Sezession
1. August 2010

Was heißt „Antisemitismus“?

Gastbeitrag

Bereits die ins 18. Jahrhundert zurückreichende sprachwissenschaftliche und völkerkundliche Endeckung der Semiten hatte eine naturalistische Auffassung der Juden als einer dieser Völkergemeinschaft zugehörigen Nation nahegelegt und damit auch eine feindselige Stilisierung des »Juden« zum exemplarischen »Semiten« angebahnt, wie sie schließlich im »Antisemitismus« fixiert werden sollte. Dessen Begriff und Sache wurden 1880 von Wilhelm Marr an der Bekennerfront seiner »Antisemiten-Liga« eingeführt und von Agitatoren wie Eugen Dühring, Hermann Ahlwardt und Theodor Fritsch unermüdlich weiterverbreitet. Dabei kam Ludwig Schemann als Übersetzer des Grafen Gobineau das völkische Verdienst zu, dem deutschen Antisemitismus im französischen Rassismus ein anthropologisches Fundament zu verschaffen, auf dem wiederum Houston Stewart Chamberlain eine arisch-rassenantisemitische Geschichtsbetrachtung entwickelte, die bereits alle wesentlichen Elemente der nationalsozialistischen Weltanschauung enthielt. Von Marr bis Hitler reicht die deutsche Epoche dieses in Mein Kampf so genannten »wissenschaftlichen Antisemitismus «, der sich über das »rein gefühlsmäßige Empfinden« des früheren »Scheinantisemitismus« erhaben wähnte.
Wie zu den meisten judenfeindlichen Positionen des 19. Jahrhunderts gibt es auch zur Rassifizierung des Judentums ein jüdisches Pendant, das aufgrund seiner langen Vorgeschichte diesem charakteristischsten Novum des Antisemitismus nicht nur als Schreckbild, sondern auch als Vorbild diente. Katz zufolge wurde seit Anfang des 15. Jahrhunderts im Judentum die Auffassung vorherrschend, daß die alte Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden »vor allem in der Verschiedenheit der Rassen begründet war«, so daß sich »das jüdische Volk von den Nationen vor allem seinem inneren Wesen und nicht bloß seinem Glauben und Bekenntnis nach unterschied.« Hannah Arendt zog daraus den radikalen Schluß, »daß ohne diesen Wandel in der Einschätzung der Andersartigkeit des jüdischen Volkes – ein Wandel, der erst viel später, im Zeitalter der Aufklärung, auf Nichtjuden übergriff – der Antisemitismus schlechterdings nicht hätte entstehen können.«
Ursprünglich hatten indessen schon die von den jüdischen Reformern Esra und Nehemia erlassenen Heiratsgesetze, welche die »Reinheit des jüdischen Blutes« schützen und einen »Zaun um die Thora« errichten sollten, den Keim für eine völkische und rassische Selbstauffassung des »auserwählten Volkes« gelegt, wie sie freilich erst in einem säkularisierten Zeitalter zu voller Entfaltung gelangen konnte. Indem der frühe Zionismus im Judentum keine Religion, sondern nur mehr eine Rasse sehen wollte, kam er dem deutschen Rassenantisemitismus nicht nur ideologisch entgegen, sondern er ging diesem auch chronologisch voraus. Der Kampf völkischer Kulturzionisten wie Moses Hess und Achad Haam richtete sich tatsächlich weniger gegen die nach der Jahrhundertmitte zurückgehende Judenfeindschaft als vielmehr gegen den fortschreitenden jüdischen Assimilationsprozeß. Aber selbst im modernen Judentum galten vielfach noch die traditionellen Heiratsgesetze, und Theodor Herzl, der die Ursache des Antisemitismus in dem »im Mittelalter eingetretenen Verlust unserer Assimilierbarkeit« zu erkennen glaubte und daraus die Konsequenz eines pragmatischen Zionismus zog, belehrte die europäischen Juden noch 1896 darüber, daß ihre Assimilation »nur durch die Mischehe« hätte erzielt werden können. Dabei hatte Moses Hess, dem »der jüdische Typus« als ebenso »unverkennbar« wie »unvertilgbar« imponierte, bereits 1862 zum »Rassenkampf« aufgerufen und die »Unverwüstlichkeit der jüdischen Rasse in Mischehen mit indogermanischen Stämmen« behauptet. Noch 1934 beklagte der zionistische Rabbiner Joachim Prinz den »gigantischen Entjudungsprozeß der Assimilation«, und 1935 begrüßte eine zionistische Zeitung die »klare gesetzliche Regelung« der Nürnberger Gesetze, die allein die deutschen Juden vor einer vollständigen Assimilation an die Deutschen bewahren könnten.


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