Sezession
3. August 2011

Das Monster, die Mitte und die Medien

Martin Lichtmesz

Brüssel hat nun das norwegische Doppelattentat zum Anlaß genommen, einen europaweiten "Kampf gegen Rechts" auszurufen. Das inkludiert ein Gipfeltreffen der Innenminister im September mit dem Schwerpunkt "Fremdenhass und Extremismus", verstärkte Zusammenarbeit mit Europol, um  "fremdenfeindliche Gruppen" besser erfassen zu können, und die Gründung eines 4 Millionen Euro teuren "Anti-Radikalisierungsnetzwerkes", das einem "Erfahrungsaustausch von Wissenschaftlern, Sozialarbeitern, Religionsführern und der Polizei im Kampf gegen Radikalisierung" dienen soll. Kurz, die EU macht ihrem Spitznamen als "EUdSSR" mal wieder alle Ehre.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In der englischen Version des Spiegel-Artikels findet sich in der Titelspalte der Zusatz, daß "zwei rechte Führer einen Teil der Ideologie hinter dem Massaker verteidigt" hätten. Ein Parlamentarier der Lega Nord ließ verlauten: "Viele der Ideen Breiviks sind richtig, manche sind sogar ausgezeichnet," während ein Mitglied der English Defense League (EDL) vor "wachsender Frustration" warnte:

Es ist eine tickende Zeitbombe. Wenn Frustration und Zorn keine Plattform bekommen, also ein demokratisches Ventil für Emotionen, dann wird das Monster wie diesen Wahnsinnigen hervorbringen.

Ein Satz, der in der deutschen Fassung, aus welchen Gründen auch immer, unterschlagen wird, der aber ein Problem anspricht, das sich mit großer Wahrscheinlichkeit verschärfen wird, wenn nun europaweit die politisch korrekten Zügel noch fester angezogen werden. Kluge Beobachter in Deutschland ahnen dies bereits und haben sich dagegen ausgesprochen. Die norwegische Druckwelle ist hierzulande bisher auf stärkeren Widerstand gestossen, als viele, auch ich, nach dem ersten Schock erwartet haben.

Das hat vermutlich auch mit dem Overkill an schwarzen Petern zu tun, die sofort fleißig verteilt wurden. Die Angriffswucht hat sich verläppert und verteilt, weil zuviele angeblich Mitverantwortliche auf einmal angegriffen wurden. Inzwischen wurde das ganze in Frage kommende Spektrum, von den Sandkastenlizenzträgern und "Achse des Guten"-Affinen wie  Broder, Sarrazin, Döpfner über "Politically Incorrect" und die englischsprachige Counterjihad-Szene,  die "neue Rechte", die "christlichen Fundamentalisten", die "Rechtspopulisten" bis zur NPD  nach der Reihe abgewatscht, diffamiert und verdächtigt. Dieselbe Runde ging durch ganz Europa, wo von der FPÖ bis zum Front National die Sündenböcke markiert wurden. Sogar die amerikanische Tea Party wurde stellenweise in den Topf geworfen.

Aber Watschen, Beschimpfungen und Verdächtigungen reichen nicht mehr aus, um die Problemkomplexe aus der Welt zu schaffen, die einen Anders Breivik hervorgebracht haben.  Wer diese anders zu betrachten, zu beschreiben und einzuschätzen beliebt, als die multikulturalistisch-liberale Orthodoxie vorschreibt, wird in Zukunft damit rechnen müssen, daß er sich der Gefahr der Kriminalisierung seiner Meinung und damit seiner ganzen Person aussetzt.

An vorderster Front dieser Art Hetze steht natürlich der Spiegel, der den Attentäter von Oslo auf der Titelseite seiner aktuellen Ausgabe im dämonischen "Hannibal Lector"-Look präsentiert, und die Marschrichtung unverblümt markiert: "Die Spur des Bösen", heißt es da, und: "Europas rechte Populisten und der Kreuzug des Anders B. Breivik". Es soll also nach dem Muster der "Nazikeule" suggeriert werden, daß nicht nur Massenmord "böse" ist (was kein normaler Mensch abstreiten wird), sondern "Rechtspopulismus" an sich, und daß das eine mit dem anderen in einem untergründigen Zusammenhang stehe.

