Sezession
30. März 2013

Robert Bresson – Der katholische Avantgardist

Martin Lichtmesz

Gegen Ende des Films wird Charles mit einem äußerst unsympathisch gezeichneten Psychoanalytiker konfrontiert. Dieser weiß bestens Bescheid über Ödipuskomplexe, die schlimmen Folgen autoritärer Erziehung und die Probleme eines "Anstiegs der Libido" in der westlichen Welt. Die Schublade seines Schreibtisches ist voll mit durcheinanderpurzelnden, offenbar gierig zusammengerafften Banknoten, den bar bezahlten Honoraren seiner Patienten. In dieser Szene wird Bressons ganze Verachtung für psychologische "Erklärungen" deutlich.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Charles bekennt trotzig die Überlegenheit seines Intellekts und seiner Begabungen, bekundet aber zugleich seine Weigerung, diese einer als zutiefst korrupt empfundenen Welt zur Verfügung zu stellen. Als die Option des Selbstmords zur Sprache kommt, entspinnt sich folgender Dialog:

Psychoanalytiker: Glauben Sie an Gott?

Charles: Ich glaube, so fest ich kann, an das ewige Leben. Aber wenn ich mir das Leben nehme, dann glaube ich nicht, daß ich dafür verurteilt werden kann, daß ich nicht verstanden habe, was niemand verstehen kann. Wenn ich mein Leben verliere, dann verliere ich dies (er nimmt eine Zeitung, schlägt sie an einer beliebigen Stelle auf, liest): "Familienplanung, Campingferien, Kultur, alle Sportarten, Linguistik, die Bibliothek des kultivierten Mannes, wie man ein Kind adoptiert, Eltern-Lehrer-Vereinigungen, Erziehung von 0-4 Jahren, von 7 bis 14 Jahren, von 14 bis 17 Jahren, Heiratsvorbereitungen, Militärdienst, Europa, Dekorationen, Ehrenabzeichen, die alleinstehende Frau, bezahlter Krankenurlaub, unbezahlter Krankenurlaub, der erfolgreiche Mann, Steuerbegünstigungen für die Älteren, lokale Steuern, Ratenzahlungen, Radio- und Fernsehvermietung, Kreditkarten, Heimreparaturen, Inflationsindex, Umsatzsteuer und Konsumenten..."

Bresson

Er bricht ab, zerknüllt das Papier, wirft es in den protzigen Marmorkamin. Die Stunde ist fast um, der Psychoanalytiker erklärt, er werde sich das nächste Mal eingehender mit Charles Wunsch, zu sterben, beschäftigen.

Charles, beinah belustigt: Aber ich will doch gar nicht sterben.

Der Psychoanalytiker, verblüfft aufblickend: Wie bitte? Aber natürlich wollen Sie das!

Charles: Sie irren sich. Ich mag zwar das Leben verabscheuen, aber mehr noch verabscheue ich den Tod. ... Ich bin nicht krank. Meine Krankheit ist, daß ich die Dinge klar sehe. (Je suis pas malade. Ma maladie c’est de voir clair.)

Im letzten Abschnitt des Films verspricht Charles dem Junkie Valentin viel Geld, wenn er ihm bei einer Tat, "den antiken Römern würdig", helfe.  Diese übertrugen ihren Sklaven die Ausführung des tödlichen Schwerthiebs, wenn sie sich für den Freitod entschieden hatten. Es ist schon dunkel, als die beiden mit der U-Bahn Richtung Friedhof Père-Lachaise fahren; sie trinken noch einen Cognac; sie passieren eine Straße, und eine weitere; sie klettern über die Mauern des Friedhofs; gehen die Reihen der Grabsteine entlang. Charles geht voran, Valentin bleibt stehen, zückt die Pistole, die Charles ihm gegeben hat, zielt.

Charles: "Ich dachte immer, daß ich in einem solchen Moment sublime Gedanken haben würde. Weißt Du, was ich gerade denke?" Der Satz ist noch nicht vollendet, als Valentin ihm in den Rücken schießt. Er drückt dem Toten die Waffe in die Hand, greift in dessen Manteltasche, packt die darin befindlichen Geldscheine, steckt sie ebenso schnell und gierig ein wie die Münzen aus dem Opferstock. Dann verschwindet er im Dunkeln. Der Film ist zu Ende.

Auch Bressons nächster und letzter Film, basierend auf einer Novelle von Tolstoj, endet düster. Er knüpft direkt an seinem Vorgänger an und trägt den lapidaren Titel "Das Geld" - der Teufel, möglicherweise. Auch Bressons Pessimismus verstand sich als Klarsicht. Das Programmheft des Filmmuseums nennt ihn treffend einen "Unbequemen", einen "Neinsager vor dem Herrn". Wie bei allen Neinsagern dieser Art verbirgt sich hinter dem "Nein" die Kehrseite eines großen "Ja" - und das gilt auch für viele der Seelen, die "wie Kranke zwischen der Ordnung der Futtertröge umherschleichen", und die ihr "Ja" noch finden müssen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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