29. April 2013

Authentische Authentizität

von Gastbeitrag / 6 Kommentare

58435von Heino Bosselmann

„Authentisch“ gerät als Modewort in Dauergebrauch. Ein Zeichen dafür, daß man zwischen standardisierten Personen und Ereignissen „Authentizität“, das Echte und Unverwechselbare, vermißt und also unbewußt ersehnt? Alles Ursprüngliche wurde längst zugeplattet, gedämpft und gedämmt, umzäunt und entschärft

Offenbar verheißen Sterilisation und hermetische Systeme Sicherheit. Wirklich Authentisches gilt mittlerweile als unberechenbar. Es widersetzt sich den Normierungen. Natürliche Herzlichkeit etwa weckt Befremden: Was ist denn mit dem los? – Überhaupt fällt die Natur wieder ins Unbekannte zurück und erscheint dabei immer gefährlicher. Überall Keime! Und wie man hört, kehren sogar die Wölfe zurück. Also schnell die Schüler aktenkundig belehren!

Kinder werden auf den Rücksitzen gepflegter Mittelklasse-Wagen groß, festgeschnallt wie Astronauten in TÜV-zertifizierten Sitzen. Sie haben bereits eine Menge Termine. Vielleicht geht’s gerade zu einer Kids-Party im Indoor-Spieleland „Adventure-Park“. Die natürliche Welt bleibt sicherheitshalber hinter Sicherheitsglas verborgen. Statt Kaninchenfutter zu besorgen, kann man auf dem Smart-Phone seinen gliederlosen Pou mit virtuellem Sushi füttern. Und das Faszinosum Technik? Gibt's da noch was über Media-Markt hinaus? Der Motor von Papas Auto ist wohl leistungsstark, ein säuselndes Kraftpaket verläßlich summender Hochtechnologie, aber verborgen und fremd, so unbekannt wie draußen der blühende Ahorn der Allee, von dem keiner im Wagen auch nur den Namen weiß. Ahorn kennt man vom Frühstückstisch, als Ahornsirup, aus Kanada wohl.

Ach, Kanada! Ja, das wäre mal was ganz anderes! Indian Summer! Traumhaft exotisch! Oder Australien. Oder Neuseeland. Hauptsache, weit weg, möglichst bei den Antipoden, fern wie die Schlachten aus dem „Herrn der Ringe“, die von DVD laufen. Obwohl die schon auf alt- und mittelhochdeutsch geschlagen wurden. Mythos und „Fantasy“ sind beliebt. Man sehnt sich nach Erlebnis, Bewährung und Heldentaten, obwohl man kaum mehr einen 3000-Meter-Lauf durchstünde. Man trägt ja auch Jack-Wolfskin-Kleidung, ohne je in die Wildnis zu kommen; blickt auf bombsatische Fliegeruhren, ohne abzuheben, und bevorzugt starke Landrover, ohne daß man deren Chrom je eine Strecke Schlamm zumuten würde.

In Deutschland tragen die Chausseebäume Nummern aus Plastik. Sicher zu ihrem eigenen Schutz. Und die Vertragswerkstätten fürs Auto erscheinen heute so sauber wie früher die Kliniken. Sind die in den weißen Kitteln eigentlich noch richtige Schlosser? Alles so glatt, abwischbar und geruchsneutral. Kein Ölgeruch, nein, weißes Apple-Design, schöne, neu verputzte Welt. Sein Auto fährt man nicht mehr zur Reparatur, man bringt es – scheckheftgepflegt – zur Diagnose. So wie man sich selbst eben ab und an „durchchecken“ läßt, um mit erneuerter Garantie weiter seinen Konsumentenstoffwechsel zu betreiben.

Starteten wir, Ostjahrgang Mitte Sechziger, im Unterricht „Einführung in die sozialistische Produktion“, dem Technikunterricht der DDR, mit vierzehn, fünfzehn endlich den Ausbildungstraktor, um damit erst fahren und dann Anhänger ziehen oder gar pflügen zu lernen, passierte mit dem Viertakt-Diesel richtig was. Er ballerte los und stieß eine schwarze Wolke aus. Erst bekam man es mit der Furcht, dann aber wuchs der Stolz, eine kräftige Maschine steuern zu können. Sie im Griff zu haben. Das war der Ritt auf einem Drachen durchs Dorf und, gewaltigen Eindruck schindend, an den Weibern auf der Kartoffelkombine vorbei. Ein Traktor mit hundert Pferdestärken war ein ganz anderes Stück Technik als der Föhn, mit dem sich heutzutage Justin oder Kevin im Bad die Haare machen. (Und wer von uns Dreckfinken brauchte oder hatte schon ein Bad?)