Das ist eine altbewährte Methode der Linken: es wird gar nicht erst darüber diskutiert, ob der "Rechte" vielleicht in einer bestimmten Sache recht haben könnte, es reicht, ihm von vornherein einen ethischen Defekt unterzuschieben und damit die Diskussion zu beenden, denn mit bösen  Menschen redet man nicht. Einen "ethischen Defekt" hat Breivik nun offenbar in ganz erheblichem Maße, womit er sich als vorzüglicher und willkommener Hexenhammer in den Händen der Linken eignet.

Gezählte 17 Autoren des Spiegels, die sich vornahmen, über die "Brandstifter" hinter Breivik aufzuklären, waren nun nicht imstande, den, Zitat, "Kontext der Weltanschauung" des Täters mehr als nur oberflächlich wiederzugeben. Man möchte zwar die sogenannten "Rechtspopulisten", Blogger und Islamkritiker nach Kräften anschwärzen, möchte aber nicht allzu genau wissen, allzu genau erklären, wie sie argumentieren und wie sie zu ihren Positionen gekommen sind.

Über Breiviks Gedankenwelt heißt es, sie sei "wirr", er schreibe "seltsames Zeug", was über weite Strecken seines "Manifests" durchaus nicht zutrifft, und würde der Inhalt gründlicher bekannt werden, würde es wohl sehr viele Leute geben, denen manche Analysen und Sentiments darin alles andere als "wirr" vorkämen. (Ähnlich ging es nebenbei ja auch vielen Lesern des "Unabomber"-Manifests oder des im Hinblick auf Gewalt ebenfalls nicht zimperlichen Pamphlets "Der kommende Aufstand", der letzten Herbst so manches bürgerliche Feuilletonistenherz warm gehalten hat.)

Was sich hier zuspitzt, ist ein großes "Ich sehe etwas, was Du nicht siehst"-Spielchen, dessen Fronten sich scharf teilen, wenn sie auch gewisse Grau- und Übergangszonen haben. Der Spiegel  vertritt hier in Reinform den einen Pol der Debatte: die Furcht vor einer langfristigen demographischen, politischen, kulturellen Machtübernahme des Islam in Europa sei eine pure Wahnvorstellung, der Widerstand gegen Multikulturalisierung und Heterogenisierung bloßes irrationales Ressentiment, das mit allerlei Brandeisen gebrankmarkt wird wie "Rassismus" und "Fremdenfeindlichkeit".

Wer von einem kommenden "Kulturkampf" und "Bürgerkrieg" spricht, wünscht ihn sich wohl insgeheim herbei, aus dunklen, perversen Antrieben heraus, vielleicht ähnlich jenen des Massenmörders.  Wer im Multikulturalismus eine Gefahr erblickt, muß menschlich verbiestert, böse, "intolerant", geistig verwirrt oder sonstwie defekt sein.  Das einzige, was der "bunten" und "viefältigen" und "toleranten" Utopie des Multikulturalismus entgegensteht, seien also all diese grundlos bösen, verdächtigen und unaufgeklärten Menschen mit ihren rückständigen Wahnvorstellungen, die alles kaputt machen müssen.

Dem gegenüber steht die Sicht der Gegner des Multikulturalismus, die in der Regel alles andere wünschen als einen Bürgerkrieg, ja eine tiefsitzende Angst davor haben, und die wachsende innere Destabilisierung und Defragmentierung der Gesellschaft durch das laufende utopische Experiment mit größter Sorge beobachten. Die "Brandstifter", Pulverfaßstopfer und Luntenleger sind in ihren Augen die Multikulturalisten selbst, die in fahrlässiger Weise an den Fundamenten der europäischen Nationalstaaten sägen.

Sie berufen sich dabei nicht nur auf die Lehren der Geschichte, sondern auf zunehmende Symptome der Rebarbarisierung (Ausländergewalt, ethnische Polarisierung, Parallellgesellschaften, dschihadistische Netzwerke), deren Beschreibung in allen westlichen Ländern durch erhebliche öffentliche Tabus behindert wird. Die Kritiker des Multikulturalismus senden den Vorwurf der Wahnvorstellung und des abstrusen Denkens an jene zurück, die blindlings und trotz aller Gegenevidenz an einer Utopie festhalten, die die ganze Gesellschaft aufs Spiel setzt.

