Sezession
1. August 2011

Zur Politischen Theologie des Judentums

Gastbeitrag

Während Scholem sich besorgt zeigte über solche »dämonischen Formen jüdischen Geistes« und an das pharisäische Gebot erinnerte, »den Messias nicht zu bedrängen«, lehrte Taubes freimütig, ohne revolutionären Einsatz gerade dieses »dämonisch zerstörenden Elements« könne die gottlose Welt nicht gerettet werden. Schließlich war von jeher »das wesentliche Verhalten Israels zum Leben durch das Pathos der Revolution bestimmt.« Bereits in dem Kampf zwischen Römern und Zeloten sah der linke Taubes gut apokalyptisch »zwei Weltprinzipien« aufeinandertreffen: »das Weltreich der Herren mit der Weltrevolution der Unterdrückten.« An der rechten Front wiederum brachte Ernst Niekisch analog die »imperialen Figuren« des »römischen Cäsar« und des »jüdischen Messias« gegeneinander in Stellung, die ihm den ewigen Widerstreit zwischen etatistisch-herrschaftlichem Geist und anarchistisch-nihilistischem Instinkt verkörperten. Indessen konnten die nihilistischen Impulse der jüdischen Aufklärung ihre theopolitische Wirkung erst entfalten, als der chiliastische Wille, den Himmel gewaltsam auf die Erde zu zwingen, auch das Säkularisierungsprojekt der europäischen Aufklärung zu durchdringen begann.

 

Dem tiefblickenden Hans-Dietrich Sander schien diese sich bereits mit Spinoza »dämonisiert« zu haben, aber auch Hans-Joachim Schoeps nannte den orthodoxen Bannfluch gegen den rationalistischen Aufklärer »einen Segen«. Dabei betrieb Spinozas Tractatus theologico-politicus mit seinem Programm einer überkonfessionellen Vernunftreligion gerade keine politische Mobilisierung des theologischen Erbes, sondern vielmehr dessen liberale Neutralisierung. Jene sollte sich erst in den »politischen Messianismen« der säkularen Moderne sukzessiv vollziehen: Waren die bürgerlichen Nationalismen und utopischen Sozialismen noch von einem »prophetischen« Fortschrittsglauben beseelt, so bedeutete die revolutionäre Wendung des Marxismus schon eine »apokalyptische« Verschärfung in kapitalistischen Krisenzeiten; und die anarchistische Sprengkraft »gnostischer« Welterlösungslehren wurde schließlich in der katastrophischen Weltkriegsepoche unter dem katalysierenden Einfluß jüdischer Apostaten freigesetzt. Es war Schoeps, der den Nerv des Problems schmerzhaft traf: »Der Mensch, der nicht mehr in der Furcht des Herrn steht, also nicht mehr als Geschöpf Gottes Willen tut, steht allerdings in seiner Eigenmächtigkeit und seinem Schöpferanspruch gegen Gott. Und weil der Abfall vom Judentum keine so harmlose Sache ist, wie wenn ein Christ aus der Kirche austritt, ist er allerdings durch und durch ein dämonischer Vorgang, insofern das Gegenstück zur Erwählung die Verwerfung ist und der abgefallene Jude nicht bloß ins Heidnische zurücksinkt, sondern Gottes Widersacher wird.«

 

Bekenntnishaft erhob Ernst Bloch das »luziferische Wesen« des Menschen, das »Schaffenwollen oder Seinwollen wie Gott«, zum Prinzip seiner bolschewistisch gestählten Hoffnung auf eine mystische Theokratie. Sein furchtloser »Exodus Hiobs aus Jachwe« zielte auf eine atheistische Selbsterlösung des an Gott verzweifelten Menschen, denn »ohne Atheismus findet Messianismus keinen Platz: Ubi Lenin, ibi Jerusalem.«Solchen gnostisch erleuchteten Marxismus in einem apokalyptisch entfesselten Anarchismus noch überbietend, rühmte Walter Benjamin in seinem Theologisch-politischen Fragment es als Blochs größtes Verdienst, »die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben.« Benjamin wähnte alle staatlich profanierte Politik dem Untergang geweiht, und diesen schleunigst herbeizuführen, galt ihm als »Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.« Noch vor Erscheinen von Carl Schmitts Politischer Theologie beschwor jener in seiner frühen Kritik der Gewalt den »Ernstfall« der »Entscheidung« und propagierte eine Politische Theologie der Gewalt, die – in schärfstem Gegensatz zu Schmitts katechontischer Staatsrechtslehre – alles menschliche Recht als etwas Mythisches und Morsches der Vernichtung anheimgab. Das »Dogma der Heiligkeit des Lebens« als »letzte Verirrung der geschwächten abendländischen Tradition« diffamierend, stilisierte Benjamin den »destruktiven Charakter« zum revolutionären Beschleuniger der messianischen »Jetztzeit« empor, denn »echte göttliche Gewalt kann anders als zerstörend nur in der kommenden Welt sich manifestieren.« Gegen das schlechte Bestehende »waltet« die göttliche Gerechtigkeit allemal »schlagend und macht nicht halt vor der Vernichtung«; diese aber wirke »auf unblutige Weise letal«.Unter allen Exegeten Benjamins war es allein Jacques Derrida, den bei diesen Worten ein »Schwindelgefühl« befiel angesichts der ebenso naheliegenden wie verstörenden Assoziation zu den gleichfalls »unblutig letal« wirkenden »Gaskammern und Brennöfen«, denen sich Benjamin auf der Flucht vor den Nationalsozialisten durch Selbstmord entzog: »Die Vorstellung, daß man den Holocaust als Entsühnung und unentzifferbare Signatur eines gerechten und gewaltsamen göttlichen Zorns deuten könnte, versetzt uns in Angst und Schrecken.« Eine solche sakralisierende Deutung, wie sie von seiten des orthodoxen Judentums gleichwohl immer wieder gegeben wurde, läßt sich profan und prinzipiell bestreiten. Was aber bleibt, ist Derridas eingestandene »Versuchung«, gerade in dem unerbittlichsten Feind des Judentums nur dessen eigenste Frage in vernichtender Gestalt wiederzuerkennen. Dann freilich offenbarte sich in Benjamins tragischem Schicksal die gespenstische Dialektik eines Diktums von Jacob Taubes: »Das Judentum ›ist‹ politische Theologie – das ist sein ›Kreuz‹.«

 


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