Sezession
3. August 2011

Das Monster, die Mitte und die Medien

Martin Lichtmesz

Eine ähnliche Strategie wie Fleischhauer hat auch der Focus eingeschlagen. Der ewige Spiegel-Kontrahent hat sich in seiner aktuellen Ausgabe wohltuenderweise der Stimmungsmache um den Fall Breivik herum verweigert, indem er stattdessen eine vergleichsweise unspektakuläre Titelgeschichte über die "Söhne der Mächtigen" gebracht hat. Das hat ihm zweifellos keinen geringen Auflagenabsatz gekostet hat, paßt aber folgerichtig zu dem Kurs, der Linken den propagandistischen Wind aus den Segeln zu nehmen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Im Editorial wertet etwa Uli Baur jegliche Versuche, im Fahrwasser von Oslo "Generalverdachts"-Strategien aufzufahren, als "Peinlichkeit". Ein Artikel verschiebt die Diskussion auf die medizinisch-pathologische Ebene und behandelt neurologische Störungen von Gewalttätern (auch Ulrike Meinhof findet Erwähnung, deren nach ihrem Tode untersuchtes Gehirn abnorme Schädigungen des limbischen Systems aufwies).

Der Philosoph Wolfgang Sofsky trennt die Mordtat scharf von ihrem ideologischen Unterfutter:

Das Sammelsurium aus aufgeschnappten Zitaten, Plagiaten und Phrasen, Hasstiraden und peniblen Tagebuchnotizen erklärt nichts. Große Verbrechen bedürfen keiner besonderen Ideen, und sie attackieren auch keine höheren Werte.  Der Massentod ist keine Botschaft, kein Akt der Kommunikation. Das Massaker besagt nichts. Es als politische Aktion mißzuverstehen, tappt geradewegs in in die Falle hehrer Bedeutung, die der Täter seinem Publikum aufgestellt hat.

Schon anläßlich des Amoklaufs von Winnenden hatte Sofsky vor voreiligen Schlüssen gewarnt:

Nüchtern warnte er vor dem Ruf nach Präventivmaßnahmen, denn »die Welt besteht nun einmal aus Ereignissen, die man beeinflussen kann, und Widerfährnissen, bei denen das unmöglich ist. Das muß man wissen, sonst entsteht in einer Mediengesellschaft falscher Aktionismus, der in die Irre führt und obendrein Freiheitsrechte bedroht.« Doch hinter Forderungen nach Prävention steckt keineswegs nur Hysterie der Massen, sondern die Sinnfrage des Einzelnen. Der Mensch will Sinnloses nicht ertragen: »Verzweifelt sucht man nach Gründen und muß dann regelmäßig feststellen, daß die Motive von ungeheurer Banalität sind und millionenfach in der Gesellschaft vorkommen.«

Das ließe sich freilich auch in einem anderen Sinne weiterdenken. Ob nun die Gedanken und Emotionen Breiviks "millionenfach in der Gesellschaft" vorkommen, ist zur Zeit eine häufig gestellte Frage. Teile der Linken glauben nun endlich ihren "Beweis" für den sogenannten "Extremismus der Mitte" gefunden zu haben. "Alles ist gefährlich", schrieb ein Kommentator der taz am 26. Juli. "Das Massaker von Oslo war nicht extremistisch: Es war pure rechte Gewalt." Am selben Tag schrieb Hans Hütt in FAZ, Breivik sei "ein Extremist, ohne Zweifel." Er sei aber auch ein "Kind unserer Welt", denn "seine Ideen stammen weniger aus obskuren Quellen als aus der Mitte, aus der Normalität des Internets." Auch er versucht, wie Sofsky und Fleischhauer, die  politische Instrumentalisierung des Attentats abzufangen.

Aus seinem Text spricht der Chor der Erniedrigten und Beleidigten, die im Ausdruck ihres Hasses auf alle und alles zu grandioser Form finden. Er ist ein gut erzogenes Kind aus der Mitte der Gesellschaft, der den Stolz der arabischen Straßenkämpfer bewundert, ihn sich zu eigen macht, um sie zu schlagen. Der Kämpfer, der aus ihm spricht, ist nicht zu schlagen – nicht wegen seiner Waffen, seiner Umsicht, seiner Klugheit, sondern weil er bloß ein Kopf unter vielen dieser Hydra ist, die sich aus dem Manifest erheben.