Aber nicht erst mit Maschinen und Traktoren initiierten uns die Alten. Ich vergesse nicht den Geruch der Erde bei all dem Umgraben, Grubbern, Harken, Jäten, Rüben verziehen, Kartoffeln sammeln, Rote Beete ernten – diesen einfachen Tätigkeiten, die einem mit hohem, ja weihevollem Ernst erklärt wurden. Und mit einer Strenge, die heute vermutlich als faschistisch gelten würde: Mach’s richtig! Oder gar nicht! Erklären wir dir einmal, vielleicht zweimal, aber dann muß es klappen. – Und mach bloß keinen Schrott!

Alles duftete. Die Ställe rochen nach Mist, nach Futterschrot und Milch, so wie die Männer und Frauen, die dort arbeiteten. Überhaupt duftete alles. Werden und Vergehen, Fäulnis und Zeugung noch dicht beieinander. Selbst der Diesel der Sowjetarmee duftete. Anders. Regelmäßig grollten deren Kolonnen durchs Dorf. Russische Gesichter und jene ihrer Anhangsvölkerschaften, alle Gesichter Eurasiens, kaukasische, asiatische, orientalische, sibirische, also beinahe indianische. Wir winkten. Sie hätten uns den Frieden gebracht, erklärte die Schule. Mein Vater erklärte es umfassender und leiser; er winkte auch nicht. Jedenfalls hielten uns diese Panzer in einer weltgeschichtlichen Pause von ein paar Jahrzehnten gefangen, in denen die Welt noch duftete.

Verklärung! Postindustriell romantischer Blick aufs industrielle Zeitalter! Idyllisierung der Diktatur! Blut-und-Boden-Propaganda auf sozialistisch! Mauerromantik! – Mag sein. Gewissermaßen wurden wir ja in der Reservation geboren. Bis die Freiheit kam, also das Recht und der Markt – und damit all die Waren mit dem Intershop-Duft, der dann die anderen Gerüche überlagerte. Und die Kinder endlich zu McDonalds konnten, die Männer Bier aus bunten Büchsen tranken statt Pritzwalker Hell und die Frauen sich die Achselhöhlen rasierten. Gut so.

Nur, wo sind die Abenteuer hin? Und weshalb haben so viele zum "hyperkinetischen Syndrom" noch diese Laktoseunverträglichkeit und all die Hausstaub- und sonstige Allergien? Und weshalb stehen alle so auf Ganztagsschule, anstatt nachmittags an der Löcknitz Hechte zu blinkern – für sonntags, für gedünsteten Hecht auf Gemüse? Und weshalb will kaum mehr einer richtig Trecker fahren?

Kommentare (6)

Hesperiolus
29. April 2013 18:45
Für die Bedeutungsherkunft von "authentisch" verweist das Wörterbuch uns auf den "zuverlässigen Gewährsmann". Woher diese Gewähr kommt sagt das "Echte": "echt", althochdeutsch eohaft, heißt "der Sitte entsprechend", "fromm". Ewe klingt an, die das alte und Gewohnheitsrecht meint. Ewe, das ist zeitliche Ewigkeit eines Volkes, seine Dauer und Lebenszeit, solange seine Überlieferung reicht und gelten mag. "Ewig" ist ein Volk, das und solange seine Sitte waltet, solange seine Nachkommen "ehelich", d.h. aus dieser Treue geboren werden. Echt ist keiner mehr, dessen Herz und Seele durch american cool, das tödlichste Ethno-Psychozid, vergiftet worden sind. Identitäre müssten echt, müssten ehelich in diesem Sinne werden, gegen das cool im Brei des Pop immun geworden sein, um einen neuen, den "authentischen" Anfang und Ausweg wagen zu können.
Sara Tempel
29. April 2013 20:38
Lieber Herr Bosselmann,
Sie haben Ihre Erinnerungen so schön beschrieben, dass man Sie auf Ihrem Trecker plastisch vor Augen hat! Sofort fallen mir Eindrücke ein, die meine unbeschwerte Kindheit prägten, die herrliche Zeit bevor Schulwissen so vieles beherrschte. - Es war auf dem Bauernhof meiner Verwandten in der Eifel. Die Bäuerin, meine Tante, stieg morgens mit dem ersten Hahnenschrei ins Tal hinab zum Gottesdienst. - Ein durchdringender "Duft" aus den Ställen, Gestank aus dem Klohäuschen im Hof. Ein riesiges rundes Loch, dass ein kleines Mädchen schnell in seinen Orkus ziehen wollte, Erleichterung wenn ich diesen Ort wieder verlassen durfte.- Mit Onkel Alex auf dem Trecker über die Felder, das schmale Geländer viel zu hoch um sicher zu sein. Heute, in einer Welt voller Regeln würde niemand mehr sein Kind einer solchen Gefahr aussetzen, das aber war Authentizität des realen Lebens, noch nicht digital. Im letzten Jahr wurde der Bauer Alex, Vetter meines längst verstorbenen Vaters, von seinen Pius-Brüdern zu Grabe getragen.- Zu Hause floss die kleine Erft, tatsächlich ein offener Kanal, durch unser Grundstück aus Familienbesitz. Immer wieder zog mich der Bach in sein stinkendes Bett. Er bat mir Schutz - bis heute leide ich noch nicht unter Allergien! Zu viel Nostalgie? Sicher werden unsere Nachkommen aus neuen Quellen schöpfen!
Ein Fremder aus Elea
29. April 2013 20:53
Naja, bei uns auf der Diele roch es auch nach Diesel, und zum ersten Mal Trecker gefahren bin ich mit 6, als mein Vater noch mit der Forke die Strohballen auf den Anhänger stakte. Dann hat er sich allerdings eine Schleuder gekauft und ist selber Trecker gefahren. Für uns hieß das: Strohballen in eine Reihe packen.

