Sezession
26. Juli 2012

Identitäre Notizen zur Beschneidungsfrage

Martin Lichtmesz

Man kann die Trennung von Staat und Religion als eine Errungenschaft der Neuzeit ansehen, die mit der Polarität Kaisertum-Papsttum eine bis ins Mittelalter zurückreichende Wurzel hat; die Spannung und latente Feindschaft zwischen beiden wird jedoch nie ganz aufgehoben werden können. Der religiöse Mensch wird immer eine höhere Instanz als den Staat anerkennen; damit kann er zum schlimmsten Feind des Staates, zum Waldgänger werden, der dem Leviathan Widerstand leistet.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der Staat wiederum kann schnell zum Vollstrecker "verkappter Religionen", politischer Ideologien und Parteieninteressen werden. Das ist der Fall, wenn er die sakrale Substanz der Religionen und das Erziehungsrecht der Familie unter dem Banner von Menschenrechts-, Gleichheits- und Antidiskriminierungsdogmen angreift. Als Konservativer zögere ich hier nicht lange mit einer grundsätzlichen Parteinahme, mag mein Kollege Manfred Kleine-Hartlage dies auch als "ortlos" oder "abstrakt" ansehen.

Zuletzt: das Thema birgt eine faszinierende Geschichte, die sich gerade die Studenten des "Identitären" genauer ansehen sollte. Auch wenn es sich dem Horizont vieler Nicht-Juden entzieht, und vielleicht lächerlich, absurd oder gar barbarisch erscheint, hat die Praxis der Beschneidung eine konstituive Bedeutung für das Judentum, die man kaum unterschätzen kann. Das auf den mythischen Stammvater Abraham zurückgehende, ins Fleisch der Zeugung geritzte Zeichen des Bundes Jahwes mit seinem Volk, ist ein wesentlicher Baustein, warum Israel als einziges antikes Volk bis auf den heutigen Tag überlebt hat. Die Macht dieser jahrtausendealten Tradition ist so stark, daß sie selbst in den großteils säkularen Juden von heute fortlebt.

So kommt es auf jüdischer Seite zu ebenso bizarren wie aufschlußreichen Reaktionen wie jenen des "Asia Times"-Kolumnisten David P. Goldman ("Spengler"), der angesichts des Kölner Beschneidungsurteils den Deutschen ihren Untergang als Volk prophezeite (oder auch androhte?), sollten sie es wagen, sich am heiligen jüdischen Zipfel zu vergreifen, dessen Amputation sich überdies als das Erfolgsmodell für das Überleben eines Volkes schlechthin bewährt hätte. Ein Rundumschlag inklusive demographischer Statistiken, biblisch-prophetischem Tonfall und Evozierung der Untaten des Nationalsozialismus und des angeblich ewigen deutschen Antisemitismus.

Das ist mehr als eine Skurrilität: es ist ein schlagendes Beispiel für die identitätsbildende, mythische, erstaunlich hartnäckige Kraft des jüdisch-messianisch-biblischen Narrativs, die in einem gewissen Sinne auch dieselbe ist, die das Abendland über zwei Jahrtausende lang, bis auf den heutigen Tag, in Gang gehalten, ja zu einem erheblichen Grade erschaffen hat. (Weißmann wies etwa in der JF auch daraufhin, daß im britischen Königshaus beschnitten wird und sich das "Nationalbewußtsein Albions immer an den Mustern ausgerichtet" hat, "die im Alten Testament vorgegeben waren, angefangen bei der Idee der eigenen Auserwähltheit und endend bei dem Gedanken, daß das neue Zion nur in England errichtet werden könne." )

Ähnlich heftig überzogen wie Goldman reagierten die deutschen Repräsentanten des Judentums, die reflexartig zur bewährten Keule griffen, um die deutschen Politiker in ihre Richtung zu scheuchen, was auch prompt funktionierte. Man mag ihren aggressiven Gestus, sofort die schweren Kanonen auszupacken und sich arrogant über berechtigte Einwände (und der juristische ist nun kein Geringer) hinwegzusetzen, unsympathisch oder gar komisch finden finden: im Kern haben sie recht, daß hier ein Fundament ihrer Existenz als Volk (welches sich nach Spengler - dem originalen! - vor allem durch ein "seelisch-inneres" Erlebnis des "Wir" definiert)  in Frage gestellt wird. Sich dagegen zu wehren ist ihr gutes Recht. Diese Entschlossenheit, die Fundamente der eigenen Identität nicht zur Disposition zu stellen, und sei es um den Preis eines irrationalen Beharrens, ist genau das, was den Deutschen abhanden gekommen ist.

Bild: Friedrich Herlin, Beschneidung Jesu (1466)


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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