Sezession
14. Februar 2012

Die Methode Spiegel

Martin Lichtmesz

Der "Nazi" ist Speed, Prozac und Opium der altersdementen Bundesrepublik zugleich. Der Deutsche, der ansonsten völlig lethargisch und ratlos bei der "Abschaffung" seiner eigenen Zukunft zuguckt, wird plötzlich wieder fiebrig und hektisch, wenn er seine Dosis Hitlerin gespritzt bekommt. Dann fühlt er sich wieder so richtig lebendig. Die Abhängigkeit ist inzwischen so groß, daß kaum ein anderer Stoff mehr imstande ist, seinen Puls derart zu beschleunigen.  Jeder korrupte und landesverräterische Dreck, jeder Beschiß und Betrug, der quer durch die Parteien emsig betrieben wird, jede Art von Selbsthaß- und Selbstabschaffungsorgie, jede Unwürdigkeit und Peinlichkeit, jedes Ausmaß an sowjetartiger Indoktrinierung und Lüge wird augenblinzelnd und schulterzuckend geduldet, aber "unerträglich" ist natürlich nur die NPD, diese Warze am Hintern und dieser Stachel im Fleisch des bundesrepublikanischen Oblomow.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich für meinen Teil finde die NPD auch "unerträglich" und lächerlich, aber nicht mehr als die Grünen, die Linke oder die Merkel-CDU, die quantitativ und qualitativ weitaus mehr Schaden anrichten, indem sie das ganze Land fahrlässig aufs Spiel setzen und seiner Fragmentierung Vorschub leisten. Die NPD hat natürlich auch eine systemische Funktion in dem großen ganzen Spiel: wie der massive Einsatz von V-Männern zeigt, hat der Staat gewiß auch ein Interesse daran, seine "Extremisten"-Szenen am Köcheln zu halten, um immer das finstere Gegenbild zu seiner eigenen strahlenden Wohlgeratenheit parat zu halten, und um "Haltet den Dieb!" schreien zu können, wenn es wieder mal opportun ist.

Und wer nun derartige Kicks nicht nötig hat und die entsprechende Pille verweigert, macht sich verdächtig. Ebenso, wer seine Sinnstiftungen anderweitig bezieht und wer nicht bereit ist, bei der allgemeinen Hysterie, wie etwa um die angebliche "Braune-Armee-Fraktion" mitzugackern und gar Zweifel anzumelden. Wie ein paar "neue Rechte" zum Beispiel, denen die Adolferei in Permanenz bis auf den Boden hinab zum Halse heraushängt. Leider ist jeder Fluchtversuch zwecklos.

Stell dir vor, es wird bewältigt, und keiner geht hin. Dann kommt die Bewältigung zu dir. Während alle Welt manisch um den untoten Adolf kreist, gehen wir Sezessionisten aus Ekel, Langeweile und Überdruß in den Keller kotzen, abwechselnd Regenbogen und Hakenkreuze, je nachdem, wie aufregend "bunt-braun" der heute aufgetischte Einheitsbrei mal wieder gewürzt war.

In dieser kafkaesken Endlosschleife pfeift also das deutsche Murmeltier seine immergleiche Melodie. Schon vor über 25 Jahren hat der bereits zitierte Günter Maschke all dies in dem legendären Aufsatz "Die Verschwörung der Flakhelfer" auf den Punkt gebracht, - egal, was es auch sein mag, ob Einwanderung, innere Sicherheit, Erziehungssystem, Geschichtsdeutung, Landesverteidigung, Finanzen, nichts von alledem könne man vernünftig und entschieden im eigenen Interesse regeln "wegen Hitler", der eisern "die Richtlinien der Politik in Deutschland" als "negativer König" bestimme. "Hitler-Anbeter" mag es in der NPD gewiß genug geben, aber sie sind bloß der Schatten einer viel allgemeineren Anbetung. Hitler ist heute eine Mischung aus Antichrist, Graf Dracula und Schuldteddy, an den sich der Michel verbissen klammert, um nicht dem "Horror vacui" anheimzufallen. Könnte nun endlich einer diesem verhutzelten untoten Blutsauger an unserer Gegenwart und Zukunft den Pfahl ins Herz rammen? "Wie lange noch Regierung Hitler?" fragte Maschke.

Wenn es nach dem Spiegel ginge, dann wohl bis in alle Ewigkeit, ist er doch das Zentralorgan des besagten Hitler-Kults im Namen der einzigwahren "Demokratie", dem sich alle zu unterwerfen haben. Wer das nicht tut, wird eben von der "demokratischen" Inquisition plattgewalzt, wie es ebenfalls in der neuen Ausgabe Christian Kracht passiert ist. Georg Diez hat sich nämlich im Kulturteil eine abgefeimte stalinistische Nummer geleistet, die fast schon wie ihre eigene Parodie wirkt.

Davon in Kürze mehr.


Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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