Sezession
8. Mai 2011

Philosophie schlägt Politik – Über den mißachteten Spengler

Gastbeitrag

Tatsächlich läßt sich Spengler mehr von seiner Intuition leiten als von den gängigen Überzeugungen: »Was und wie ein Denker denkt – das ist die eine Frage. Aber warum gerade er so denkt, ist wichtiger.« Oder: »Religion ist ursprünglich Handlung, nicht Glaube. Erst aus der Technik entwickelt sich die Theorie.« Oder: »Ein Volk ist immer die Einheit einer Idee.«

Die Eigenschaft des »Wachseins«, die nun ins Zentrum seines Denkens rückt, öffnet weitreichende philosophische Perspektiven innerhalb seiner Universalpoesie geschichtlicher Vorgänge. Dem Logos, dem logischen Denken, ging das Symbol, das analogische Denken voraus. Die Welt wird bildhaft erdacht und also erschaut. Das »Auge« ist das Zentralorgan des Denkens, auch für Spengler selbst: »Ich sehe weiter als andere«, betont er. Und: »Ich habe als Mitgift für das Leben den Blick bekommen. Das – wenn ich das Wort gebrauchen darf – geniale Schauen, Zuschauen; Tätigkeit verengt den Blick. Auch Napoleon war zuletzt Fachmann geworden. Dieser Blick ist die eigentlich philosophische Gabe. Philosophische Fachwissenschaft ist philosophischer Unsinn.«

Die große Geschichtswissenschaft sei überhaupt keine Wissenschaft, »sondern eine Kunst, schöpferische Dichtung, Verschmelzung der Seele des Schauenden mit der Seele der Welt«, wie es in dem Fragment Zur Weltgeschichte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends von 1935 heißt.
Die Statik des alten Modells – für die noch heute sein Name steht – gilt nicht mehr, alles gerät in Bewegung, wird in viel größeren, offeneren Zusammenhängen gesehen. Die metaphysische Anthropologie, die Spengler in Urfragen und Frühzeit der Weltgeschichte entwirft, geht weit über das starr konstruierte Geschichtsbild des frühen Hauptwerks hinaus. Die acht »Kulturen« verlieren ihre Exklusivität und werden nun als Hochkulturen den Vor- und Frühkulturen gegenübergestellt. Folglich konnte, wie Koktanek bemerkt, »Spengler in der Konsequenz dieses Denkens die im »Untergang« so schroff behauptete Diskontinuität der Kulturen, die Voraussetzung ihrer morphologischen Vergleichbarkeit und der Prognostik, nicht aufrechterhalten: Renaissancen, Rezeptionen, Einflüssen, Zusammenhänge zwischen den Hochkulturen wie zwischen den früheren und späteren Stadien werden zugegeben.« – Damit hat Spengler die zentrale These seines frühen Hauptwerks selbst widerlegt, fand aber keine Gelegenheit mehr, seine veränderte Sicht auf die Dinge zu verbreiten. Wäre er nur zehn Jahre älter geworden und vielleicht doch noch ins Exil gegangen, womöglich ließe er sich heute nicht so leicht kategorisieren und auf wenige Begriffe bringen. Zwar besteht immer die Möglichkeit, genauer hinzusehen und auch Denker wie Oswald Spengler jenseits der ihn umfangenden Klischees zu entdecken – aber welcher – zumal politische – Mensch ist schon dazu bereit, einmal gefaßte, allzu bequeme und das eigene Weltbild stabilisierende Urteile zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren?


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