Sezession
1. August 2011

Zur Politischen Theologie des Judentums

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 43/ August 2011

von Siegfried Gerlich

Nach Auffassung des römischen Gelehrten Varro, von dem der Begriff der Politischen Theologie überliefert ist, sind Staat und Religion durch ihre gemeinsamen Ursprünge wesenhaft verbunden.

Dieses ursprüngliche Band wurde durch den jüdischen Monotheismus zerrissen, dessen radikales Transzendenzpostulat eines einzigen Gottes zum theopolitischen Widerstandskampf gegen polytheistische Götzendienerei und heidnische Staatsvergottung mobilmachte. Die »mosaische Unterscheidung« zwischen »dem wahren Gott und den falschen Göttern, der wahren Lehre und den Irrlehren« zielte Jan Assmann zufolge zugleich auf eine Trennung von »religiösem Heil« und »politischer Herrschaft«, die alle Nähe zum Staat als Entfernung von Gott verpönte. Durch solchen herrschaftskritischen Wahrheitsabsolutismus bildete sich im Judentum eine »Politische Theologie der Gewalt« heraus, die den Gegner im Ernstfall als vernichtungswürdigen Gottesfeind diskriminierte, den es in Heiligen Kriegen enthusiastisch zu massakrieren galt. Wenn nach Auskünften der neueren Altertumsforschung diesen, von Peter Sloterdijk zur »Urgeschichte der Militanz« gerechneten, alttestamentlichen Eroberungs- und Vernichtungskriegen auch keine historischen Realitäten entsprachen, zu denen erst das Christentum und zumal der Islam sie machen sollten, so blieb doch der vom altisraelischen »deus politicus« geforderte religiöse Fanatismus bis ins moderne Judentum wirk-mächtig. Selbst ein vornehmer Repräsentant des deutsch-jüdischen Neukantianismus wie Hermann Cohen sah unerschrocken über die »Notlage« hinweg, die »für die Humanität in der Mission des Monotheismus« gegeben war: »Der einzige Gottesdienst fordert unausweichlich die Ausrottung des falschen Götterdienstes. Da kann es kein Erbarmen geben und keine Rücksicht auf Menschen.«Dieser ethische Rigorismus, der sich nicht allein gegen Heiden, sondern immer auch gegen das ins Heidentum zurückfallende Israel selbst richtete, brachte eine genuine Theokratie hervor, für deren strengen Anspruch Gideons Zurückweisung der Königswürde beispielhaft einsteht.

 

Hatte der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus den Theokratiebegriff noch exklusiv für die altisraelitische Gottesherrschaft geprägt, so sollte nach Martin Bubers berufener Meinung die »Theopolitik« des Judentums nicht nur ihren Ursprung, sondern auch ihren Fluchtpunkt in einer radikalen Theokratie haben. Die jüdische Geschichte im ganzen weise eine »Tendenz zur Verwirklichung der Gottesherrschaft« auf und müsse als »theopolitisches Geschehen« begriffen werden.

 

Tatsächlich gründeten die Israeliten nach ihrem Exodus aus dem Ägypten des Pharaonenkönigtums keinen starken Staat, sondern ein anti-staatliches Gemeinwesen, dessen hohe Idee alle Herrschaft von Menschen über Menschen ausschloß und allein ein Königtum Gottes anerkannte. In der niederen Realität jedoch sollte das unbändige Freiheitsverlangen des erwählten Nomadenvolkes den mit Gott geschlossenen Bund immer wieder gefährden, beruhte dieser doch nicht auf erzwungener Unterwerfung, sondern auf freiwilligem Gehorsam. In diesem Paradoxon des alten Israel, daß »ein anarchischer Seelengrund den Bau der unbedingten Theokratie zu tragen bekam«, sah Buber den Grund für die Krise der Richterzeit, die chronisch vom Rückfall in Eigensucht und Haltlosigkeit bedroht war. Vor innerem und äußerem Zerfall bewahrte Israel zunächst die davidische Königsherrschaft, die freilich eine nurmehr repräsentative Theokratie darstellte; und wenn vollends die spätere Priesterherrschaft, die nach dem Untergang des Reiches und dem Ende des Exils errichtet wurde, einen Verfall der wahrhaften Theokratie zu einer machtbewußten Hierokratie darstellte, so konnte doch nur durch Esras religiöse Reformen der ethnische Fortbestand des Judentums gesichert werden.

 

Mit dem politischen Untergang Israels ging allerdings auch der Aufstieg eines rebellischen Messianismus einher, der »seinem Ursprung und Wesen nach eine Katastrophentheorie« war und sich daher von Anbeginn zur priesterlichen Gesetzesreligion widerständig querstellte. Gershom Scholem legte in diesem originellsten Ideenkomplex des Judentums die gegenstrebigen Tendenzen von »Restauration und Utopie« frei, und Jacob Taubes zeichnete die Radikalisierungslogik dieses frühen Messianismus nach, der von der Prophetie über die Apokalyptik bis hin zur Gnosis nachgerade eskalierte.


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