Sezession
1. Oktober 2010

Criticón, Staatsbriefe, Junge Freiheit

Martin Lichtmesz

Sicherlich haben auch die Staatsbriefe in der einzigen Dekade ihres Bestehens dem Criticón schon gehörig zugesetzt und sein Monopol untergraben. Wer sich heute als Staatsbriefe-Fan bekennt, erntet entweder ein gereiztes Augenverdrehen oder enthusiastische Zustimmung: bei keiner Zeitschrift aus dem rechten Spektrum scheiden sich die Geister so scharf wie hier. Das liegt wohl vor allem an deren streitbarem Herausgeber Hans-Dietrich Sander (1928). Peter Glotz urteilte über das Werk des 1928 geborenen »nationalen Dissidenten«: »Ein Ton, der junge Deutsche in der Geschichte immer wieder beeindruckt hat. Konsequent, hochmütig und rücksichtslos – der Kompromiß wird der Verachtung preisgegeben.« Dies mündete in den geradezu verheißungsvollen Appell: »Was verhütet werden muß, ist, daß diese stilisierte Einsamkeit, diese Kleistsche Radikalität wieder Anhänger findet. Schon ein paar Tausend wäre zu viel für die zivile parlamentarische Bundesrepublik.«
Sanders notorische Intransigenz hatte ihn allmählich vom Feuilleton-Redakteur der Welt zum einsamen Guerillero im Pferch des »rechten Ghettos« gemacht. Pünktlich zur Wende verwirklichte er 1990 das langgehegte Projekt einer eigenen Zeitschrift. Unter dem von T. S. Eliot entlehnten Motto »Style and Order« war der Umschlag in schlichtem Grau gehalten, als Emblem diente der Grundriß des Castel del Monte, entsprechend dem kühnen Programm der Wiederbelebung einer ghibellinischen Reichsidee, an der Sander mit provozierender Unbeirrtheit festhielt. Fixe Einrichtungen bis zum Ende der Staatsbriefe im Jahre 2001 blieben die funkelnd geschliffenen Leitartikel Sanders, die Berichte und Betrachtungen von Wolfgang Strauss über Rußland, der Nachdruck vergessener Texte aus der Konservativen Revolution und die der Kontroverse gewidmeten Seiten unter dem Titel »In arte disputandi«. Sanders Hoffnung, mit der Zeitschrift alle zu versammeln, »die sich der Renaissance des nationalen Denkens« verschrieben hatten, »ob links, ob rechts, ob heidnisch, ob christlich«, zerschlug sich jedoch bald, aus Mangel an Lesern ebenso wie an wirklich guten Autoren. Waren zu Beginn noch viele aus Criticón bekannte Köpfe mit an Bord, wie Mohler, Zehm, Hans-Joachim Arndt, Robert Hepp oder Salcia Landmann, so waren am Ende nur noch wenige wirklich hochkarätige Federn wie Josef Schüsslburner oder Thor von Waldstein übriggeblieben.
Nach Jahren hat der einst mächtige Bann, den die Staatsbriefe auf mich ausgeübt haben, deutlich nachgelassen, vieles sehe ich nun kritischer, vieles geht mir gar massiv gegen den Strich. Aber einmal eingetaucht zu sein in diese Art von unerschrockener Totalopposition und unzeitgemäßer Radikalität, ist ein prägendes Erlebnis. Es macht einen gleichgültig gegen den Zeitgeist, und mutig zur Sezession und zur Avantgarde des Eigensinns. Und nirgendwo anders habe ich besser begriffen, daß Deutschland mehr ist, als seine wechselnden Regierungen, Staaten und Teilstaaten. Es ist ein »Lebewesen, das 2000 Jahre alt ist« (Alexander Kluge). Das Reich ist und bleibt die eigentliche politische Form und Heimat der Deutschen; das wird auch über alle Republiken der Zukunft hinweg Gültigkeit haben.
Der Sprung zur gänzlich anders gewickelten Jungen Freiheit mag nun etwas abrupt erscheinen. Was kann man dazu noch sagen, was nicht schon gesagt worden ist? Wir alle haben schon einmal auf sie geschimpft, waren genervt von dem nicht immer geschmackssicheren populärpatriotischen Tonfall und die zum Teil skurrilen, unter dem Zwang zum Affirmativen kompilierten Fotomontagen auf der Titelseite, waren enttäuscht über die Anpassungen an den Mainstream, trauerten wehmütig den guten alten Zeiten nach, als die Linie – wie wir uns zu erinnern glauben – gepfefferter, provokanter und schneidiger als heute war. Aber man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Junge Freiheit bleibt unser aller Einstiegsdroge und unser aller Mutti, und ohne den beachtlichen Spielraum, den das 1986 als Schülerzeitung gegründete Blatt gegen alle Widerstände und Wahrscheinlichkeiten finanzieller und politischer Art erkämpft hat, hätte die rechte Publizistik in Deutschland heute kaum eine Fußbreite Boden unter den Füßen. Diesen den Nachkommenden zu bestellen, haben die Mohlers, Schrenk-Notzings und Sanders nämlich sträflich versäumt. Da bedurfte es schon eines Besessenen wie Dieter Stein (1967), der dieses Gelände zu besetzen und zu halten wußte.
Man wünscht der Jungen Freiheit für die Zukunft mehr Leser, mehr Breitenwirkung, mehr Geld, mehr wirklich gute Autoren, aber auch, daß sie ihr Profil nicht preisgibt, und sich diesen eigentümlichen, widerständigen Idealismus bewahrt, der für ihre Macher ebenso wie für ihre Leser so charakteristisch ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.