Sezession
26. Juli 2012

Identitäre Notizen zur Beschneidungsfrage

Martin Lichtmesz

Karlheinz Weißmann weist in der aktuellen JF (30-31/2012) allerdings auch darauf hin, daß es in christlichen Ländern ebenso üblich war, die Beschneidung als barbarisch aufzufassen:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In Europa ließ sich seit der Antike eine sukzessive Abwendung von den seit alters üblichen Praktiken der Körpersymbolik (Narbung, Amputation, dauerhafte Bemalung) beobachten. Aufschlußreich ist weiter, daß die "Gottesfürchtigen", von denen im Neuen Testament gesprochen wird, die Symphatien für den Monotheismus und die Idee einer ethischen Religion hatten, doch den Übertritt zum Judentum vermieden, wegen der Notwendigkeit, sich die Vorhaut abtrennen zu lassen. Derartiges galt als Verstümmelung und als barbarisch, so wie übrigens auch die Tätowierung, die die Römer mit Abscheu betrachteten.Der Prozeß hat sich unter dem Einfluß des Christentums kontinuierlich fortgesetzt und zur Abdrängung der Gezeichneten in Randgruppen geführt. Daran, daß der europäische Schönheitsbegriff immer mit Unversehrtheit zusammenhing, ist jedenfalls nicht ernsthaft zu zweifeln.

Mit letzterem Satz schließt sich auch der Kreis zu meiner einleitenden Anekdote.

Das Dilemma jedenfalls, das im Gefolge von Köln wieder sichtbar wird, ist ein Resultat der Weigerung und Unfähigkeit, nach außen zu "diskriminieren" (im Sinne von "unterscheiden"): anstelle etwa Einwanderer im Vornherein nach kultureller Kompatibilität auszuwählen, und die Spielregeln vorher festzulegen, ist man dann gezwungen, im Nachhinein im Inneren herumzuschnipseln, zu schieben, zu quetschen und zu "diskriminieren".  Denn aus der liberalen Logik heraus kann man nicht guten Gewissens zuerst Millionen Moslems ins Land holen, und ihnen anschließend Moscheen, Kopftücher, Koranwerbung, Polygamie, Schächten oder Beschneidung verweigern.

Die gesetzlichen Maßnahmen lavieren dann zwischen Kompromiß und Schikane, doktern mal da, mal dort herum, gehen aber niemals an die Wurzel des Problems. Am Ende steht wie immer die unvermeidliche Identitätsfrage: wer oder was gehört zu uns, und wer oder was nicht? Das inkludiert natürlich auch die Frage, inwiefern diejenigen, die nicht zu uns gehören, aber unter uns und mit uns leben, geschützt oder zu Anpassungsleistungen verpflichtet werden sollen.

PI-Autor Michael Stürzenberger, unlängst "gewürdigt" von Hannes Stein auf der Achse der Ungusteln, schrieb:

Jeder kann glauben, was er will, solange er andere damit nicht belästigt oder Gesetze verletzt. Für Kinder in Deutschland gilt das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Was Juden in Israel oder Moslems in Saudi-Arabien machen, geht uns nichts an.

Was Juden und Moslems mit ihren Kindern tun, geht Nicht-Juden und Nicht-Moslems aber prinzipiell nichts an (et vice versa), und in Deutschland nur soviel, als es nicht die öffentliche Ordnung gefährdet (wie zB im Falle des Tragens einer Burka). Und man kann in einen im Falle der Juden jahrhundertelang auf deutschem (und sonstigem) Boden geduldeten Traditionszusammenhang nicht von heute auf morgen eingreifen, ohne Schaden anzurichten, vor allem dann nicht,wenn es sich um eine für die Betroffenen so essenzielle Frage handelt. Folgt man Stürzenbergers Logik, müßte man konsequenterweise die ganze "Judenfrage" bis zurück ins Anno Herzl ff. wieder aufrollen.

Zurück zu Köln. Der verantwortliche moslemische Vater ging straffrei aus:

Der Angeklagte handelte jedoch in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum und damit ohne Schuld (§ 17 Satz 1 StGB).
Der Angeklagte hat, das hat er in der Hauptverhandlung glaubhaft geschildert, subjektiv guten Gewissens gehandelt. Er ging fest davon aus, als frommem Muslim und fachkundigem Arzt sei ihm die Beschneidung des Knaben auf Wunsch der Eltern aus religiösen Gründen gestattet. Er nahm auch sicher an sein Handeln sei rechtmäßig. Der Verbotsirrtum des Angeklagten war unvermeidbar.

Damit ist er nun glimpflicher davongekommen als etwa letztes Jahr eine christliche Mutter, die zu 43 Tagen Haft verurteilt wurde, weil sie aus Glaubensgründen ihre Kinder nicht dem Sexualunterricht in der Schule aussetzen wollte.  Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2007 darf Eltern gar das Sorgerecht entzogen werden, wenn sie ihre Kinder an bestimmten Teilen des Schulunterrichts nicht teilnehmen lassen wollen. Die deutschen Gerichte "diskriminieren" also auch mit Härte gegen jene Religion, die ein wichtiger Bestandteil unserer eigenen Kultur ist.

Hier sitzen die Religionen, trotz aller theologischen Differenzen auch über die Vorhautfrage, in der Tat in einem Boot. So mancher, der sich in diesen Tagen gefreut hat, daß diesmal die unter Naturschutz stehenden Moslems und Juden die GG-Keule abbekommen haben, erinnert mich ein wenig an die Sorte von PI-Fans, die jubelt, wenn Broder mal wieder einen "Antisemiten" vermöbelt hat.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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