Sezession
1. April 2011

Kleiner Traktat über die Vielfalt

Martin Lichtmesz

Dieses Ziel ist nun nichts weniger, als die als »alternativlos« betrachtete Transformation Deutschlands in einen Vielvölkerstaat zu »managen« und zu beschleunigen. Der Hauptadressat der »Diversity«-Propaganda ist natürlich die »Mehrheitsgesellschaft« der Stammdeutschen, die sich auf diesem Weg mit der Aussicht anfreunden sollen, in absehbarer Zeit nur mehr eine Minderheit neben vielen anderen zu stellen. Diese Politik ist inzwischen nahezu allen westlichen Nationen zur raison d’être geworden. Wo auch immer »Vielfalt«, »Toleranz« und »Menschenrechte « als oberste Güter firmieren, wird in letzter Konsequenz »die Auflösung der ethnischen Homogenität der europäischen Nationalstaaten « (Hepp) angestrebt. Davon verspricht man sich einen utopischen Endzustand, ähnlich der »klassenlosen Gesellschaft« des Marxismus. Heute führen die politischen Eliten Westeuropas einen kalten Krieg gegen ihre Staatsvölker, die jedoch in ängstlicher bis verblendeter und desinformierter Komplizenschaft an ihrer eigenen Abschaffung mitwirken. Das politische System der Bundesrepublik kennt »Staatsfeinde« und »Verfassungsfeinde«, aber bezeichnenderweise keine »Volksfeinde«. Letztere kennen wir alle beim Namen, und sie stehen dem eigenen Volk nicht weniger feindselig gegenüber als irgendein orientalischer Diktator, denn sie hebeln sein Selbstbestimmungsrecht aus und haben es in einen schleichenden Genozid geführt.
Die »Vielfalt« als ethisch-moralisches Gebot wurde zum sinnstiftenden Evangelium einer Zeit, in der der Liberalismus an der äußersten Grenze seiner Selbstentleerung angekommen ist, und »den Mördern die Tür aufschließt« (Ernst Jünger). Ideengeschichtlich ist sie ein Zweig des Pluralismus, der sich vor dem Hintergrund der totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts als oberster politischer Wert durchsetzen konnte. Man kann die totalitären Experimente als Antwort auf die Krise der modernen Massengesellschaft verstehen, in der die ewige Frage nach dem dialektischen Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu lösen war. Heute dienen sie, von der Rassenpolitik des Nationalsozialismus bis zu den »blauen Ameisen « Maos als Schreckbild, das die »Pluralität« einer Gesellschaft und die Freiheit des Individuums um so wertvoller erscheinen läßt. Das ist Allgemeingut geworden, auch unter denen, die sich dieser Zusammenhänge nicht bewußt sind. Wenn in einem beliebigen Provinznest XY wieder einmal eine NPD-Demo angekündigt ist, dann wissen sich die verschreckten Bürger in der Regel nicht anders zu helfen, als den Gruselgestalten mit Transparenten entgegenzutreten, auf denen »XY ist bunt statt braun« geschrieben steht. Oder eben »Vielfalt statt Einfalt«, was einfältigerweise suggeriert, daß nur die Retardierten, Dummen und Nazidumpfen unter sich bleiben wollen, die Schlauen, Fortschrittlichen und Aufgeklärten aber für Multikulti votieren.
In der Wirklichkeit jedoch gibt es eine absolute Homogenität ebenso wenig wie eine absolute Heterogenität. »Homogen« oder »heterogen« kann eine beliebige Gruppierung nicht an sich sein, sondern nur innerhalb einer bestimmten Kategorie und relativ zu anderen Kategorien: Hautfarbe, Haarfarbe, Religion, Geschlecht, Alter und so weiter. Keine »Gesellschaft«, mag sie in sich so »heterogen« sein, wie sie will, kann ohne einen Mindestgrad von Homogenität und ohne einen verbindlichen gemeinsamen Bezugspunkt bestehen. Die Unfähigkeit, eine notwendige Einheit (»e pluribus unum«) herzustellen, ja diese Problematik überhaupt zu denken, ist ein Hauptgrund des Scheiterns der Ausländerintegration.
Das Bild, das ihre Apologeten von der »Vielfalt« propagieren, reicht banalerweise kaum über eine Art Smartiesrollen-Ästhetik hinaus, in der eine möglichst »bunte« Ansammlung verschiedener Hautfarben auf einem Fleck schon als ausreichend gilt, um »Pluralismus« zu signalisieren. Ein »Smarty« ist eine Schokoladenlinse, die sich von den anderen seiner Sorte nur durch die Farbe ihres Zuckergusses unterscheidet. Von wirklichen Unterschieden zwischen Völkern, Geschlechtern, ja bloßen Individuen, etwa genetischer, biologischer, kultureller, religiöser, politischer, mentaler Art, will man eigentlich nichts wissen. Wo der Linke »Vielfalt« sagt, meint er im Grunde »Vielheit«. Die Idee der Vielfalt als Wert hat in Wirklichkeit ihre legitime Heimat auf der Rechten, während ihre Beschlagnahme durch den politischen Gegner ihre Orwell’sche Verkehrung ins Gegenteil zur Folge hat. »Differenz im Sinne von ›Unterschied‹ ist einer der konservativen Gegenbegriffe zu ›Gleichheit‹, der grundsätzliche Vorzug, den man der Vielfalt gegenüber der Einfalt gibt.«
Hier ließen sich unzählige Belege anführen, von Justus Möser, der den Reichtum der Natur in ihrer wesensmäßigen »Mannigfaltigkeit« erkannte, über Leopold von Rankes »Wollt ihr die Unterschiede vernichten, hütet euch, daß ihr nicht das Leben tötet«, bis zu »neurechten« Standards wie Armin Mohler, Erik von Kuehnelt-Leddihn, Henning Eichberg oder Alain de Benoist und dem inzwischen musealen, aus der Defensive geborenen Schlagwort des »Ethnopluralismus«. Der entscheidende Unterschied zur linken Konzeption der »Vielfalt« ist, daß der Konservative sich diese nicht als kunterbuntes Kuddelmuddel denken kann, in dem letztlich alle Tupfer gleich, gleichwertig und damit gleichgültig sind. Sie muß sinnvoll gegliedert, gestaltet und ausgerichtet sein, Platz für Spannungsverhältnisse lassen, vor allem aber ihren spezifischen Ort haben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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