Sezession
1. August 2010

Was heißt „Antisemitismus“?

Gastbeitrag

Jede von den konkreten Konflikten zwischen Juden und Nichtjuden abstrahierende Isolierung der Judenfeindschaft führt unvermeidlich zu der kategorischen Fehleinschätzung, die sogenannte »jüdische Frage« sei nichts als eine antisemitische Erfindung. In letzter Konsequenz läßt sich noch die »jüdische Identität« selbst zum bloßen Produkt des Antisemitismus erklären. Jean-Paul Sartre dekretierte dogmatisch, »daß die Juden untereinander keine Interessensgemeinschaft haben und daß kein gemeinsamer Glaube sie verbindet, sie haben nicht einmal das gleiche Vaterland, und sie haben keine Geschichte. Das einzige gemeinsame Band ist die feindselige Verachtung, mit der die Umwelt sie behandelt. Der Jude ist der Mensch, den die anderen als solchen betrachten. Der Antisemit macht den Juden.« Mit solcher geistigen Enteignung und moralischen Entmündigung des Judentums freilich verschaffte der radikalste Denker der Résistance Görings berüchtigtem Wort: »Wer Jude ist, bestimme ich«, das im übrigen zum Schutze eines jüdischen Kameraden gesprochen war, nur eine paradoxe Überbeglaubigung.
Gegenüber einer Antisemitismuskritik, die in ihrem Radikalismus das Judentum selbst zum Verschwinden bringt, klagte Hannah Arendt dessen historische Realität und kulturelle Identität ein: Allein den modernen Antisemitismus charakterisiere eine wahnhafte Realitätsverzerrung, dem traditionellen Antijudaismus dagegen habe noch stets eine »Realbasis des Interessengegensatzes« zwischen Juden und Nichtjuden zugrunde gelegen. Tatsächlich lassen sich Interessenkonflikte mit einem religiösen, politischen oder sozialen Kern sowohl in der Antike und im Mittelalter als auch in der Neuzeit aufweisen, in deren bürgerlicher Periode die »Judenfrage « programmatisch aufgeworfen wurde.
So widerspricht eine unbefangene Sicht auf die deutsch-jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts der weitverbreiteten Auffassung, die Verspätung der Judenemanzipation in Deutschland sei ausschließlich durch eine anachronistische Judengesetzgebung sowie einen aggressiven Frühantisemitismus verschuldet worden. Vielmehr traten verstärkte jüdische Emanzipationsbestrebungen allemal selbst verspätet in Erscheinung; bis zur Jahrhundertmitte behauptete das traditionelle und später »orthodox« sich nennende Judentum erfolgreich seine Vorherrschaft gegen Reformbemühungen von innen wie gegen Assimilationserwartungen von außen. Noch am Vorabend der Revolution von 1848 wies die jüdische Orthodoxie die rechtliche Gleichstellung zurück und stellte sich hinter das restriktive preußische Judengesetz von 1847, das den Juden jene »nationale Sonderheit« zu erhalten suchte, die für ihre durch das Leben nach dem Ritualgesetz gestiftete religiöse Identität unabdingbar schien. Hannah Arendt sprach offen aus, »daß die Emanzipation der Juden keineswegs den Wünschen der Vertreter der Juden selbst entsprach, sondern im Gegenteil gegen die Juden selbst durchgeführt werden mußte.« Auch Gershom Scholem räumte ein, daß der Emanzipationskampf der Juden schließlich nur gewonnen wurde, »weil eine entscheidende und siegreiche Schicht unter den Nichtjuden ihn für sie führte.«
Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte kam ein gleichsam nachholender Assimilationseifer auf, durch den sich viele Juden aus der mittelalterlichen Abgeschlossenheit der rabbinischen Gesetzesreligion zu befreien suchten. Gleichwohl brannte auch im sozial und kulturell assimilierten Judentum vielfach noch ein messianischer Glutkern, der nach Haim Hillel Ben-Sasson dessen Vorkämpfern die »eigensinnige Entschlossenheit« verlieh, »die Welt wieder zum Reiche Gottes zu machen.« Dabei drängten sich den politisch engagierten Juden die modernen Ideen des Liberalismus und des Sozialismus als universalistische Säkularisationsformen ihres einstmals nationalreligiösen Messianismus geradezu auf. Zum Einsatz kamen sie in einem neuen Kulturkampf gegen das Christentum; in diesem hatten die Juden von jeher einen barbarischen Rückfall ins Heidentum gesehen, welcher durch die deutsch-christliche Assimilation an eine jüdisch geprägte Zivilisation überwunden werden müsse.


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