Weil die Linke die Rechnung ohne den Wirt macht, ist es ihre Politik, die nur noch mehr Haß, Spannungen, Polarisierungen und Fragmentierung fördert. Weil sie nicht ertragen kann, daß die Menschen in Wirklichkeit nicht so funktionieren, wie sie es gerne hätte, braucht sie einen Sündenbock, einen Dämon, ohne den alle Rechnungen aufgehen würden: die Rechte.

Es kommt also alles darauf an, ob man die Gefahr der Islamisierung und die Möglichkeit des ethnischen Bürgerkriegs für real hält, oder nicht. Daraus leitet sich auch ab, welche Seite man nun für den "Brandstifter" hält.

Wie schwer auch immer man die Gefahren der Masseneinwanderung und des Anwachsens des Islams intra muros nun einschätzen mag - die oben skizzierte, durch den Spiegel wohl am markantesten vertretene Position, wird sich auf die Dauer unmöglich halten lassen.

Ihr wird nun in ihrem Flaggschiff selbst gekontert, wenn deren Quoten-Konservativer Jan Fleischhauer sich zumindest für die akzeptierteren Ränder des islamkritischen Diskurses stark macht und vor genau jenen Tendenzen warnt, die seine eigene Zeitschrift nach Kräften fördert, indem er vor der "Sympathisantenjagd" à la Anno RAF warnt:

Stellen wir uns für einen Moment vor, der Attentäter hätte das Jugendlager der rechten Fortschrittspartei heimgesucht und im Netz eine Anklage gegen den Atomstaat hinterlassen. Würden wir nun Claudia Roth zur geistigen Brandstifterin erklären und den Atomausstieg in Frage stellen? Wohl kaum. Wir würden das Naheliegende tun und den Attentäter als da sehen, was er ist: ein verwirrter Geist, der sich eine Wahnwelt zusammengezimmert hat, die am Ende zum Massenmord führt.

Das angeführte Beispiel ist übrigens nicht so weit hergeholt, wie es erscheinen mag. Auch für den Öko-Terrorismus gibt es ein Vorbild in der jüngeren Terrorgeschichte. Der Una-Bomber, aus dessen Manifest sich Breivik für seine eigene Proklamation ausführlich bediente, war ein fanatischer Naturschützer, der den technologischen Fortschritt für das Übel in der Welt verantwortlich machte. Der Terrorist führt jeden Gedanken an sein ultimatives Ende. Das gilt theoretisch für alles, was einen ideologischen Kern besitzt: die Islamkritik, den Tierschutz oder den Kampf gegen genveränderten Mais.

Angeblich geht es jetzt darum, Erklärungen zu finden für die Schreckenstat, Verständnis für die Beweggründe, aber das ist Mummenschanz. Tatsächlich zielen die Verdächtigungen darauf ab, die Diskursräume zu verengen, Publikationsgehege abzustecken. Wer in die geistige Nachbarschaft zu einem Massenmörder gerät, soll sich besser vorsehen, was er künftig von sich gibt.

So etwas kommt von so etwas, lautet kurz gefasst die Botschaft, die aus den Kommentaren spricht. Gegen diese Beweisführung hilft kein genaues Lesen mehr, da kann man nur noch den Kopf einziehen.

Letzteres ist richtig, aber Fleischhauer macht es sich zu einfach, wenn er, ähnlich wie das "Unabomber"-Opfer David Gelernter in der FAZ die Sache über die Schiene "weder rechts, noch links, sondern nur böse" abhaken zu können glaubt. Der Fall liegt wesentlich komplizierter, aber angesichts der Spielregeln der öffentlichen Debatten müssen die Konservativen wohl ihrerseits zu Vereinfachungen greifen, um sich den Rücken frei zu halten.

Eine ähnliche Strategie wie Fleischhauer hat auch der Focus eingeschlagen. Der ewige Spiegel-Kontrahent hat sich in seiner aktuellen Ausgabe wohltuenderweise der Stimmungsmache um den Fall Breivik herum verweigert, indem er stattdessen eine vergleichsweise unspektakuläre Titelgeschichte über die "Söhne der Mächtigen" gebracht hat. Das hat ihm zweifellos keinen geringen Auflagenabsatz gekostet hat, paßt aber folgerichtig zu dem Kurs, der Linken den propagandistischen Wind aus den Segeln zu nehmen.

