Sezession
1. Juni 2012

Soft power – sanfte, flexible, subtile Macht

Gastbeitrag

Bernays glaubte, mit seinen Büchern die Grundlage eines »ethischen Codes« geschaffen zu haben, der allerdings nur in die Hände einer Elite gehörte, die lerne müsse, »sich der Propaganda … dauerhaft und systematisch [zu] bedienen«. Wenn sie das tue, werde sie auch feststellen, daß der »Einfluß der unsichtbaren Drahtzieher … manchmal ins Unermeßliche« wachse.

Bernays gilt gemeinhin als »Vater der PR«. Er hat eine atemberaubende Karriere gemacht und nicht nur für Ford oder Procter & Gamble gearbeitet, sondern auch Ende der zwanziger Jahre die erste große Werbe­kampagne für American Tobacco organisiert und Anfang der sechziger Jahre eine nationale Gesundheitskampagne gegen den Zigarettenkonsum. Abgesehen von dieser Tätigkeit im Rahmen der Wirtschaft, war er als Berater der CIA und der United Fruit Company tätig. Er hat sich gerühmt, 1954 den Sturz der linksgerichteten Regierung Guatemalas erreicht zu haben, die er systematisch in den – falschen – Verdacht gebracht hatte, Partei­gängerin der Sowjetunion zu sein. Wahrscheinlich macht dieser Vorgang, der Teil der wirtschaftlichen Durchdringung Lateinamerikas durch ein privates Unternehmen und den amerikanischen Geheimdienst war, noch am deutlichsten, auf welche Weise man sich das ideale Zusammenspiel von hard power und soft power vorzustellen hat.

Bernays wurde »zweiter Machiavelli« und zugleich »Roosevelt-/Kennedy-Liberaler« genannt. Aufschlußreicher als das ist aber, daß Noam Chomsky Bernays’ Formel vom »engineering consent« für seine eigene Analyse der Machtausübung in den entwickelten Gesellschaften der Gegenwart verwendet. Was sich bei Chomsky über die »Konsensmaschine« findet, ist nichts anderes als der Hinweis auf die entscheidende Bedeutung von soft power als Ersatz für oder flankierende Maßnahme neben hard power: die mehr oder weniger subtile Kontrolle durch mehr oder weniger anonyme Instanzen mittels uralter Methoden der Indoktrination neben differenziertesten Formen des screening und der politisch-korrekten Sprachregelung, eine Form der Machtausübung, die ihrer Tendenz nach ungleich totalitärer ist als ein offen repressives System, weil es den einzelnen mit Wänden aus Watte und nicht mit Stacheldraht umstellt. Dieser Sachverhalt spielt schon deshalb keine Rolle in den öffentlichen Debatten, weil niemand die von Chomsky geforderten Kurse in »geistiger Selbstverteidigung« anbietet, – oder wenn doch, die Sitzreihen leer bleiben.


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