Sezession
1. Dezember 2010

Zur Stellung der jüdischen Frage

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 39 / Dezember 2010

von Siegfried Gerlich

Seit die »Judenfrage« eine Antwort in Gestalt der »Endlösung« erhalten hat, ist die Rede von ihr nachhaltig verpönt. Insbesondere in dem Land soll sie nicht mehr gestellt werden dürfen, in dem jene beschlossen wurde. So residiert sie in einem Problemexil, das nicht nur für Deutsche ein vermintes Gelände darstellt. Schon die bloße Erwähnung der jüdischen Frage erfordert pflichtschuldigst Anführungsstriche, die nicht nur die kritische Distanz des Betrachters versichern sollen, sondern auch Zweifel an ihrer historischen Existenz anmelden. Diese Befangenheit besteht nicht erst seit Auschwitz; bereits die historischen Debatten der vergangenen Jahrhunderte zur jüdischen Frage zeugen von Vorbehalten gegenüber einem Begriff, der von Nichtjuden geprägt und vielfach mit antijüdischer Stoßrichtung verwendet wurde. Gleichwohl ist die durch ihn bezeichnete Sache keine reine Erfindung von Judenfeinden. Versteht man mit Alex Bein unter der Judenfrage im allgemeinsten Sinne »das Problem des Zusammenlebens der Juden mit den Völkern und der Völker mit den Juden«, so stellte sie sich als Problem religiöser, nationaler oder ethnischer Selbstbehauptung den Juden allemal selbst.
Tatsächlich ist die jüdische Frage so alt wie das Judentum, welches sich als Gesetzesreligion dieses Namens nach dem Ende des Babylonischen Exils gründete. Es war Jahwes Wille, daß das von ihm erwählte Volk sich in seiner Besonderheit erhalte und aller Vermischung mit anderen Völkern widersetze. Die religiösen Reformen Esras und Nehemias sanktionierten Israels Selbstausgrenzung aus dem Kreise der Völker, indem sie einen »Zaun um die Thora« errichteten, der zugleich die »Reinheit des jüdischen Blutes« schützen sollte. Aufgrund dieser freiwilligen Selbstisolierung sank das »auserwählte Volk« nach der zweiten Tempelzerstörung jedoch zu einem »Pariavolk in einer kastenlosen Umwelt« herab. Zwar meinte »Erwählung« ursprünglich nicht nationale Selbstüberhebung, sondern religiöse Unterwerfung unter das »Joch der Thora«; aber gerade in seinem stellvertretenden Leiden für die Völker der Welt erwarb sich der »Gottesknecht« Israel das Recht zu deren Bekehrung. So gab es neben dem selbstbezogenen Leben nach dem Ritualgesetz immer auch weltoffene Missionsbestrebungen des Diasporajudentums, welches den Protektionsvölkern einen universalistischen Monotheismus aufdrängte, der doch stets an die partikulare Existenz des jüdischen Gastvolkes gebunden blieb. Als Reaktion auf dessen rituelle Absonderung wie auf den fanatischen Absolutheitsanspruch eines Gottes, der die Kulte aller übrigen Religionen zu barbarischen Götzendiensten degradierte und damit die polytheistische Toleranz der hellenistischen Welt überstrapazierte, bildete sich ein griechisch-römischer Antijudaismus heraus, der im Vorwurf des Hasses auf das Menschengeschlecht (»odium humani generis«) gipfelte.
Für das, was die Juden den heidnischen Völkern abverlangten, wurde ihnen freilich erst von den Christen die volle Rechnung präsentiert. Der christliche Antijudaismus wurde ebenso fanatisch und intolerant, wie es der jüdische Antipaganismus und nicht minder der jüdische Antichristianismus von Anbeginn gewesen waren, da es zwischen den widerstreitenden Auffassungen von Jesus als göttlichem Messias oder als vergottetem Magier keine Versöhnung geben konnte. In der Härte und Unerbittlichkeit aber, mit der die Ecclesia ihren Sieg über die Synagoge behauptete, kehrte die Tochterreligion nur den ererbten Exklusivitätsanspruch gegen die Mutterreligion selbst, und so wurde das Judentum rückwirkend von seiner eigenen Konsequenz getroffen. Unter der mittelalterlichen Herrschaft des Christentums gab es daher keine jüdische Frage, auf welche dessen Heilsgeschichte und das weltliche Unheil der Juden nicht selbst die schlagenden Antworten gewesen wären. Erst im anbrechenden Zeitalter der transzendentalen Obdachlosigkeit, welches das Judentum als einen religiösen Anachronismus erscheinen ließ, stellte sie sich neu. Der Untergang der feudalen Ständegesellschaft und die Entstehung einer bürgerlichen Klassengesellschaft machte die politische und soziale Integration der Juden in die modernen Staatsnationen und Volkswirtschaften Europas zu einer epochalen Herausforderung. So bildeten die auch in Deutschland kontrovers diskutierten Programme der Judenemanzipation sowie die im Emanzipationsprozeß selbst auftretenden Probleme den Gegenstand der jüdischen Frage im engeren Sinne.


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