Im Editorial wertet etwa Uli Baur jegliche Versuche, im Fahrwasser von Oslo "Generalverdachts"-Strategien aufzufahren, als "Peinlichkeit". Ein Artikel verschiebt die Diskussion auf die medizinisch-pathologische Ebene und behandelt neurologische Störungen von Gewalttätern (auch Ulrike Meinhof findet Erwähnung, deren nach ihrem Tode untersuchtes Gehirn abnorme Schädigungen des limbischen Systems aufwies).

Der Philosoph Wolfgang Sofsky trennt die Mordtat scharf von ihrem ideologischen Unterfutter:

Das Sammelsurium aus aufgeschnappten Zitaten, Plagiaten und Phrasen, Hasstiraden und peniblen Tagebuchnotizen erklärt nichts. Große Verbrechen bedürfen keiner besonderen Ideen, und sie attackieren auch keine höheren Werte.  Der Massentod ist keine Botschaft, kein Akt der Kommunikation. Das Massaker besagt nichts. Es als politische Aktion mißzuverstehen, tappt geradewegs in in die Falle hehrer Bedeutung, die der Täter seinem Publikum aufgestellt hat.

Schon anläßlich des Amoklaufs von Winnenden hatte Sofsky vor voreiligen Schlüssen gewarnt:

Nüchtern warnte er vor dem Ruf nach Präventivmaßnahmen, denn »die Welt besteht nun einmal aus Ereignissen, die man beeinflussen kann, und Widerfährnissen, bei denen das unmöglich ist. Das muß man wissen, sonst entsteht in einer Mediengesellschaft falscher Aktionismus, der in die Irre führt und obendrein Freiheitsrechte bedroht.« Doch hinter Forderungen nach Prävention steckt keineswegs nur Hysterie der Massen, sondern die Sinnfrage des Einzelnen. Der Mensch will Sinnloses nicht ertragen: »Verzweifelt sucht man nach Gründen und muß dann regelmäßig feststellen, daß die Motive von ungeheurer Banalität sind und millionenfach in der Gesellschaft vorkommen.«

Das ließe sich freilich auch in einem anderen Sinne weiterdenken. Ob nun die Gedanken und Emotionen Breiviks "millionenfach in der Gesellschaft" vorkommen, ist zur Zeit eine häufig gestellte Frage. Teile der Linken glauben nun endlich ihren "Beweis" für den sogenannten "Extremismus der Mitte" gefunden zu haben. "Alles ist gefährlich", schrieb ein Kommentator der taz am 26. Juli. "Das Massaker von Oslo war nicht extremistisch: Es war pure rechte Gewalt." Am selben Tag schrieb Hans Hütt in FAZ, Breivik sei "ein Extremist, ohne Zweifel." Er sei aber auch ein "Kind unserer Welt", denn "seine Ideen stammen weniger aus obskuren Quellen als aus der Mitte, aus der Normalität des Internets." Auch er versucht, wie Sofsky und Fleischhauer, die  politische Instrumentalisierung des Attentats abzufangen.

Aus seinem Text spricht der Chor der Erniedrigten und Beleidigten, die im Ausdruck ihres Hasses auf alle und alles zu grandioser Form finden. Er ist ein gut erzogenes Kind aus der Mitte der Gesellschaft, der den Stolz der arabischen Straßenkämpfer bewundert, ihn sich zu eigen macht, um sie zu schlagen. Der Kämpfer, der aus ihm spricht, ist nicht zu schlagen – nicht wegen seiner Waffen, seiner Umsicht, seiner Klugheit, sondern weil er bloß ein Kopf unter vielen dieser Hydra ist, die sich aus dem Manifest erheben.

Die Idee der schärferen Überwachung, die gleich wieder erklang, noch ehe die Auswertung begonnen hat, verkennt den Befund am Ende der Lektüre. Breivik ist ein Kind der Mitte. Die Überwachung wäre der Versuch, dieser Selbsterkenntnis mit vergeblichem Aufwand aus dem Weg zu gehen.

Selbsterkenntnis? Noch deutlicher wird die ehemalige norwegische Justizministerin Anne Holt in einem ansonsten inhaltlich dürftigen Beitrag im Focus: "Er ist einer von uns", heißt es da.

