Sezession
2. August 2012

In der rosaroten Gehirnwindung

Martin Lichtmesz

Ich versuche das mal zu entwirren: 1. Sperl erhebt den Vorwurf, daß Holmes und Breivik "von der Gesellschaft", in der sie "gelebt" haben, "isoliert" werden, ohne daß deren Mitverantwortung betrachtet werde. 2. Sperl erhebt den Vorwurf, daß moslemische Terroristen nicht von der Gesellschaft, in der sie gelebt haben, isoliert werden und deren Mitverantwortung behauptet werde. Ha.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Wie rollt man so einen heillosen clusterfuck auf? Kann es sein, daß es "den Journalisten" angesichts von islamischen Terroristen weniger aus Rassismus oder ähnlichen Vorurteilen nicht "in den Sinn" kommt, von klinischer Pathologie zu sprechen, weil diese in der Regel einen klar definierten politischen und ideologischen Hintergrund haben, vor allem aber die Täter selten als Einzelgänger handeln, sondern in der Regel im Verbund mit weitläufigen terroristischen Netzwerken?

Kann es sein, daß es hier einen deutlich auffallenden Unterschied zwischen islamischen Terroristen und "einsamen Wölfen" aus der amerikanischen Killerfolklore wie Charles Whitman, George Sordini, Cheung Hu-Cho und eben James Holmes gibt, die völlig auf eigene Faust und ohne jegliche politische Motivation agierten?

Gibt es außerdem keine gravierenden Unterschiede zwischen dem sichtlich verwirrten und sprachlosen Holmes und dem hochartikulierten, hochideologisierten Breivik, der seine Gerichtsverhandlung bewußt als Bühne für seine "Message" und narzißtische Selbstinszenierung nutzte? Zwischen Holmes, der seine Opfer nach dem Zufallsprinzip wählte, und Breivik, der eine ganz bestimmte politische Zielgruppe attackierte?

Und vor allem: es ist keineswegs so, daß "die Journalisten" beflissen gewesen wären, Holmes oder Breivik allzu rasch in die Gummizelle zu winken. Eine solche Geschichte muß man melken, soviel es eben geht. Jim Goad bemerkte, daß seit dem Massaker in Denver ganz Amerika auf den den Beinen sei, um krampfhaft einen Schuldigen zu finden - wie schon im Fall Jared Loughner vor einem Jahr. Dabei gab es schier nichts, was bisher nicht genannt wurde: Actionfilme, Waffenlobbies, Waffengesetze, Anti-Staatsparanoia, "Hate Speech", die Tea Party, die Occupy-Bewegung, der Kapitalismus, das Christentum, der Haß auf "judäo-christliche Überzeugungen" und so weiter und so fort. Goad dazu trocken:

They’ve obviously ruled out the shooter.

Der unendlich komplexere Fall Breivik wurde nun in der Tat "von der Gesellschaft, in der er gelebt hat" isoliert - aber einem ganz anderen Sinne, als sich Sperl das wohl vorstellt. Denn Breivik lebte in einer "Gesellschaft" die von einer linken, politisch-korrekten Politik gesteuert wird, deren Ideologie nahezu uneingeschränkt die Massen- und Mainstreammedien, Universitäten und den öffentlichen Raum beherrscht.  Man hatte allerdings auch rasch ein "enges und weiteres Umfeld" gefunden, das man nun nach Herzenlust beschuldigen und diffamieren konnte: die "Counterjihad"-Bewegung und allgemein die multikulturalismus- und islamkritische Rechte.

Dieser saftigen politischen Chance stand eine psychiatrische Diagnose Breiviks eher im Weg (auch wenn sie dialektisch insofern versatil ist, als mit ihr die gesamte "Counterjihad"-Bewegung als Fall für die Klapsmühle dargestellt werden kann). In der Tat bleibt die Frage, ob Breivik pathologisch oder nicht, zurechnungsfähig oder nicht ist, weiterhin umstritten. Bis dato gab es mehrere widersprechende Gutachten. Der aktuelle Stand entspricht meinem eigenen Urteil von Anfang an: daß er "an einer Persönlichkeitsstörung leide, aber zurechnungsfähig sei" (Wikipedia).

Linke entlasten gerne andere Linke, Moslems und Einwanderer, indem sie Tatbestände "isolieren" und den Blick auf das bloß Individuelle lenken. Das ist aber bloß eine Frage der taktischen Perspektive. Gegenüber der Seite, die sie angreifen und bekämpfen wollen, sind sie bekanntlich nicht gerade zögerlich, sofort die weitgefaßtesten "Mitschuld"-Klammern aufzumachen und die wildesten Anklagen zu erheben. Davon abgesehen tendieren sie aufgrund ihrer Ideologie generell dazu, "die Gesellschaft" (und damit ist immer ihre eigene gemeint) für kriminelle Untaten verantwortlich zu machen, während Rechte oder Konservative eher dazu neigen, die Eigenverantwortlichkeit des Individuums zu betonen.

Daß aber gerade bei dem Auftauchen von pathologischen Massenmördern und Terroristen, die ja in der Regel nach einem öffentlichen Effekt gieren, beide Faktoren, das Individuum und die Gesellschaft, in der es lebt, eine Rolle spielen, sollte allerdings jedem über die Schlagzeilen hinausdenkenden Menschen klar sein. Terrorismus und Amoklauf sind gewiß ernste gesellschaftliche Krisensymptome. Von links her sind sie allerdings nur sehr eingeschränkt in den Griff zu kriegen.

Meinungsmacher wie Sperl erinnern mich immer wieder daran, daß es heute die ehrenvollste Aufgabe der Nicht-Linken ist, dicke Bretter zu bohren, die Stränge des Knäuels zu sortieren und präzise Differenzierungen vorzunehmen.  Und ich meine, daß die momentan beste und vielschichtigste Auseinandersetzung mit diesen Dingen in meinem Bonus-Essay zu dieser Anthologie der Edition Antaios zu finden ist.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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