Sezession
23. August 2012

Dogma oder Wissenschaft? – eine Dankrede

Gastbeitrag

Ich führe noch einige Bemerkungen oder Feststellungen aus dem Buch von Jörg Baberowski, Professor an der Humboldt-Universität Berlin, mit dem Titel Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt an, um zwei Merkmale der sowjetischen Verhältnisse deutlich zu machen, die den Unterschied zu allen vergleichbaren Realitäten, einschließlich derjenigen im nationalsozialistischen Deutschland, kennzeichnen. Es handelt sich einmal um die Nähe der bolschewistischen Revolution zu jener spontanen und häufig sehr grausamen »Volksrevolution«, die aus den Erfahrungen des Krieges hervorging und von den Bolschewiki nicht aufgehoben, sondern nur systematisiert und bürokratisiert wurde: »Die Opfer wurden in siedendes Wasser geworfen, gehäutet, gepfählt, bei lebendigem Leib begraben oder in winterlicher Kälte nackt auf die Straße getrieben und mit Wasser übergossen«. Und als der Hauptexekutor des »Großen Terrors«, Nikolaj Jeschow, schließlich zum Tode verurteilt wurde, starben mit ihm »alle seine Gefolgsleute und deren Verwandte, Frauen wie Kinder, 346 Menschen«. (S. 74 und 361)

Im ganzen darf ich meinen Ansatz von 1963 im Faschismus in seiner Epoche, der den Sowjetkommunismus und bereits dessen Präzedens in Marx’ Kommunistischem Manifest mit dessen »Todesurteil« über »die Bourgeoisie« als Voraussetzung und Ausgangspunkt des »Bürgerkriegs« zwischen der älteren, tiefer in der Geschichte verwurzelten Ideologie des »Marxismus-Leninismus« und der tendenziell auf der gleichen Ebene re-agierenden Ideologie des Hitlerschen »Radikalfaschismus« betrachtete, insgesamt und wieder einmal bestätigt sehen. Aber schon dieses Buch war nicht eine Polemik oder Schulderklärung gegenüber dem Marxismus-Leninismus, sondern es verstand diesen als einen »großen Glauben«, der angesichts der »Blutmühle« des Ersten Weltkriegs auf militante Weise die Hoffnung auf eine »verschmolzene« Menschheit ohne Staaten, Klassen und Einzelkulturen verwirklichen wollte und gerade deshalb zu der »größten Kraft der Vernichtung« wurde, die es bis dahin in der Weltgeschichte gegeben hatte, nämlich den Willen zur Vernichtung des streiterzeugenden, weil auf individuellem und kollektivem Egoismus beruhenden »Kapitalismus«. Diese Weltrevolution des militanten Globalismus oder Universalismus sollte der Doktrin zufolge als radikal umwälzende und rein positive Fortentwicklung des bis dahin nur in den »industriell entwickelten« Ländern existierenden und gerade dort in Gestalt der sonst überall unbekannten Selbstkritik heftig angegriffenen kapitalistischen Wirtschaftssystems ihren letzten und definitiven Fortschritt machen und die ganze Menschheit zu einer harmonischen und rundum sittlichen, weder Polizei noch Gefängnisse benötigenden Gemeinschaft werden lassen.

Aber wenn diese zugleich »progressive« und »utopische« Konzeption sich nicht realisierte, dann mußte »der Kapitalismus« als das einzigartige gesellschaftliche System des politischen Liberalismus und des ökonomischen Unternehmertums erscheinen, dem als »okzidentalem« bisher aller Fortschritt zu verdanken war und dem der bloße Anspruch eines noch in den Anfangsstadien der Entwicklung steckenden und schon deshalb »barbarischen« Landes feindlich gegenüberstand. Das bedeutete, daß weder der einen noch der anderen Seite ein vollständiges Recht oder ein vollständiges Unrecht zuzuschreiben war. Es bedeutete ebenfalls, daß die zweite und sekundäre Ideologie sowie ihr Regime und ihr Staat sich von Anfang an in der Position einer Defensiv-Aggressivität befanden. Das wird besonders deutlich in der stets auf sehr einseitige Weise interpretierten geheimen Denkschrift Hitlers zu den »Aufgaben eines Vierjahresplans« von 1936, wo es heißt: »Ein Sieg des Bolschewismus über Deutschland [der offenbar als möglich angesehen wird] würde … zu einer endgültigen Vernichtung, ja Ausrottung des deutschen Volkes führen … Gegenüber der Notwendigkeit der Abwehr dieser Gefahr haben alle anderen Erwägungen als gänzlich belanglos in den Hintergrund zu treten« (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1955, S. 204f.). Als unerläßliche Voraussetzung der erfolgreichen Abwehr nennt Hitler die Verwirklichung des Postulats, daß eine radikal-antikommunistische Partei ebenfalls einen »Katechismus« besitzen müsse, also eine genuine Gegen-Ideologie, denn sonst sei der Kampf »von vornherein verloren«. (RSA Bd.1, S. 109) Eben dadurch hatte Hitler bereits in seinen Anfängen die schwerstwiegende und potentiell verhängnisvollste seiner Entscheidungen getroffen, denn er machte sich von seinem Hauptfeind innerlich abhängig, so daß dieser Bürgerkrieg einen Charakter gewann, den noch kein politischer Bürgerkrieg gehabt hatte, nämlich denjenigen eines Entscheidungskampfes um das Schicksal der Menschheit in der Gegenwart und der Zukunft.

Aber eben deshalb wurden auch Fragen allenfalls nur ansatzweise gestellt wie die folgenden: Mußte nicht trotz dieses »kausalen Nexus« im Nationalsozialismus die »okzidentale« Version des »Totalitarismus« gesehen werden? Gab es nicht vielleicht eine Alternative zu der allein zur Wirklichkeit gewordenen extremen Gestalt des Nationalsozialismus? Mußte im Hinblick auf »Gulag« und »Auschwitz« nicht das meist Übersehene zu Wort gebracht werden, nämlich im ganzen die Unterscheidung zwischen »sozialer« und »biologischer, ja überbiologischer« Vernichtung und damit die Einsicht, daß das Abgeleitete unter philosophischen Gesichtspunkten »böser« sein konnte als das Ursprüngliche, aber auch das paradoxe Nebeneinander von radikalem Vernichtungswillen und »humanitären« Erwägungen im Falle des Nationalsozialismus?

Dennoch würde vermutlich niemand mit leidenschaftlichem Nachdruck von »nicht-gestellten« Fragen sprechen, wenn es sich nur um einen internationalen Bürgerkrieg von noch so unvergleichlicher Art gehandelt hätte. Starke und weitverbreitete Emotionen wurden und werden nur erweckt, wenn es sich um die Frage der Beteiligung oder sogar der Ursächlichkeit konkreter Menschengruppen handelt, vornehmlich »der Deutschen« und »der Juden«. Daß der Nationalsozialismus »deutsch« sei, wurde kaum je bezweifelt, aber daß der Kommunismus »jüdisch« sei, war eine der zentralen Thesen der nationalsozialistischen Propaganda, und deshalb wird jede Wiederaufnahme dieser Fragestellung von vornherein als »Apologie Hitlers« verstanden, obwohl in der Fachliteratur und weit darüber hinaus die Feststellung, daß im frühen Bolschewismus die Beteiligung von Juden »stark« oder »sehr stark« gewesen sei, so gut wie selbstverständlich ist.


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