Anders Breivik ist die Summe des Lebens, das er unter uns gelebt hat, der Erfahrungen, die mit uns gemacht hat, und der Gedanken, die er innerhalb eines Systems gedacht hat: des norwegischen.

In unserer Kultur hat dieser Mann sich von einem schüchternen, höflichen Jungen zu einem eiskalten Monster entwickelt, das neun Jahre seines Lebens dazu verwendet hat, einen Angriff auf die Zivilisation vorzubereiten und durchzuführen. Wir müssen deshalb bereit sein, die Scheinwerfer auf uns selbst zu richten.

Zur Frage, was nun schiefgelaufen ist, fällt Holt allerdings nur sehr wenig ein, allenfalls, daß im öffentlichen Raum Norwegens eine "Verschärfung der Wortwahl, wenn es um marginalisierte Gruppen geht" stattgefunden hätte - also genau das Gegenteil von dem, was die skandinavischen Multikulturalismuskritiker wie Fjordman behaupten, nämlich, daß der ohnehin schon erhebliche politisch korrekte Konformitätsdruck in den nordischen Ländern weiterhin am Ansteigen ist. (Was übrigens jeder, der diese Länder aus eigener Anschauung kennt, bestätigen kann. ) Was Holt hier wahrnimmt, etwa den "viel krasseren Sprachgebrauch als noch vor wenigen Jahren" (der Zeitraum übrigens, in dem dank muslimischer Zuwanderung die Vergewaltigungsrate von Oslo um 40% angestiegen ist) mag die direkte Gegenreakion darauf sein.

Ähnliche zaghaft selbstkritische Töne wie Holt hat nun sogar einer der von Breivik in seinem Manifest zitierten Multikulturalismus-Ideologen, Thomas Hylland Eriksen, angeschlagen. Eriksen hat sein politisches Programm so formuliert:

Unsere wichtigste Aufgabe ist die Dekonstruktion der Mehrheit, und wir müssen sie so gründlich dekonstruieren, daß sie sich nicht mehr als die Mehrheit bezeichnen kann.

Nun schreibt er:

Jedes Land braucht eine gewissen Grad an Zusammenhalt. Wie viel davon nötig ist, ist eine legitime Streitfrage. Manche glauben, daß der kulturelle Pluralismus ein Rezept für Fragmentierung und den Verlust des Vertrauen ist. Das mag sein, aber nicht notwendigerweise. So lange die öffentlichen Institutionen für jedermann gleichermaßen funktionieren - Bildung, Wohnungswesen, Arbeit und so weiter -, solange kann eine Gesellschaft mit einem beträchtlichen Maß an Diversität leben.

Wenn wir jedoch aufhören, miteinander zu reden, dann kann es ernst werden. Das ist genau das, was mit Breivik und vielen seiner Gesinnungsgenossen passiert ist: sie haben im Internet eine Parallelwirklichkeit aufgebaut.

Einer von uns, und zwar von uns allen! Wir haben ihn verloren, weil wir nicht mit ihm geredet, ihn womöglich übel ausgegrenzt haben! Das erinnert nun fast schon an den berühmten Auftritt des Schockrockers Marilyn Manson in Michael Moores "Bowling for Columbine", den einige "christliche Rechte" als Sündenbock für das berüchtigte Schulmassaker der Columbine-Highschool in Littleton erkoren hatten.

Moore:  Wenn du nun direkt mit den Kids von Columbine sprechen könntest, und den Menschen dort, was würdest du zu ihnen sagen, wenn sie jetzt hier sein könnten?

Manson:  Ich würde kein einziges Wort zu ihnen sagen, ich würde zuhören, was sie zu sagen haben. Denn das hat niemand gemacht.

Nun scheint Eriksen zu glauben, daß Breivik seine Flausen schon losgeworden wäre, wenn er anstelle islamkritischer Blogs, die "die Öffentlichkeit fragmentieren", brav die Mainstreampresse gelesen hätte:

Breivik muß willentlich zugelassen haben, sich von islamophobischen und rechtsextremen Netzseiten gehirnwaschen zu lassen. Wäre er stattdessen gezwungen (sic! M. L.) gewesen, seine Informationen durch eine Tageszeitung zu erhalten, in der sich nicht alle Geschichten um Europas mangelndes Selbstbewußtsein und den Aufstieg des militanten Islam drehen, dann hätte seine Welt womöglich ein wenig anders ausgesehen. Vielleicht ist das eine Lehre aus diesem Wochenende von Schock und Fassungslosigkeit, daß nicht unbedingt der kulturelle Pluralismus eine Bedrohung des nationalen Zusammenhalts darstellt, sondern der Tunnelblick, der durch ein selektives Durchstöbern des Internets entsteht.

