Sezession
1. Februar 2008

Der feldgraue Psychagoge. Jünger-Rezeption in der Subkultur

Martin Lichtmesz

Auf der A-Seite war die treibend-technoide Vertonung eines frühen expressionistischen Gedichts („Traum, hirndurchglüht, wird Vision, Krystall/ Urfrage Sein zu Wahnsinn, Katarakt") von Jünger zu hören, das der Dichter auf Bitte der Gruppe selbst einsprach. Dem Jüngerschen „Optimismus des Willens" stellte die B-Seite den „Pessimismus des Geistes" in Form von Heiner Müller gegenüber. 2001 erschien der Sampler „Der Waldgänger", auf dem sich etwa zwei Drittel der Lieder direkt auf Jünger bezogen. Unter den rund zwei Dutzend internationalen Gruppen fanden sich „Von Thronstahl", „Leger des Heils", „Linija Mass", „Werkraum" und die britischen „Lady Morphia", deren Titel „Retreat into the Forest" (mit einem Jünger-Sprach-Sample) auch auf ihrem Album „Recitals to Renewal" (2000) erschien, das dem Andenken Jüngers gewidmet war.
Diese intensive Rezeption spiegelt sich auch in der Präsenz Jüngers in dem 2006 erschienenen Standardwerk zu dem Thema Looking for Europe. Neofolk und Hintergründe. Darin findet sich etwa im Anhang ein 30seitiger Essay mit dem Titel „Abenteuerliche Herzen - Das Individuum bei Nietzsche, Evola und Jünger", der sich etwa zur Hälfte mit Jünger auseinandersetzt. Der - zugegeben eher miserable - Text von Patrick Achermann hebt die Wichtigkeit des Individualismus für die Neofolk-Musiker und ihre Fans hervor, und unterstreicht zu Recht, daß die Figuren des „Anarchen" und des „Waldgängers", die eine subversive Widerstandstätigkeit implizieren, zentrale Modelle für deren Selbstverständnis sind. Die „individualismusbetonte" Deutung geht einher mit der Entpolitisierung des Zugangs: „Jünger zu lesen ist also zunächst ein Eintauchen in eine Flut aus Farben, Formen und Gestalten." Dergleichen hat den Neofolk-Hardliner Josef Klumb („Von Thronstahl") zu einem Spottlied bewegt: „Sie wollen nicht Anstoß erregen, man macht es sich bequem (...). Sie beugen sich jeder Kontrolle und üben Selbstzensur. Sie haben nichts zu vertreten, sie musizieren ja nur.(...) Eine Prise Ernst Jünger, ein wenig konservativ, / bequeme Bleichgesichter, die ich im Leben nie rief.")
Ist nun Jünger, zumindest für eine Minderheit, zur „cultural icon" geworden? Für die Neofolk-Szene ist er die ideale Ikone, ein Dichter in Uniform, der sich auch völlig unpolitisch aufnehmen läßt, von einer schneidigen, „verbotenen" Aura umgeben - aber eben kein Nazi -, mit Zugangstoren zur Schwarzen Romantik, zum Surrealen, Magischen und Mythischen. Er ist tatsächlich eine „Verständigungs-Ikone", ein Idol geworden, das ein ganzes Lebensgefühl kodiert. Die Szene erstreckt sich von Rußland bis Portugal, von Skandinavien bis Israel und die USA, ist mithin eine äußerst vitale Subkultur, die weite Felder im „metapolitischen" Raum besetzt hat. Es gibt in der Tat wenige Dichter, die eine solche Reverenz einer Jugend- und Musikkultur erwiesen bekommen haben wie Jünger, und der Einfluß seines Werkes ist ständig am Wachsen. Ochsenreiter und Hatzenbichler mögen recht gehabt haben, als sie in ihrem Nachruf schrieben: „Jünger ist ein Autor für die Menschen, die tatsächlich im Hier und Jetzt leben", wobei zu ergänzen wäre: die sich aber gleichzeitig der mythenlosen „Totalherrschaft der Gegenwart" (Botho Strauß)

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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