Die Idee der schärferen Überwachung, die gleich wieder erklang, noch ehe die Auswertung begonnen hat, verkennt den Befund am Ende der Lektüre. Breivik ist ein Kind der Mitte. Die Überwachung wäre der Versuch, dieser Selbsterkenntnis mit vergeblichem Aufwand aus dem Weg zu gehen.

Selbsterkenntnis? Noch deutlicher wird die ehemalige norwegische Justizministerin Anne Holt in einem ansonsten inhaltlich dürftigen Beitrag im Focus: "Er ist einer von uns", heißt es da.

Anders Breivik ist die Summe des Lebens, das er unter uns gelebt hat, der Erfahrungen, die mit uns gemacht hat, und der Gedanken, die er innerhalb eines Systems gedacht hat: des norwegischen.

In unserer Kultur hat dieser Mann sich von einem schüchternen, höflichen Jungen zu einem eiskalten Monster entwickelt, das neun Jahre seines Lebens dazu verwendet hat, einen Angriff auf die Zivilisation vorzubereiten und durchzuführen. Wir müssen deshalb bereit sein, die Scheinwerfer auf uns selbst zu richten.

Zur Frage, was nun schiefgelaufen ist, fällt Holt allerdings nur sehr wenig ein, allenfalls, daß im öffentlichen Raum Norwegens eine "Verschärfung der Wortwahl, wenn es um marginalisierte Gruppen geht" stattgefunden hätte - also genau das Gegenteil von dem, was die skandinavischen Multikulturalismuskritiker wie Fjordman behaupten, nämlich, daß der ohnehin schon erhebliche politisch korrekte Konformitätsdruck in den nordischen Ländern weiterhin am Ansteigen ist. (Was übrigens jeder, der diese Länder aus eigener Anschauung kennt, bestätigen kann. ) Was Holt hier wahrnimmt, etwa den "viel krasseren Sprachgebrauch als noch vor wenigen Jahren" (der Zeitraum übrigens, in dem dank muslimischer Zuwanderung die Vergewaltigungsrate von Oslo um 40% angestiegen ist) mag die direkte Gegenreakion darauf sein.

Ähnliche zaghaft selbstkritische Töne wie Holt hat nun sogar einer der von Breivik in seinem Manifest zitierten Multikulturalismus-Ideologen, Thomas Hylland Eriksen, angeschlagen. Eriksen hat sein politisches Programm so formuliert:

Unsere wichtigste Aufgabe ist die Dekonstruktion der Mehrheit, und wir müssen sie so gründlich dekonstruieren, daß sie sich nicht mehr als die Mehrheit bezeichnen kann.

Nun schreibt er:

Jedes Land braucht eine gewissen Grad an Zusammenhalt. Wie viel davon nötig ist, ist eine legitime Streitfrage. Manche glauben, daß der kulturelle Pluralismus ein Rezept für Fragmentierung und den Verlust des Vertrauen ist. Das mag sein, aber nicht notwendigerweise. So lange die öffentlichen Institutionen für jedermann gleichermaßen funktionieren - Bildung, Wohnungswesen, Arbeit und so weiter -, solange kann eine Gesellschaft mit einem beträchtlichen Maß an Diversität leben.

Wenn wir jedoch aufhören, miteinander zu reden, dann kann es ernst werden. Das ist genau das, was mit Breivik und vielen seiner Gesinnungsgenossen passiert ist: sie haben im Internet eine Parallelwirklichkeit aufgebaut.

Einer von uns, und zwar von uns allen! Wir haben ihn verloren, weil wir nicht mit ihm geredet, ihn womöglich übel ausgegrenzt haben! Das erinnert nun fast schon an den berühmten Auftritt des Schockrockers Marilyn Manson in Michael Moores "Bowling for Columbine", den einige "christliche Rechte" als Sündenbock für das berüchtigte Schulmassaker der Columbine-Highschool in Littleton erkoren hatten.

Moore:  Wenn du nun direkt mit den Kids von Columbine sprechen könntest, und den Menschen dort, was würdest du zu ihnen sagen, wenn sie jetzt hier sein könnten?

Manson:  Ich würde kein einziges Wort zu ihnen sagen, ich würde zuhören, was sie zu sagen haben. Denn das hat niemand gemacht.

https://www.youtube.com/watch?v=qM_WuQdg-sY


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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