Sezession
1. August 2007

Autorenportrait Ezra Pound

Gastbeitrag

Pounds Dichtung erfüllt geradezu idealtypisch Harold Blooms idiosynkratisches Kriterium der Kanonizität eines literarischen Werkes: strangeness, Befremdlichkeit, Seltsamkeit, Fremdheit. In der Tat ist Pounds Leben wie Werk von einer geradezu befremdlichen Fremdheit. Und es ist eine der Eigentümlichkeiten dieser strangeness, daß sie auch bei zunehmender Vertrautheit nicht verschwindet, sondern auf einer höheren Ebene erhalten und immer anwesend bleibt. Pound war aber nicht nur ein moderner Lyriker, sondern besaß ein ungewöhnlich breites und vielseitiges kulturelles Interesse. Pounds Anmerkungen und Streichungen waren für die endgültige Gestaltung des Gedichts der Moderne schlechthin, T. S. Eliots The Waste Land, ohne Frage hochbedeutsam und stellen nicht sein geringstes Verdienst dar. Zudem machte er sich um die Wiederentdeckung der Musik Vivaldis und die Förderung zahlreicher anderer Künstler, Dichter und Musiker verdient. Pound half uneigennützig, wenn er vom Wert einer Sache überzeugt war, und wirkte unermüdlich in der Künstlerszene seiner Zeit, eine literarische Bewegung nach der anderen kreierend (Vortizismus, Imagismus). Pound versuchte erfolgreich, seinem eigenen Ratschlag für Dichter und Künstler zu folgen: „Lasse Dich von so vielen großen Künstlern wie möglich beeinflussen, doch besitze den Anstand, Deine Schuld entweder offen zu bekennen oder versuche, sie zu verbergen." Die großen Künstler, von denen Pound, durch keine Theorie der Einflußangst bekümmert, sich beeinflussen ließ, waren Legion: Homer, Sextus Propertius, Ovid, Dante, Li Po, Whitman, Browning, Yeats, Cavalcanti ...
Pound wandte sich gegen die aristotelische Höherbewertung der vita contemplativa gegenüber der vita activa; das Risiko des politischen Handelns als Dichter nahm er auf sich - mit dem Erfolg, daß er zum Paradigma für das große Thema des zwanzigsten Jahrhunderts wurde: das Verhältnis der Künstler, der Dichter, der Intellektuellen zur Politik und der Verrat der Intellektuellen. Hätte er dem Rat seines Freundes Henry Mencken folgen sollen? Dieser hatte ihm wegen Vernachlässigung der Dichtung zugunsten der Politik vorwurfsvoll am 29. November 1936 geschrieben: „Sie haben Ihren großen Fehler begangen, als Sie sich vom Geschäft der Lyrik abwandten und sich als eine Art Wunderheiler der Gesellschaft betätigten." Wie aber sah dies aus? Wie sah Pounds politische Vision in den zwanziger und dreißiger Jahren aus? Nachdem er in den Jahren um den Ersten Weltkrieg seine politische Bildung durch die sozialistische Zeitung New Age im antikapitalistischen Sinne erhalten hatte, spielten ökonomische Fragen in seinem Denken eine immer größere Rolle, was sich schließlich auch in seiner dichterischen Produktion zeigen sollte. Zentral waren für Pound vor allem zwei Probleme: die Anerkennung des Künstlers durch die Gesellschaft und die Bekämpfung des Wuchers. Was das erste anbelangt, so kam er schnell zu der Überzeugung, daß der Faschismus mehr als andere Systeme die Künstler schätzte und würdigte, und Mussolini war in Pounds Augen ein Künstler (ein gutes Beispiel für Walter Benjamins zeitweise überstrapaziertes Wort vom Faschismus als Ästhetisierung der Politik). Auch machte er sich - vergebliche - Hoffnungen, die faschistische Politik in seinem Sinne beeinflussen zu können.


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