Sezession
22. August 2011

Wollt Ihr die totale Sexdemokratie?

Ellen Kositza

Camille Paglia, die grandiose, mittlerweile 64jährige US-amerikanische Reformfeministin, hat kein grundsätzliches Erbarmen mit Vergewaltigern. Sie  selbst entstamme „einer heißblütigen italienischen Tradition, derzufolge es vor nicht allzu langer Zeit üblich war, einen Vergewaltiger zu erdolchen, zu kastrieren und zum Trocknen aufzuhängen.“ Väter und Brüder pflegten ihre Töchter und Schwestern vor Vergewaltigungen zu schützen. Dort aber, wo sich die alten Sippen und ländlichen Gemeinschaften aufgelöst haben, in der anonymen Lebenswelt von Großstädten namentlich, seien junge Frauen schutzlos und verletzlich.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

„Der Feminismus bereitet sie auf diese Situation nicht vor. Er predigt ihnen ständig, die Geschlechter seien gleich. Er erzählt den Frauen, sie könnten tun, was sie wollten, könnten überall hingehen, könnten alles sagen, könnten sich anziehen, wie es ihnen passe. Nein, das können sie nicht. Frauen werden immer sexuell bedroht sein.“

Männer mit Anstand vergewaltigten keine Frauen, doch Paglia - die mit ihren krassen Aussagen Anfang der 1990er Jahre in den USA eine überwältigende Debatte lostrat - gibt zu bedenken, daß manche Männer töricht seien.

Paglias Erklärung, daß der feministische Blick auf Sexualität „nach Desinfektionsmittel rieche“, machte seinerzeit Schlagzeilen:

„Ihre Ansicht von Sexualität ist naiv und von Prüderie geprägt. Die Sexualität dem Feminismus zu überlassen ist so, als gäbe man in den Ferien seinen Hund zum Tierpräparator.“

Paglia, die sich als von Grund auf libertärer Charakter beschreibt und selbst wohl sämtliche Grenzen ausgetestet und überschritten hat (sie erkannte früh ihre lesbische Neigung und lebt mit einer Frau) schlußfolgerte nach riskanten Selbsterfahrungen: „Wenn alles erlaubt ist, sind die Frauen die Verlierer.“

Freudig haben die slutwalkerinnen berichtet, daß überraschend viele Männer mitmarschierten. Paglia hielt solche Entwicklungen schon vor zwanzig Jahren für peinlich. Der Feminismus mit seinem Gebot, daß jegliche erotische Annährung – der Kitzel, der im „Nein“ liegt, das eventuelle zum „Vielleicht“ und später zum „Ja“ tendieren könne - im Detail abgesprochen sein müsse, mache „ Männer zu Eunuchen“. Die Macht der Sexualität sei darum längst "aus dem weißem Mittelschichtmilieu verbannt, aber in Kulturen der Schwarzen und Hispano-Amerikaner präsent.“

Auf das lautstarke Echo des feministisch geprägten Hauptstroms reagierte Paglia so, wie man es von ihr bis heute gewohnt ist. Nicht mit Zugeständnissen, sondern indem sie trotzig nachlegte:

„Wer Freiheit will, muß auch Risiken in Kauf nehmen und Verantwortung tragen (…) Dem Opfer die Schuld zu geben ist durchaus sinnvoll, wenn das Opfer sich idotisch verhalten hat. Der Feminismus muß endlich aufwachen, und das Leben so sehen, wie es ist. Die Sexualität ist eine dunkle, unberechenbare Macht, zu deren Bewältigung verbale Patentlösungen und Jungmädchenträume nicht ausreichen.“

Paglia ging so weit, es „absurd“ zu nennen, eine Vergewaltigung als schweres Verbrechen einzustufen und mit Untaten wie Mord auf eine Stufe zu stellen. Frauen, die nach einer Vergewaltigung nicht mehr auf die Beine kämen, hätten sich in ihr Leiden hineintherapieren lassen: „Vergewaltigung macht einen nicht für immer kaputt.“ Hier vergreift sie sich meines Erachtens, nicht moralisch, aber in existentieller Hinsicht: Immerhin ist jeder vollendete Sexualtat ein potentieller Zeugungsakt, eine Sicht, die in Zeiten des „safer sex“ gern untergeht.

Nichtsdestotrotz hat Camille Paglia recht, daß jene selbsternannten Schlampen auf eine Vollkasko-Mentalität setzen, die utopischem Mädchen/Märchendenken entspricht. Frauen, die auf ihr Recht pochen, daß es möglich sein müsse „sich auf einer Party zu betrinken und mit einem Typen auf sein Zimmer zu gehen, ohne daß was passiert“, entgegnet sie: „Ach wirklich? Und wenn Du mit dem Auto nach New York City fährst, läßt du dann auch den Autoschlüssel auf der Motorhaube liegen?“ Wenn das Auto dann gestohlen werde, habe sich zwar die Polizei drum zu kümmern. Der Täter muß bestraft werden. „Aber gleichzeitig hat die Polizei – und habe ich - das recht, zu dir zusagen: `Du blöde Kuh, was um Himmels willen hast du dir dabei gedacht?“

Die feministischen Bedürfnisse nach einer Art „sexuellem Gesellschaftsvertrag“, formelle Übereinkünfte und saubere Grenzziehungen umfassend, nennt Paglia „totalitär und stalinistisch“. Selbst wenn das zu weit gegriffen wäre – kindlich (und eigentlich läppisch) ist die Vorstellung einer aalglatten Sexdemokratie allemal.

Photos nach cc-Lizenz von Mme Coquelicot (1 und 4), Juska Wendland (2) und James ReaFotos (3)
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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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