Sezession
1. August 2007

Autorenportrait Ezra Pound

Gastbeitrag

In seinem größten Gedicht, den Cantos, gibt uns Pound ein „Logbuch seiner Irrfahrten und seines Scheiterns" (Eva Hesse), der Irrfahrten eines Poeten-Odysseus durch die Turbulenzen und Stürme des zwanzigsten Jahrhunderts, die uns noch (und nur?) in seinem Scheitern eine Lehre sein können. Pound zu lesen ist ein Akt der Selbsterkenntnis des modernen Menschen, ein ungemein forderndes und anspruchsvolles Unterfangen zwar, doch nicht vergeblich. Pound wirft die Frage nach der Möglichkeit eines „paradiso terrestre", eines irdischen Paradieses auf, danach, ob und wie der Mensch in seinem Leben zur Erfüllung gelangen kann, und er versucht, dieser Frage mit poetischen Mitteln beizukommen. Die Lehre des Scheiterns ist wesentlich eine negative Lehre: Ein politisches Leitbild kann Pound uns nicht bieten, denn dazu hatte er zu viel Anteil an den Irrtümern dieses Jahrhunderts: „Ob meine Irrtümer anderen von Nutzen sein können, weiß allein Gott."
1885 in den USA geboren (und daher als amerikanischer Dichter in den Literaturgeschichten verbucht), studierte Pound zunächst Literatur an der University of Pennsylvania und in New York, sein Spezialgebiet war Romanistik, spanische Dichter und französische Troubadoure, worüber er sein Buch The Spirit of Romance schrieb. 1908 siedelt er nach Europa über, unternimmt Reisen, lebt bis 1920 in London, macht die Bekanntschaft William Butler Yeats' und Wyndham Lewis', geht dann nach Paris. 1924 zieht er nach Italien, wo er bis zu seiner Verhaftung bleiben wird, meist in Rapallo. Er widmet sich, wenn man den Nachrichten über ihn Glauben schenken darf, den Frauen, vielen Frauen, woraus ein für Pounds Dichtung beziehungsweise Dichtungstheorie zentrales Merkmal erwuchs: Pound sah wie Wyndham Lewis eine enge Verbindung zwischen Kunst und Sexualität, Sexualität und Kreativität, ihm galt der Koitus als Weg der Erkenntnis. Wenn es auf einen Dichter zutrifft, so war sicherlich Pound ein (wie es im Jargon der Dekonstruktion heißt) „phallozentrischer" Dichter, ein „Phallogozentrist", der das schöpferische Prinzip mit dem männlichen Prinzip identifizierte. Sexuelle Freiheit und eine große Abneigung gegen Askese verbanden ihn in Sympathie mit den Troubadouren des Mittelalters, die wegen eben dieser Haltung von der Kirche bekämpft worden waren. Descartes' cogito ergo sum wurde bei Pound ersetzt durch „J'ayme donc je suis" - Ich liebe, also bin ich.
Ezra Pound war ein „musikalischer Dichter", ein Dichter, dem Musik, dem die Musikalität von Dichtung viel bedeutete. „Dichtung muß als Musik, nicht als Rhetorik gelesen werden." Wie aber liest man Musik? Mit einem Ohr für das, was Pound die „Eigenmusik des Dichters" nennt. „Literarisches" Gespür allein reicht keinesfalls aus. „Ein Dichter, der nichts für Musik übrig hat, ist, beziehungsweise wird, ein schlechter Dichter." Dichtung, die der Musikalität ermangelt, ist schlechte Dichtung, gute Dichtung braucht die Musikalität der Worte. Sie erschließt sich, wie Musik überhaupt, nur dem intensiven und wiederholten Studium, zu dem uns die Ahnung des im Kunstwerk enthaltenen Reichtums verlockt. Pounds Dichtung besitzt diese stark ausgeprägte Eigenmusik. Es könnte sich also lohnen, Pound zu lesen, ihm ein Ohr zu leihen.


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