Sezession
3. Mai 2012

Schwarze Magie in der Wiener Straßenbahn

Martin Lichtmesz

Dröseln wir den Gedankenkuddelmuddel auf. Die alten Kleber zeigten zwei männliche und zwei weibliche Lebewesen, die beiden Geschlechter waren also 50:50 vertreten. Kein Mensch, der den Sinn der Kleber verstanden hat, wäre nun etwa sitzengeblieben, wenn statt einem alten Mann eine alte Frau die Straßenbahn betreten hätte, oder auch nur ein alter Mann ohne Bart und ohne Gehstock. Jedes Kind versteht, daß die beiden männlichen Figuren alle Gebrechlichen und alle Behinderten meinen, egal, welches Geschlecht sie haben. Alt und behindert können Männer wie Frauen gleichermaßen sein. Die beiden anderen, weiblichen Figuren sprechen dagegen spezifisch weibliche Bedürftigkeiten an: es kann eben nur eine Frau schwanger sein, und Frauen mit Babys und Kinderwägen sind nun mal eine üblichere Erscheinung als Männer mit Babys und Kinderwägen. Man sieht auch gelegentlich Männer, die Babys tragen und Kinderwägen führen, meistens aber in Begleitung einer Frau. Aber auch hier sollte jeder Depp begreifen, daß es hier nicht in erster Linie auf die Frau ankommt, sondern auf das Kind, welches quasi die "Behinderung" ist.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Neufassung zeigt nun also drei Frauen und einen Mann, der eine typisch weibliche Tätigkeit ausübt. Damit steht das Verhältnis also (mindestens) 3: 1 zugunsten der Frauen, womit die alten Kleber eindeutig ausgewogener und "geschlechtergerechter" waren. Aber auf "Gerechtigkeit" kommt es denn Genderbendern ja nicht an, sondern um einen Kulturkampf auf der Symbolebene. Dieser wird in jeden noch so unpolitischen Winkel hineingetragen. Die Kampagne verdreht den Sinn des Klebers (wie gesagt: die Ermahnung der Fahrgäste, körperlich Bedürftigen die Sitzplätze zu überlassen) und instrumentalisiert ihn zum Moskito der ideologischen Beeinflussung und Gehirnwäsche.

Die Feminisierung des Mannes gehört, gleichwohl unausgesprochen oder in euphemistische Sprache verpackt, zu den Hauptanliegen und Hauptergebnissen des "Gender Mainstreaming" , das im Endeffekt vor allem den neurotischen Selbsthaß beider Geschlechter schürt und aus diesem wohl auch seine hauptsächliche Antriebskraft bezieht. Die Frau soll dabei weniger "vermännlicht" als "entmütterlicht" werden. Denn sieht man sich die Kleberkampagne genau an, so war es eben offenbar in erster Linie die Darstellung einer Mutter mit Kind, die den Betreibern ein Dorn im Auge war. Die Umwandlung des Seniors und des Blinden in weibliche Gestalten bringt keinerlei Aussage und keinerlei Aha-Effekt mit sich, führt in keiner Weise dazu, irgend etwas "anders zu sehen", weil Alter und Blindheit bekanntlich nicht geschlechtsspezifisch sind. Die schwangere Frau muß eine Frau bleiben, weil es (zum Leidwesen der Genderfanatiker) eben biologisch nicht anders geht. Bleibt also nur eine Figur übrig: die ganze Kampagne wurde mit anderen Worten lediglich aufgezogen , um das Bild einer um ihr Kind sorgenden Mutter aus dem öffentlichen Raum zu tilgen. Mit dem weiteren Ergebnis, daß das Augenmerk des Klebers nun nicht mehr dem zu schützenden Kleinkind gilt, sondern dem Mann und seiner neu zugedachten Rolle.

Wie wirksam ist diese "schwarze Magie" tatsächlich? Als omnipräsente subliminale Suggestionstaktik habe diese Kleinigkeiten und Ideologiemücken gewiß einen Effekt auf die allgemeine Bewußtseinsbildung. Dadurch wird die Welt freilich nicht wesentlich "anders" und schon gar besser im Sinne der Sozialingenieure, aber ein gutes Stück dümmer, wirrer und mürber. Steter Tropfen höhlt den Stein.  Ich finde immer wieder von neuem die Widerstandslosigkeit und Passivität verblüffend, mit der heute der offensichtlichste Unfug akzeptiert und hingenommen wird. Nicht nur in Österreich ist die Gesellschaft von einer Art geistigen Immunschwäche befallen, die inzwischen in eine epidemische Demenz übergeht, so lange, bis bald keiner übrigbleibt, dem der Witz noch auffällt.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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