Sezession
22. Februar 2013

Das Imperium wird niemals enden

Martin Lichtmesz

Bresson war soetwas wie ein Pascal des Kinos: ein christlicher Skeptiker, der offen ließ, inwiefern Gott auf der Welt tatsächlich an- oder auch abwesend ist. Ob man nun tatsächlich an wirklich-wirkende überirdische Mächte glaubt oder Gott und den Teufel nur für Metaphern hält: die christlich-traditionelle Sicht, die Welt als Herrschaftsbereich des Satans zu betrachten, hat sich über Jahrhunderte mit einiger Konstanz und Hartnäckigkeit gehalten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

In säkularer Form taucht sie auch bei modernen pessimistischen und nihilistischen Denkern wie etwa Emile Cioran auf. Dieser schrieb einmal, daß die Betrachtung der Weltgeschichte auch noch den trägsten Phlegmatiker in die Zwangsjacke treiben müsse; und tatsächlich ist es nicht einfach, dem Anblick ihrer ununterbrochenen "Blutspur" standzuhalten. Immer wieder gibt es Zeiten, in denen es den Zeitgenossen durchweg so erschien, als sei die Welt in die Hand einer satanischen Macht gefallen.

Eine solche "heillose" Zeit war gewiß das Zeitalter der europäischen Umwälzungen im Zuge der Reformation und Gegenreformation, dessen entsetzlicher Höhepunkt der Dreißigjährige Krieg war, der weite Gebiete von Deutschland entvölkerte und verrohen ließ. In Egon Friedells unvergleichlicher "Kulturgeschichte der Neuzeit" (1927-31) finde ich eine Passage über das Wüten Philipps II. in den damals spanisch regierten Niederlanden. Ich könnte willkürlich auch irgendeine andere Episode aus irgendeiner anderen Epoche der europäischen Geschichte herausgreifen: diese hat mich allerdings besonders frappiert.

Friedell beschreibt den spanischen Habsburger-König als eine Art Fürst der Finsternis:

In Philipp hat nicht nur das habsburgische, sondern auch das spanische Wesen eine seiner stärksten und absurdesten Zusammenfassungen erfahren. Der spanische Hidalgo ist bigott: Philipp war fanatisch; er ist rücksichtslos und brutal: Philipp ging über Leichen; er betrachtet sich als ein höheres Wesen: Philipp hielt sich für einen Gott; er ist exklusiv: Philipp war unnahbar; er ist finster: Philipp war überhaupt nicht zu sehen. Nur die höchsten Granden hatten bei ihm Zutritt, und auch diese durften sich ihm nur kniend nähern; seine Befehle erteilte er in halben Sätzen, deren Inhalt man erraten mußte. Niemand durfte ein Pferd besteigen, worauf er geritten hatte, niemand ein Weib ehelichen, das er besessen hatte: er galt dem Volke in Wahrheit als eine geheiligte Person, als eine Art Priesterkönig. Sein Leben verfloß in der trostlosesten Einförmigkeit: immer aß er dieselben pünktlich um die gleiche Stunde aufgetragenen Speisen; immer trug er dasselbe schwarze Gewand, selbst die Orden waren schwarz; täglich machte er dieselbe Ausfahrt durch die reizlose menschenleere Umgebung seines Schlosses, in seinen späteren Lebensjahren verließ er sein Zimmer überhaupt nur, um die Messe zu hören.(...)

Er soll nur ein einziges Mal in seinem Leben gelacht haben: das war, als er die Nachricht von der Bartholomäusnacht empfing; der damalige Papst äußerte übrigens seine Freude noch viel sinnfälliger: er feierte das größte Massaker der neueren Geschichte durch eine Denkmünze und ein großes Tedeum und befleckte damit den Stuhl Petri mehr als alle seine Vorgänger durch ihre Sodomie, Simonie und Blutschande.

Und nun die grausame Art, in der Philipp die protestantischen Niederlande unter seiner Herrschaft behandelte. Mithilfe des Heiligen Stuhls ließ er kurzerhand drei Millionen Niederländer zu Ketzern und "Hochverrätern" erklären, durch Dekrete, die, wie man heute sagen würde, absurd-totalitäre, quasi-stalinistische Züge trugen; Vollstrecker war der berüchtigte Statthalter der Niederlande, der Herzog von Alba.

 Auch in den blühenden Niederlanden, dem reichsten, regsamsten und zivilisiertesten Gebiet des damaligen Nordens, haben die Spanier nicht anders gewirtschaftet, als ob es sich um eine unterworfene Negerkolonie gehandelt hätte.Es hat sehr lange gedauert, bis es ihnen gelang, durch die unsinnige Verbohrtheit, blinde Gier und unmenschliche Roheit ihrer Verwaltung dieses friedliebende und schwerbewegliche Volk von bücherführenden Kaufleuten und bücherschreibenden Schulmeistern zum todesmutigen Aufstand zu reizen; aber einmal entbrannt, war er nicht mehr zu ersticken.

Die Art, wie Alba auf Grund der genauen Instruktionen seines Königs in den Niederlanden verfuhr, war mehr als niederträchtig: sie war unbegreiflich. Der von ihm errichtete »Rat der Unruhen« oder »Blutrat«, wie ihn das Volk mit Recht nannte, hatte die Aufgabe, Hochverräter zu bestrafen. Als solcher galt unter anderem: wer sich an einer Bittschrift um Milderung der Inquisition beteiligt hatte; wer eine solche Bittschrift nicht verhinder atte; wer, wenn auch gezwungen, eine evangelische Predigt geduldet hatte; wer gesagt hatte, der König habe nicht das Recht, den Provinzen ihre Freiheit zu nehmen; wer bezweifelt hatte, daß der »Rat der Unruhen« an keine Gesetze gebunden sei; wer behauptet hatte, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen; und wer irgendeine derartige Äußerung stillschweigend angehört hatte.

Diese Verfügungen forderten tausende Menschenleben:

Es ist klar, daß es fast unmöglich war, wenigstens eines von diesen Delikten nicht zu begehen. Es war nichts als die streng logische Schlußfolgerung aus diesen wahnsinnigen Prämissen, daß am 16. Februar 1568 alle Einwohner der Niederlande als Ketzer zum Tode verurteilt wurden: ein Staatsakt, der in der Geschichte einzig dastehen dürfte. Nachdem Tausende gehängt, verbrannt, eingekerkert, exiliert, enteignet waren, erschien eine königliche Amnestie, die allen, die nachweisbar nicht das geringste begangen hatten, Straflosigkeit zusicherte, falls sie binnen einer bestimmten Frist reuig um Gnade bäten: auch von einer solchen Amnestie dürfte es in der Weltgeschichte kaum ein Duplikat geben.

Auch wenn Friedell die Beispiellosigkeit dieser besonderen Episode betont: Geschichten wie diese erinnern uns daran, daß Dinge wie der Wahnsinn, die Infamie, die Ungerechtigkeit und Dummheit der Machthaber, denen wir heute gegenüberstehen, in der Weltgeschichte durchaus üblich sind, daß sie zahllose Gesichter haben können, und daß wir es heute noch lange nicht mit ihren schlimmstmöglichen Ausprägungen zu tun haben, auch wenn sich ihre Folgen auf lange Frist verheerender auswirken mögen als der Dreißigjährige Krieg oder gar beide Weltkriege des letzten Jahrhunderts: denn noch nie in der Geschichte schien das Finis Europae so nahe gerückt wie heute.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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