Sezession
23. August 2012

Dogma oder Wissenschaft? – eine Dankrede

Gastbeitrag

Um heute eine wissenschaftlich begründete Antwort auf die mindestens in Deutschland »nie gestellte Frage« zu gewinnen, ob die nationalsozialistische Propagandathese einen »rationalen Kern« enthalten habe, ist es empfehlenswert, sich nicht an deutsche Historiker und Publizisten zu wenden, sondern an jüdische Autoren. In der frühesten Zeit des bolschewistischen Regimes schrieb der berühmte jüdische Historiker Simon Dubnow aus der unmittelbaren Zeugenschaft des Zeitgenossen nach dem Anschlag auf Lenin im August 1918: »Es ist gut, daß gerade Juden diese Tat vollbracht haben, denn dadurch wird die furchtbare Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Beteiligung am Bolschewismus beladen haben …Der brennende Haß gegen die Bolschewisten wird zu einem ebenso brennenden Haß gegen die Juden.« Der längst vorhandene »Antisemitismus« in der russischen Bevölkerung wurde also durch die Erfahrung des Bolschewismus ganz außerordentlich verschärft. Das Attentat gegen Lenin wurde jedoch zunächst zur unmittelbaren Ursache des Regierungsdekrets über den »Roten Terror«, und bei dem gigantischen Blutvergießen, das die Folge war, traten unter Rufen wie »Tausend von euch für einen von uns!« als Feinde wieder »die Bourgeois« in den Vordergrund.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und im Wissen um den »Holocaust« veröffentlichte Sonja Margolina, die sich im Vorspruch stolz »die Tochter eines jüdischen Kommunisten« nennt, im Jahre 1992 ein kleines Buch mit dem befremdenden Titel Das Ende der Lügen: Nach dem Sturz des Zarismus (war darin zu lesen) sei »der nicht selten gebrochen russisch sprechende jüdische (lettische) Kommissar mit Lederjacke und Mauserpistole typisch für das Erscheinungsbild der revolutionären Macht geworden … zum ersten Mal erschienen sie [die Juden] nicht als Opfer, sondern als Täter … Die Tragödie des Judentums bestand darin, daß es keine politische Option gab, um der Rache für die geschichtliche Sünde der Juden – ihre exponierte Mitwirkung am kommunistischen Regime – zu entgehen. Der Sieg des Sowjetregimes hatte sie zeitweilig gerettet; die Vergeltung stand ihnen noch bevor«. (S. 45, 47 und 66)

Aus den Begriffen »Rache« und »Vergeltung« mußten sich Weiterungen ergeben, so gewiß Sonja Margolina die faktischen »Gegenmaßnahmen« der deutschen Nationalsozialisten und ihrer in Osteuropa zahlreichen Verbündeten als asymmetrisch und exzessiv verurteilt hätte. Gravierende Unterscheidungen innerhalb allzu ungenauer Begriffe wie »Juden« und »Holocaust« mußten also getroffen werden, vornehmlich zwischen deutschen und sowjetischen Juden und zwischen dem Begriff des »Feindvolkes hinter der Front« und demjenigen des »Weltfeindes«, und ich habe es daran nicht fehlen lassen.

Die Verurteilung ist auf die nachdrücklichste Weise von einem überaus einflußreichen Juden vollzogen worden, und zwar in eins mit einer Einschätzung der eigenen Rolle, die auch heute alles andere als evident ist, nämlich von Chaim Weizmann in seiner zuerst 1947 publizierten Autobiographie Trial and Error: »In dem Kampf gegen das Nazi-Monster konnte niemand stärker engagiert sein [»no one could have a deeper stake«]; niemand konnte fanatischer bestrebt sein, zu der gemeinsamen Sache einen Beitrag zu leisten als die Juden« (Bd. 2, S. 417). »Die Juden« erscheinen also hier nicht primär als Opfer Hitlers, sondern als solche und tendenziell im ganzen als seine schärfsten, ja geradezu entscheidenden Feinde.

Nicht weniger an Selbstgewißheit wies die in der Wertung schroff entgegengesetzte Aussage Hitlers auf, die er trotz der für ihn aussichtslosen Situation in seinem »Politischen Testament« formulierte: »Die Universalisten, Idealisten und Utopisten zielen ins Nichts. Sie versprechen ein unerreichbares Paradies und betrügen damit die Welt. … Sie arbeiten insgesamt an der Unterjochung des Menschengeschlechts.«


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