Sezession
1. Juni 2007

Donoso Cortés und der katholische Blick auf das Abendland

Gastbeitrag

Für Cortés hingen die Emanzipation des modernen Menschen von Gott und der gesellschaftliche Verfall ganz eng zusammen. Eine Gesellschaft, in der die menschengemachte Wahrheit an die Stelle Gottes tritt, zerstört sich selbst, so der regierende Papst Benedikt XVI.; oder in den Worten von Gómez Dávila, wie Ortega y Gasset ein großer Verehrer des Donoso Cortés: „Die moderne Tragödie ist nicht die der besiegten, sondern die der triumphierenden Vernunft."
Cortés' Diagnose traf so zielsicher ins Herz der Progressisten und Modernisten, daß ihn nicht nur die Mazzini, Proudhon und Marx rasch als Feind ausmachten, wie Carl Schmitt schrieb, sondern auch liberale Kirchenvertreter wie Bischof Dupanloup von Orléans, das geistige Haupt des liberalen Katholizismus seiner Zeit. Vom Heiligen Stuhl wurde Cortés' Essay mit Dank und Genugtuung aufgenommen. Der langjährige Pariser Nuntius und nachmalige Kardinal Fornari, den Pius IX. mit den Vorarbeiten für den Syllabus betraut hatte, wandte sich im Mai 1852 an Donoso Cortés und bat ihn um eine Zusammenstellung der wichtigsten Zeitirrtümer. Zu diesen zählte man unter anderem den Pantheismus, die Ablehnung eines persönlichen Gottes, und die Vorstellung, alle Religionen seien gleichwertige Heilswege - Irrtümer, die gerade heute wieder im Schwange sind.
Als Cortés' Essay erschien, schäumten die Liberalen in Spanien vor Wut. „Sie würden mich ganz bestimmt vernichten, wenn sie könnten", meinte Cortés. Doch auch Gaduel, der Generalvikar von Bischof Dupanloup von Orléans, hätte dies gerne getan. Gaduel war der erbitterte Feind jener streng kirchlichen Richtung im damaligen Frankreich, wie sie Louis Veuillot und der Wiederbegründer des benediktinischen Mönchtums und Vorkämpfer der römischen Liturgie, Abt Guéranger von Solesmes, vertraten - welchem Cortés seinen Essay zur Korrektur vorgelegt hatte. Ihnen und allen voran Cortés warf Bischof Dupanloup vor - wie es ja heute noch ein platter Journalismus (und eine weitgehend modernistisch gesonnene Theologie) allem authentisch Katholischen unterstellt -, ins Mittelalter zurückkehren zu wollen. Cortés entgegnete dem: „Was damals Menschenwerk war, mußte wieder verschwinden und ist mit den Menschen verschwunden; ich habe keine Sehnsucht darnach, es wieder ins Leben zurückzurufen. Ich verlange jedoch nachdrücklichst die Wiederherstellung alles dessen, was ewig wahr ist." Dem Allmächtigen als Ursprung der Wahrheit wisse sich, meinte Cortés, unter den politischen Einrichtungen allein die Monarchie verpflichtet, weil sie nicht nach dem Beifall der Massen schiele. Ob sie jedoch unter den Zeitumständen fähig sein würde, die Revolution abzuwehren, daran beschlichen ihn Zweifel. Denn das „Resultat der gegenwärtigen Bestrebungen wird unfehlbar die Aufrichtung einer demagogischen Herrschaft sein, einer Herrschaft, heidnisch in ihrer Verfassung und satanisch in ihrer Größe".
Im Spanien der 1830er und 40er Jahre waren das die revolutionärneuheidnischen Bewegungen, die ganz Europa in Aufruhr versetzten. An den Grafen Montalembert schrieb Cortés: „Meine Bekehrung zu den richtigen Prinzipien verdanke ich in erster Linie der Barmherzigkeit Gottes und dann dem gründlichen Studium der Revolutionen."


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