All das ist natürlich linksliberales Wirrdenken at its worst: der Multikulturalist, dessen erklärtes Ziel die Dekonstruktion der Gesellschaft und ihre Zerlegung in Minderheiten ist, - mit anderen Worten ihre ethnisch-kulturelle Fragmentierung, die anschließend durch ein hoffentlich in alle Ewigkeit funktionierendes Sozialsystem wieder gekittet werden soll -, schwingt sich zum Verteidiger ihres Zusammenhalts auf, und beklagt ihre Spaltung durch jene, die sich von den Mainstreammedien abwenden.  Dabei könnte doch alles so wunderbar funktionieren, wenn alle dieselben Zeitungen lesen würden! Natürlich fiel Breivik einem "Tunnelblick", der sich zum nihilistischen Sog auswuchs, zum Opfer; aber daß er seine grundsätzlichen Meinungen geändert hätte, hätte man ihn öffentlich mitreden lassen, ist unwahrscheinlich.

Die logische Konsequenz aus Eriksens Ausführungen wäre eher die umgekehrte, nämlich die tabuisierte Islam- und Liberalismuskritik endlich aus dem Bannbereich zu entlassen, und ihr ein möglichst breites öffentliches Forum zu geben. Das ahnt vielleicht auch Norwegens Premierminister Stoltenberg, der in der Bild am Sonntag sagte: „Die Rede- und Meinungsfreiheit sind das Fundament einer jeden Demokratie, und so müssen wir alle Arten von Ansichten tolerieren, auch wenn sie extrem sind.“

Aber es geht, wie gesagt, heute gar nicht um "extreme" Ansichten. Auf all das zur Zeit wieder modische rhetorische Geschwätz von der Verteidigung der "offenen Gesellschaft" gibt es nur eine Antwort: eh bien - laßt uns doch erstmal überhaupt eine "offene Gesellschaft" haben, ehe wir voreilig ihre "Feinde" definieren.

Bis dahin bleibt Breivik so etwas wie die self-fulfilling prophecy der politisch korrekten Gehirnwäsche des Mainstreams. In einer Stelle seines "Manifest" genannten Konvoluts klagt er die Diskursstrategien der Multikulturalisten an:

Das sind typische kulturmarxistische, multikulturalistische EUdSSR-Techniken, nach denen alle, die es wagen, den Multikuluralismus zu kritisieren, Rassisten, intolerante Bigotte oder wütende, unterprivilegierte Männer und so weiter sind.

Diese Art von Denken scheint davon auszugehen, daß es nur zwei Versionen von Europäern gibt. Wenn man den Multikulturalismus nicht 100% unterstützt, ist man ein Nazi. Außerdem ein Faschistenschwein, ein Rassist, ein Homophober, mit anderen Worten, ein Untermensch. Diese Auffassung zeugt von einem durchdringenden Haß, der alles verteufelt, was Europäer tun, um ihre Würde, ihre Kultur und ihr Erbe zu schützen. In dieser Hinsicht sind sie die Nazis, nicht wir.  Ich sehe mich als anti-rassistisch, anti-faschistisch und anti-nazistisch. Das ist der wahre Grund, warum ich gegen den kulturellen Kommunismus/europäischen Multikulturalismus bin. SIE sind die Nazis, sie sind die Faschisten, sie sind die Rassisten!

Auch Passagen wie diese zeigen Breivik als "einen von uns", der ebenso wie alle anderen (außer uns Sezessionisten natürlich, wie der Name schon sagt) im Koordinatensystem der westlichen Diskursschleife gefangen ist, in der jeder des anderen Nazi werden kann.  Da könnte man einen Kalauer daraus machen: es gibt Leute, die so fanatisch Anti-Nazi sind, daß sie Nazi-Nazi werden. Und dann gibt es Leute wie Breivik, die so fanatisch Anti-Anti-Nazi sind, daß sie auch Nazi-Nazi werden.

