Sezession
1. Dezember 2011

Der Dreck, der sich für uns interessiert

Götz Kubitschek

Damit soll es ein Bewenden haben mit dem, was wir wissen können und was wir vermuten müssen. So viel Verworrenheit, so viele Zufälle, so viel Ermittlerglück und Täterblödheit neben Ermittlungspannen und Tätergenialität: Wäre es da nicht gesünder und angesichts der Unübersichtlichkeit und Unverfrorenheit angemessen, gar nichts mehr zu vermuten und zusammenzutragen, sondern sich einfach einer Version zuzuneigen? So interessant es ist, sich in die Absurditäten und Verwirrungen der seit vierzig Jahren händeringend gesuchten, nun endgültig entdeckten Braunen Armee Fraktion zu vertiefen, so müßig ist es doch, so sehr die reine Zeitverschwendung des Gaffens: Die Ereignisse und Erkenntnisse ziehen über uns hinweg, und letztendlich weiß man in vier Wochen über den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) genausogut Bescheid wie über den Kennedy-Mord, das Oktoberfest-Attentat, den Tod Barschels, den 11. September oder die Lebkuchenmesser-Attacke auf Herrn Mannichl. Mehr noch: Es werden über den NSU und über die ihm angelastete Mordserie ein Bild und eine Erzählung geronnen sein, ausgehärtet sein, an denen nicht mehr zu rütteln ist und an denen zu rütteln, jeden Ungläubigen nicht vor die Entscheidung stellt: für oder gegen die Aufklärung eines verzwickten Falls, sondern: für oder gegen die Nazis?

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Mental haben wir mit diesem Nationalsozialistischen Untergrund nichts zu schaffen. Solche Taten und ein sie gebärendes Milieu sind meilenweit von dem entfernt, was wir denken und sind, und wir könnten jeden Bezug ignorieren, ohne zu lügen oder zu vertuschen. Aber es nützt nichts, wenn wir uns für diesen Dreck nicht mehr interessieren, denn leider interessiert sich dieser Dreck für uns.

Das kann ich illustrieren: In der Kölner Keupstraße gaben sich Mitte November viele Politiker ein Stelldichein. Dort war am 9. Juni 2004 die Nagelbombe explodiert, für die ebenfalls das Zwickauer Trio verantwortlich gewesen sein soll. Der Spiegel-Online-Bericht über den SPD-Chef im Friseursalon von Özcan Yildirim war an Süffisanz über die Peinlichkeit der Politik nicht zu überbieten: Sigmar Gabriel entschuldigte sich bei einer Tasse Tee medienwirksam für die Taten seiner deutschen Terrorlandsleute, als es draußen vor dem Schaufenster zu rumoren begann. Ein paar Dutzend Leute wollten ins Geschäft drängen. Gabriels Personenschützer wurden angewiesen, die Journalisten erstmal draußen zu lassen. »›Das sind keine Journalisten‹, entgegnet umgehend ein großer Mann von der Spitze des Zuges. ›Das ist die Bürgermeisterin von Köln, Frau Scho-Antwerpes.‹ Gabriels Gehilfe entschuldigt sich, doch die Bürgermeisterin von Köln muß trotzdem in der Kälte ausharren, genau wie die TV-Teams und Fotografen, die Hörfunkredakteure und Schreiber. ›Ich kann auch wieder gehen, ich habe wirklich genug zu tun‹, faucht Elfi Scho-Antwerpes – und rührt sich nicht von der Stelle.«

Gesine Lötzsch (Bundesvorsitzende der Linken) war auch schon da, andere werden folgen und sich für ein paar Pressephotos erneut von ihrem Volk distanzieren. Genau dies meine ich, wenn ich sage, daß sich der Dreck für uns interessiert, daß wir ihm nicht entkommen können, indem wir »das Schlachtfeld verlassen«, wie Martin Lichtmesz in dieser Sezession an anderer Stelle schreibt. Es sind unsere Repräsentanten, unsere Spitzenpolitiker, die sich bei jeder Gelegenheit von ihrem Volk lossagen, und solange sie nur sprächen, wären sie zwar ein wenig schäbig, aber harmlos. Jedoch: Sie sprechen nicht nur, sondern handeln auch, und es ist kreuzgefährlich, innerhalb der nüchternen, kalten Atmosphäre der Politik in einer Verfaßtheit zu handeln und zu entscheiden, die man als »nach der Gedenkminute« bezeichnen muß: erfüllt von dem Gefühl, nun Wiedergutmachung leisten zu müssen, und sei es auch nur sehr indirekt.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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