Betrachtung reproduziert sich der Realitätsverlust, der den wahnhaften Antisemitismus kennzeichnet, noch im Felde seiner Erforschung. Auf das gemeinplätzige Klischee, daß der Antisemitismus mit den Juden selbst nichts zu tun habe, redet sich notorisch eine Antisemitismusforschung heraus, die ihrerseits mit dem Judentum nichts zu schaffen haben will. Indem sie von den Glaubens- und Lebensformen, vom National- wie vom Sozialcharakter der Juden weitgehend absieht und diese lediglich als schemenhafte Projektionsfläche bösartigen Vorurteils oder blinden Wahns in den Blick faßt, behandelt sie dieses Weltvolk methodisch abermals als jenes Pariavolk, zu dem ein hartes Schicksal es immer wieder verdammt hat.


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