Sezession
1. Juni 2012

Soft power – sanfte, flexible, subtile Macht

Gastbeitrag

Man kann sich auf den Standpunkt stellen, daß das von Nye vorgetragene Konzept ein typisches Produkt des Zeitgeistes war oder nur eine Antithese zu Samuel Huntingtons Entwurf, der im traditionellen Sinn machtfixiert blieb. Man kann auch darauf hinweisen, daß es soft power seit jeher, spätestens seit der Antike, gegeben habe: Propaganda nach innen und »ideologische Angliederung« (Franz Altheim) nach außen, und daß entsprechende Verfahren früh zum Gegenstand theoretischer Reflexion wurden. Aufschlußreicher als diese Feststellung ist aber, daß Nyes Argumentation vor allem in den Kontext eines angelsächsischen Modells gehört, das mit Hilfe der Begriffe public relations einerseits, »informelle Herrschaft« oder »Dollardiplomatie« andererseits bezeichnet werden kann. Während sich Großbritannien noch auf traditionelle Muster bezog, hat man in Washington seit dem Ende des 19. Jahrhunderts versucht, so etwas wie ein Gesamtkonzept von soft power zu entwickeln, in dessen Kontinuität man auch den Entwurf Nyes verstehen kann.

Voraussetzung dafür war ein komplizierter Anpassungsprozeß der US-Eliten an die veränderte Situation. Angefangen hatte alles mit dem Hinzutreten jener Männer, die die Ostküstenaristokratie ursprünglich als »rubber barons« – »Räuberbarone« auf Distanz gehalten hatte, Neu­reiche, die vor allem durch Immobilienspekulation und Eisenbahnbau, dann durch das Bankgeschäft zu großen Vermögen gekommen waren. Die eine wie die andere Gruppe verachtete das demokratische System, nutzte es bestenfalls für die eigenen Zwecke, kaufte Politiker oder Ämter oder Parteien, manipulierte die Gesetzgebung wie das Justizwesen zum eigenen Vorteil und wandte brutale Methoden – mit oder ohne Unterstützung der Institutionen – an, um sich durchzusetzen. Diese Verfahren erreichten jetzt aber die Grenzen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten: Die Verstetigung der politischen Organisation, die Entstehung neuer, immer schwerer kontrollierbarer Bewegungen in den urbanen Zentren, der wachsende Widerstand gegen die trusts und die miserablen Lebensbedingungen der städtischen Massen führten in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zu einer krisenhaften Entwicklung und zu intensiven Debatten über die Möglichkeit, das System weiter im Griff zu behalten.

Dabei wurde vorausgesetzt, daß eine Massengesellschaft – aufgrund ihrer Größe, ihrer Heterogenität, ihrer Dummheit – tendenziell anarchisch sei, daß jedenfalls ein System, das auf Wahlen basierte, das denkbar ungeeignetste für einen solchen Verband sei; oder, wie es ein Repräsentant der amerikanischen Führungsschicht formulierte: »Die Welt besteht aus zwei Klassen – den Gebildeten und den Ungebildeten –, für den Fortschritt ist es entscheidend, daß den ersteren ermöglicht wird, die letzteren zu beherrschen« (Irving Fisher). Damit war aber noch nicht geklärt, auf welchem Weg man dieses Ziel erreichen sollte. Während eine Gruppe davon ausging, es wäre das beste, die Verfassung außer Kraft zu setzen, die Gesellschaft zu dezimieren und dann neu aufzubauen, ging die andere davon aus, daß man die politische Organisation besser bestehen lasse, jedenfalls deren Fassade, man sich mit der Unabänderlichkeit des Gesamtzustands abfinden und alle Energie darauf konzentrieren sollte, Verfahren zu entwickeln, um die Gesellschaft trotzdem zu kontrollieren.


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