Sezession
1. Februar 2013

Französischer Blätterwald (1) – Rébellion

Benedikt Kaiser

Diese genannten Köpfe, die nur ein Drittel der Lesehinweise verkörpern, stecken den bunten Rahmen der graphisch wie textlich mitunter überladen wirkenden Zeitschrift ab. Interviews gibt es mit zeitgenössischen Linksintellektuellen ebenso wie mit dem „Eurasier“ Alexandr Dugin (Nr. 53, März-April 2012), der seine „Vierte Theorie“ vorstellt und die Reziprozität Antikapitalismus–Traditionalismus beschwört. Die Linke wird beständig für ihre „volksfeindliche“ Haltung getadelt (etwa Nr. 55, Juli-Aug. 2012), die Rechte für ihre „neoliberale“ Agenda. Allen Heften gemein sind die Leitthemen „Antikapitalismus“ und „Globalisierungskritik“, die sich entsprechend bis in die Auswahl der Rezensionen ziehen. Besprechungen, oft auch von CDs, nehmen nach den Interviews und den recht kurzgefaßten Grundlagenartikeln den größten Platz ein. Im jüngsten Heft (Nr. 56, Nov.-Dez. 2012; Sept.-Okt. fiel aus) findet sich ferner eine mit „Polemik“ überschriebene Auseinandersetzung mit Richard Millets essayistischen Veröffentlichungen der letzten Jahre, die in deutscher Übersetzung im Frühling vom Verlag Antaios herausgegeben werden. Unter Berufung auf Alain de Benoist, der, einen ähnlichen Ausspruch Karl Marx’ aktualisierend, von den zahlreichen Immigranten der unteren Gesellschaftsschichten als der „Reservearmee des Kapitalismus“ spricht, wird Millets Kritik der französischen Gesellschaft in seine Bestandteile zergliedert. Zustimmung erfährt Millet in seiner grundsätzlichen Ablehnung von Masseneinwanderung und den Sprachregulierungen der Political Correctness. Allerdings verstünde der begnadete Schriftsteller nicht, daß seine Kritik just vor dem „liberalen System“ als Fundament halt mache und sich dessen Kulturkampfthese zwangsläufig zu eigen mache, wenn er die antiislamische Stoßrichtung westlicher Neoliberaler übernehme und islamkritisch argumentiere. Michel Thibault, einer der wenigen Autoren der Rébellion, der seine Artikel mit Namen zeichnet, honoriert demgemäß Millets Kritik der globalen Massenentwurzelung der Völker, um aber Millet falsche „Feindbestimmung“ vorzuwerfen:

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Was die französische Kultur heute zerstört ist eben nicht der Islam, sondern die amerikanische Subkultur, die durchs Fernsehen, das Kino und die Zeitschriften verbreitet wird.

Thibault fügt an, daß Immigrantenkinder, die nach einem über die Medien vermittelten Ideal von teuren Markenklamotten und „westlichem“ Lifestyle streben, ebenso Opfer der US-amerikanischen „Unterhaltungsindustrie“ seien wie alle anderen, die im „neoliberalen“ Einzugsgebiet wohnen, auch.

Die Zeitschrift ist also für jene politisch und ökonomisch Interessierten lohnenswert, die sich mit „Antikapitalismus“ und Globalisierungskritik aus unkonventioneller Sicht beschäftigen, die neuste entsprechende Literatur komprimiert zusammengefaßt bekommen wollen und im „Westen“ das Grundproblem zu entdecken meinen. Andere dürften aufgrund der redundanten Häufung von Zuschreibungen wie „neoliberal“, „imperialistisch“ oder „kapitalistisch“ die Lesefreude rasch verlieren.

Zu beziehen ist die Zeitschrift über Rébellion c/o RSE BP 62124 31020 – Toulouse Cedex 2 – France. Sechs Ausgaben im Jahr kosten 20.00 €, ermäßigt 15.00 €. Für Nichtfranzosen kommt Porto hinzu. Bestellungen sind auch via Mail möglich; weitere Informationen gibt es im Netz. Die nächste Ausgabe (Nr. 57) erscheint Mitte Februar.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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