Sezession
1. August 2012

Zehn Jahre in Schnellroda

Ellen Kositza

Die redselige Mitteilsamkeit, der joviale Ton, die Verbindlichkeit der Rede, auch die Großzügigkeit in vieler Hinsicht: Kubitschek ist mit solchen kommunikativen Gleitmitteln im Süden der Republik aufgewachsen. An Wohlstand und Sattheit seiner Heimat kann es nicht allein liegen. Schon im gleichfalls saturierten Rhein-Main-Gebiet – Kositzas Revier – gibt man sich wesentlich spröder. Oder nehmen wir umgekehrt Dresden, wo wir ein anderthalbjähriges Intermezzo einlegten: Die Bewohner der Elbmetropole glänzen – was Zugewandtheit betrifft – als »Südler«. Sowohl in Zufallsgesprächen auf der Straße als auch auf Ämtern und in öffentlichen Einrichtungen ist diese grundsätzliche sächsisch-höfische Geneigtheit meilenweit von dem Gesprächsmodus entfernt, den wir zwischen Halle/Saale, Nordhausen und Naumburg ausmachen können und müssen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Anruf bei Behörde XY: »Kowalek!!!« – »Ah, guten Tag, bin ich wohl richtig bei Ihnen? Ich wollte nachfragen wegen Vorgang Z, dem Status meiner Anfrage vom Soundsovielten?« (Das Gespräch wird wortlos unterbrochen, eine Weiterleitungsmelodie ertönt.) »Schneider!?« – »Tag, ich rufe an wegen Vorgang Z und möchte mich erkundigen, ob er schon bearbeitet ist, ich habe die Papiere vor zwei Wochen zu Ihnen geschickt.« – »Weiß ich jetzt nicht!« – »Wen könnte ich denn dazu befragen?« – »(Tiefes Seufzen) Name?« – »Meinen Namen meinen Sie?« »Ja, wem seiner sonst? … Nee, das liegt noch im ersten Stock.« – »Ach so. Mir macht die Frist Sorge. Der Antrag muß ja bis Montag nächster Woche bearbeitet sein. Könnte ich Ihnen das vielleicht zufaxen, um den Vorgang zu beschleunigen?« – »Bringt nichts. Unser Fax steht im ersten Stock, wir kriegen die Sachen jeden Freitag auf den Tisch.« – »Hm. Was schlagen Sie vor? Oder könnten Sie vielleicht ausnahmsweise einmal in den ersten Stock …« – »Ist unüblich, aber bitte …« – »Das ist sehr nett von Ihnen. An wen darf ich das Fax richten? Reicht Frau Schneider? Soll ich Ihren Vornamen mit dazuschreiben?« – »(Schnaufen) Mein Vorname geht Sie gar nichts –« Klick.

Unser Bundesland schmückt sich mit dem fraglos hübschen Slogan »Wir stehen früher auf«. Gemessen am bundesweiten statistischen Durchschnitt, beginnt der Sachsen-Anhalter (der eben kein Sachsen-Anhaltiner ist, was oft mißachtet wird) seinen Tag mit neunminütigem Vorsprung. Gemäß PR-Philosophie macht das unsere Landsleute zu besonders »aufgeweckten Menschen« mit einer damit verbundenen »vorteilhaften Geisteshaltung.« Gefühlt handelt es sich im Alltag dabei nicht um Minuten, sondern um eine gute Stunde, und vollständig haben wir uns an diesen vorgezogenen Tagesablauf noch nicht gewöhnt. Handwerker rücken um halb sieben Uhr an, das Mittagessen (hier: »Mittachbrot«) im Kindergarten (an dem unsere Kinder trotz des verführerischen Kantinennamens »Volkssolidarität« nicht teilnehmen) findet Punkt »ölf« statt, Nachmittagsveranstaltungen beginnen, wenn wir mit dem Mittagessen fertig sind, und wer abends kurz nach acht (hier: Viertel neun) noch bei Nachbarn klingelt, dem wird manchmal im Schlafanzug geöffnet, wenn überhaupt noch.

Die erste Schulstunde der Grundschüler beginnt um 7 Uhr 20. Demographisch bedingt und aus einer kurzsichtigen Sparsamkeit heraus (die Landesherren investieren mit Vorliebe in sogenannte grüne Energien) werden seit der Wende mehr und mehr Schulen geschlossen, die Schüler haben immer weitere Anfahrtswege, ins Querfurter Gymnasium bis zu einer Stunde.

Gelegentlich unken wir über einen Zusammenhang von Frühaufsteherei und jener berühmten Vollbeschäftigung, mit der sich die DDR schmückte. Ältere Dorfbewohner kolportieren, daß je einem Bagger in der Braunkohlegrube sieben Arbeiter zugeteilt waren: Einer fuhr, einer löste ihn gelegentlich ab, einer koordinierte von außen, einer reichte Bemmen (ortsüblich für Schnitten, Brote) und Kaffee, einer überwachte das Ganze – und zwei weitere standen zur besonderen Verwendung bereit und steigerten die gute Laune.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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