Sezession
23. August 2012

Dogma oder Wissenschaft? – eine Dankrede

Gastbeitrag

Das abschließende Resultat meines Nachdenkens ist daher das folgende: Sowohl der Sowjetkommunismus als auch der Nationalsozialismus haben sich mit einer »Sache« identifiziert, die einen machtvollen Bestandteil der gegenwärtigen Grundsituation ausmacht: der »Globalisierung« als Erscheinungsform der »Transzendenz« auf der einen Seite und der Realität des menschlichen Lebens in der Vielfalt seiner Merkmale und Strukturen auf der anderen. Beide haben ihren Teil des historischen Rechts nicht nur von vornherein durch die Nähe zu partikularen Wirklichkeiten wie Rußland oder das bedingungslose Festhalten an dem Begriff des Krieges als der unüberholbaren, ja der höchsten Lebensäußerung fragwürdig gemacht, sondern sie haben die jeweiligen Verkehrungen zu einem »Absolutum« werden lassen. Nachdem beide gescheitert sind, müssen sie sich einer Relativierung dieser absoluten Ansprüche unterwerfen, ohne daß auf Unterscheidungen verzichtet wird, insbesondere nicht auf den Vorrang des aggressiven vor dem defensiven Impuls.

Meine bloß knapp umrissene Vorstellung von der Zukunft hat eine einheitliche, aber nicht eine »verschmolzene« Menschheit im Blick, die in ihren keineswegs starren Strukturen Einheit und Vielfalt auf mannigfache Weise synthetisiert. Insofern ist mein aktuelles Ergebnis von trivialer, häufig artikulierter und daher weithin zustimmungsfähiger Art, und eindeutiges Unrecht wird nur denjenigen gegeben, die behaupten, in den großen Kämpfen von gestern habe die eigene Seite »die Richtigen« und die andere »die Falschen« umgebracht. Allen Opfern des bisher blutigsten Abschnitts der Geschichte, denen auch »Täter« nicht selten zuzurechnen sind, muß ein um Verstehen bemühtes und trauerndes, obgleich unterschiedliches Gedenken gewidmet werden, wenn die Menschheit die Periode des Sowjetkommunismus und des nationalsozialistischen Radikalfaschismus hinter sich lassen will.

Ich bitte Sie, mir noch zwei Worte zu meinem letzten Buch zu gestatten, den Späten Reflexionen über den Weltbürgerkrieg des 20. Jahrhunderts, das im Sommer 2011 vom Karolinger-Verlag in Wien publiziert worden ist. Die wichtigsten wissenschaftlichen Postulate für die Gegenwart – die Juden von ihrer Reduzierung auf den bloßen Opferstatus und die Deutschen von der Subsumtion unter den Begriff des »absoluten Bösen« als dem Zentrum einer neuen (Pseudo-)Religion zu befreien – habe ich bereits in meinem ganzen Lebenswerk von mehreren Ausgangspunkten aus zu realisieren versucht.

In den Späten Reflexionen habe ich ein Vorgehen gewählt, das anscheinend von nicht wenigen Lesern als »provokativ« empfunden worden ist, denn die Kapitel über »Juden, Judentum, ›jüdischer Bolschewismus‹« sind gleich an den Anfang gestellt worden, und die ebenfalls vom »Zeitgeist« abweichenden Aussagen über Hitler und den Nationalsozialismus folgen bald darauf. Dieses Buch ist jedoch kein Teil des historiographischen und analysierenden Lebenswerks, sondern es hat einen eher aphoristischen Charakter, der es erlaubt, hin und wieder zugespitzte Formulierungen zu wählen und große Teile des »intellektuellen Umfelds« wie »Egalitarismus«, »Ewige Linke«, »Weltzivilisation« und »Nachgeschichte« in einem zweiten Teil einzubeziehen und dann einen weiteren Schritt zur »Philosophie« hin zu tun. Aber neuartig dürfte vornehmlich die unmittelbare Bezugnahme auf die Situation der Gegenwart sein, welche politische Polemik vermeidet und erkennen läßt, daß der Kampf für Wissenschaftlichkeit der einzige Kampf war, den ich immer führen wollte, und nicht der politische Kampf, den man je nach den Umständen und Ausgangspunkten als »philokommunistisch« oder als »philofaschistisch« kennzeichnen mag.

Ich kann nicht leugnen, daß es mich sehr betroffen gemacht hat, wie mehrere gute Bekannte und Kollegen, aber darüber hinaus auch geschätzte Gesprächspartner ihre Ablehnung der Späten Reflexionen durch Schweigen oder offene Kritik zum Ausdruck brachten. Der Grund kann so gut wie durchweg nur die scheinbar negative Kritik an »den Juden« gewesen sein, welche die sich eigentlich aufdrängende Frage überlagerte, ob von mir »den Juden« und auch »den Bolschewiki« gegenüber nicht mehr Respekt an den Tag gelegt wurde, als es von seiten der Philosemiten und Philokommunisten üblich ist. Wer das Thema »der Juden«, sei es auch mit klaren Unterscheidungen, auf eine Weise anschneidet, die von der in Deutschland herrschenden Meinung abweicht, sieht sich mit Vorwürfen, ja mit Anklagen konfrontiert, gegen die es keine Abwehr zu geben scheint: Ein neuer »Antisemitismus« kritisiere die Juden, um ihnen – vielleicht unter der Maske des Antizionismus – ein ähnlich gravierendes Menschheitsverbrechen wie »Auschwitz«, nämlich die Greueltaten der Russischen Revolution und des »Stalinismus« sowie das lediglich konstruierte Schreckbild eines »palästinensischen Holocaust« zuzuschieben und damit »quitt« zu sein.

Ich kann nur antworten: Nicht ein »Quittwerdenwollen« war mein Motiv, sondern innerhalb der Hauptintention, eine philosophische Geschichte der »Historischen Existenz« und ihres möglichen Übergangs in die »Nachgeschichte« vorzulegen und dadurch den wirkungsvollsten Ideologien des 20. Jahrhunderts gleichermaßen gerecht zu werden, war die Absicht maßgebend, zur Überwindung der antiwissenschaftlichen Ungleichbehandlung eines welthistorischen und in aller Differenzierung sehr aktiven Volkes beizutragen, das aus inneren und äußeren Gründen auf der Ausschließlichkeit seines Opferstatus zu beharren scheint. Aber sogar hier fehlt es nicht an Selbstkritik, und ich erinnere nur an einen Autor jüdischer Abkunft, der diese Ungleichbehandlung mit entschiedenen Worten kritisiert hat, nämlich an Alfred Grosser.

Und deshalb gilt Ihnen lieber Herr Kronaue, sowie dem Kuratorium Ihrer Stiftung und Ihnen verehrter Herr Scholdt mein ganz besonderer Dank dafür daß Sie obwohl Ihnen die Späten Reflexionen bekannt oder jedenfalls nicht völlig unbekannt waren sich der Macht der »politischen Korrektheit« nicht unterworfen und einem Autor Ihren Preis zuerkannt oder die Zuerkennung begründet haben, der in der Tat heute in der Bundesrepublik Deutschland so isoliert ist wie kaum ein anderer Historiker und Geschichtsdenker. Aber wir dürfen in diesem unserem kleinen Kreise das Bewußtsein haben, daß sich entweder ein dogmatischer »Absolutismus« des Geschichtsverständnisses in Deutschland und möglicherweise sogar in Europa durchsetzen wird oder ein freies Denken, das sich an den Maximen einer reflektierenden Wissenschaft orientiert.


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