Scheißtechnik, fürwahr.

Auf dem Feld war es trotzdem ganz schön, später in der Scheune allerdings... das war schon fast die Hölle, heiß, staubig, stechend.

Duften... nun gut, ich mag Dieselgeruch, aber duften... und so ein Kuhstall duftet auch nicht gerade... das alles riecht eher, Treber, Kuhschrot, Molkepulver... der Misthaufen... die Jauchekuhle...

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß sich in olfaktorischer Hinsicht allzu viel seit meiner Jugend geändert hat. Wenn Sie beispielsweise mal Treber riechen wollen, dann fahren Sie doch mal bei der Holstenbrauerei vorbei - oder bei irgendeiner anderen.

Und Diesel... hmm... vielleicht irgendwo in der Stadt wo viele LKWs vorbeifahren.

Ich nehme einstweilen mit den Abgasen meiner Motorsäge Vorlieb. Und dem teils frischen, teils schimmelig säuerlichen Geruch des Holzes.
Martin
29. April 2013 20:54
Herr Bosselmann,

ich darf sie beruhigen, im ländlichen "Westen" der Vorwendezeit war es nicht viel weniger Sinnenintensiv, obwohl es Coca Cola (was aber in normalen Kreisen verpönt war) und echte Jeans-Hosen gab.

Ich denke, das Entfremdungsthema ist doch recht Zeiten-übergreifend (im 20. Jhdt. literarisch bereits sehr schön in der US-Amerikanischen Literatur der nach dust bowl Zeit über die Beat Generation bis zu den 70ern erzählt - das also, wofür wir den US-Amerikanern auch einmal Respekt und Dankbarkeit zollen müssen), auch wenn sich mittlerweile eine allgemeine Beschleunigung überall breit gemacht hat.

Was auffällt, ist eine neue Form des Totalitarismus. Die totale Mobilmachung der Arbeit, die aber nicht mehr Erd- oder Maschinen gebunden ist, die dafür keine Geschlechter oder Abstammungen mehr kennt, als totalere Form der Sklaverei. Der modische Burn-Out unserer Tage ist der instinktive Protest, die moderne Fahnenflucht des heutigen Menschen, wenn er sich nicht bereits mit HartzIV eingerichtet hat.

Mit depressiven Frühjahrsgrüßen eines authentisch Unauthentischen.
eulenfurz
29. April 2013 23:23
Nein, wir haben nicht gewunken. Wir haben sie gehaßt, die Russen, die sich lauthals und unflätig benahmen, die - uniformiert - an Badestränden kichernd glotzten. Die Fremden!
Zadok Allen
02. Mai 2013 14:05
Jedenfalls hielten uns diese Panzer in einer weltgeschichtlichen Pause von ein paar Jahrzehnten gefangen, in denen die Welt noch duftete.


Danke für diesen Satz! Ihre Prosa geht mit Dichtung schwanger.

Ein weiterer Gesichtspunkt: Wer nicht seine Kindheit und Jugend in der (und genauer: in einer und derselben) "Provinz" verbracht hat, dürfte ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit schwerstgeschädigt sein. Die natürlichen Kinder der Metropolen sind vom Verhängnis als Träger der gegenwärtigen Ideologie und ihrer säkularen Folgen ausersehen. Ausnahmen erfreuen freilich immer.

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