Wie dem auch sei: der Widerstand gegen die Zumutungen der politischen Korrektheit wird unabhängig von den noch nicht absehbaren Folgen von Oslo weiterhin anwachsen, so oder so. Ich habe wiederholt gesagt, daß heute die eigentliche Frontlinie nicht zwingend zwischen (nominell) "Linken" und (nominell) "Rechten" verläuft, sondern zwischen common sense und political correctness. Letztere ist dogmatisch derart zubetoniert und von der Lebenswirklichkeit abgehoben, daß es kein vermittelndes Drittes mehr gibt.  Aber auch keine Querfront, denn Massenmord und Terrorismus sind, soweit wird mir nun hoffentlich jeder Leser zustimmen, eben kein common sense.

Inwiefern die öffentliche "Tabuisierung" der Wirklichkeit wie ein Preßdeckel auf dem kochenden Topf wirkt, der noch mehr Gewalt und tätigen "Extremismus" hervorbringt, diese Frage sollte auf jeden Fall im Auge behalten werden. Ihre Dringlichkeit wird schon längst weit über die Randbereiche der öffentlichen Meinung hinaus wahrgenommen.

Als Beispiel dafür sei zum Schluß auf diesen lesenswerten Blogeintrag eines Informatikers verwiesen, der sich selbst nicht als "rechts" sieht und etwa Sarrazin "für einen Idioten" hält. Nichtsdestotrotz hält er die "Tabuisierung" für einen möglichen "Auslöser" des Attentats, und kommt zu ähnlichen Schlüssen über den Nährboden des Täters, wie sie wie in diesem Blog geäußert wurden.

Ich halte diese Tabuisierung, die sich in unserer Gesellschaft gebildet hat, daß man jede kritische Meinung sofort in das äußere rechte Spektrum verlagert und verdammt, für allerhöchst gefährlich. Nicht jeder, der Kritik an solchem anderskulturellen Verhalten äußert, ist rechtslastig. Manchmal hat er auch nur das Hirn eingeschaltet und nicht die ideologisch vorgeschriebenen Sichtweisen kritiklos übernommen. Es ist auch so eine Zeitgeisterscheinung, daß man jeder kritischen Meinung unlautere Absichten unterstellt, und die völlige Meinungs- und Kritiklosigkeit zum Maß der Dinge macht.

(...)

Könnte es am Ende sein, daß in der norwegischen Gesellschaft eine ähnliche Tabuisierung des Themas stattgefunden hat, wie ich sie hier in Deutschland sehe, und daß die dort ebenfalls aus dem linken politischen Lager betrieben wird?

De facto ist es durchaus so, daß – an sich erstrebenswerte – Werte wie Diskriminierungsfreiheit, Vermeidung von Fremdenfeindlichkeit, Chancengleichheit, Offenheit, MultiKulti, Migration, islamische Einwanderung, typisch linke Themen sind, die aber dann, wenn sie ideologisch, aggressiv, töricht betrieben werden, zu eben jener Tabuisierung und Beschneidung der Meinungsfreiheit führen.

(...)

Könnte es am Ende sein, daß die Tat von Norwegen – und vielleicht viele andere rechtsextreme Taten – letztlich nicht so sehr von rechter Politik und rechtsextremen Organisationen, sondern mehr von linker Rhetorik und einer in die Gesellschaft eingebrachten Tabuisierung der Kritik an der Einwanderung von Muslimen verursacht wurde? Daß da der Druckbehälter explodiert ist, weil man das Ventil verschlossen hat?

Daß man die Tat also nicht wie kolportiert dem rechten Lager, sondern – indirekt, aber letztlich – dem linker Politik zuschreiben muß? Daß eine Tabuisierung mehr Druck aufgebaut hat als die frontale Fremdenfeindlichkeit? Und daß der deshalb auf die linksorientierte Regierungspartei losgegangen ist? Denn gerade die Diskussion wollte der Täter ja – vorgeblich – erreichen.

Und schließlich die Kernfrage:

Oder anders gefragt: Wäre es zu der Tat gekommen, wenn es eine öffentliche und offen geführte Debatte über die Einwanderungspolitik gegeben hätte, in der auch offen darüber diskutiert wird, warum manche Leute das nicht wollen, und ob das berechtigt oder unbegründet ist?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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