Sezession
1. August 2012

Zehn Jahre in Schnellroda

Ellen Kositza

Unsere Landeshauptstadt Magdeburg besticht durch Häßlichkeit. Was die alliierten Bomber nicht schafften, haben Nachkriegsarchitektur und Städteplanung der Nachwendezeit vollendet. Wir kennen ähnliche Szenerien aus Darmstadt, Pforzheim oder Würzburg. Mit dem Unterschied, daß diese Städte pulsieren, während Magdeburg in seiner fruchtbaren Börde liegt wie auf dem Sterbebett: Geblieben sind vor allem jene, die ihre Arbeitskraft weiter westlich nicht besser bezahlt bekommen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der Goldene Reiter, ein Wahrzeichen der Hauptstadt und als deutschlandweit erstes Reiterstandbild verlassen an ottonisches Erbe erinnernd, steht kläglich auf dem wochenends menschenleeren Rathausvorplatz, sekundiert von einer Rolandsfigur. Der alte Roland stammte aus dem 15. Jahrhundert, der neue wurde 2005 aufgestellt. Playmobil hat ihn nicht gesponsert, dennoch schaut er so aus. Keine Bank lädt zum Verweilen ein, nicht einmal Blumenkübel wahren die Form des Grußes vom Heute ins Gestern. In der Nachbarschaft: ein Sparkassenbau und ein Karstadt, beide in je institutionsüblicher Häßlichkeit.

Aber: Magdeburg verfügt über ein Genderkompetenzzentrum. Nicht alles war schlecht in der DDR, sagt man, und meint damit neben dem Grünen Pfeil und der Heizwärme auf Staatskosten die sogenannte Gleichberechtigung. Die »Krippenlandschaft« war nicht bunt, aber solide, das gilt wie die einhergehende hohe Frauenerwerbsquote bis heute. Die ostdeutsche Frau ist Avantgarde, das wird als mutmaßlicher Standortvorteil selten betont. Die Statusbezeichnung »Hausfrau«, genannt auf amtliches wie persönliches Befragen, wird mit jenem Interesse kommentiert, das im Zoo exotischen Tieren gilt: »Also arbeitssuchend, ja, oder wie meinen Sie das?« Nicht selten anzutreffen ist hier folgende Konstellation: Sie: Lehrerin, Beamtin in mittlerem bis gehobenem Rang, Kleinunternehmerin oder leitende Angestellte, er: arbeitslos, Melker, Handwerker, LKW-Fahrer, häufig aber Bauarbeiter auf Montage. Schwarzarbeit ist üblich. Mehr Väter als Mütter vor dem Kindergartentor. Wenn Ehrungen anstehen, bekommt er Blumen wie sie, und keiner grinst verlegen.

Der übliche rohe Ausdruck für den Nachwuchs lautet »Wänster« (Dickbauch). Unsere sieben sind im Dorf und den Nachbarorten in quantitativ reicher Gesellschaft, mehr als die Hälfte unserer Generationsgenossen hier hat drei oder mehr Kinder. Interessant die Namenswellen: Die Madlens, Nikolls, Devids und Sindys, die sich sprechen, wie sie geschrieben werden, besuchen bereits das Gymnasium, die derzeitigen Neuankömmlinge heißen Wilhelm oder Augustine wie im Prenzlauer Berg. Es ist nicht immer deutlich, warum manche Städte und Ortschaften demographisch strotzen, bauliche Substanz und Infrastruktur lebenswert erhalten haben wie Querfurt und Naumburg, während andere (wie die Novalis-Stadt Weißenfels oder die Lutherstadt Eisleben) kümmerlichen Reservaten gleichen.

Was für ein Landstrich aber! Eine Kornkammer, fruchtbarste Planquadrate, auf denen Getreide und Mais, Raps und Sonnenblumen, Zuckerrüben und Kartoffeln, Futtererbsen und Runkeln gedeihen; historischer Boden: das Herzland der Ottonen mit der Saalefestung Merseburg gegen Osten, dem Hausgut Memleben, den Pfalzen Allstedt und Tilleda, der Burg Querfurt, den Warten und Grenzsteinen; frühest besiedelt, das belegen die »Himmelsorte« Nebra (mit der »Sonnenscheibe«), Langeneichstädt (»Dolmengöttin«), Goseck (»Sonnenobservatorium«) und das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle, dieser wuchtige, architektonisch konservativ-revolutionäre Bau, in dem gesammelt und ausgestellt wird, was sich fand in unserem Raum. Das Rasen-Labyrinth von Steigra, eines von zwei erhaltenen in Deutschland, hat es nicht bis in die Route der »Himmelsorte« geschafft, aber es ist Anlaß für eines der schönsten Frühlingsfeste, das wir kennen.

In der Unstrut kann man schwimmen, bei Burgscheidungen begrenzt sie den Hanggarten des Schlosses, das mit bizarren Gestalten und Kalksteinköpfen bestückt ist. Hier, unterhalb, in den nassen Wiesen, auf denen im Frühjahr das Wasser in Seen steht, unterlagen die Thüringer 531 den Franken und Sachsen in einem furchtbaren Gemetzel und büßten ihre Machtstellung unter den deutschen Stämmen ein. Und fast genau fünfhundert Jahre später verweigerte der Ottone Heinrich I. nach jahrelanger Vorbereitung den Ungarn den Tribut und vernichtete bei Kalbsrieth oder Großkayna – jedenfalls nicht weit von uns – das erneut plündernde Reiterheer aus dem Osten. Vor Roßbach bei Weißenfels ritt dann 1757 der junge Generalleutnant von Seydlitz mit sechstausend preußischen Kürassieren die Franzosen samt Reichsexekutionsarmee in Grund und Boden und verschaffte seinem König, Friedrich II., einen glänzenden Sieg.

Teuer und rar ist der Saale-Unstrut-Wein, aber es muß doch ab und zu eine Flasche aufgezogen werden: Hölder heißt die Rebe, die hier noch auf zwei Hektar wächst und den Namen eines schwäbischen Dichters trägt. In unserem Garten indes gedeiht an drei Stöcken die ­Hecker-Rebe – frosthart und benannt nach dem badischen Revolutionär.

Indes: Die Unstrut liegt zu weit weg, als daß man morgens oder wann immer zu Fuß oder mit dem Fahrrad ans Ufer gelangen und hineinspringen könnte, um ganz wach oder wieder kühlen Kopfes zu werden. Schnellroda: das ist die Querfurter Platte, leergerodet, weil jeder Quadratmeter Boden beste Ernte garantiert. Paradiesisch sind die staubigen Wirtschaftswege, gesäumt von Alleen, in denen niemand mehr die Kirschen, Äpfel und Birnen erntet. Es weht stetig: eine Windrädergegend, trockenes Land – nie haben wir windgebrochenes Korn verderben, nie frisches Heu verfaulen sehen.

Anfang 2002 hatten wir mit der Suche nach einem Haus begonnen. Bis zum Sommer wollten wir es gefunden haben. Erstens, weil die Einschulung der ältesten Tochter anstand, zweitens, weil die Dresdner Wohnung knapp wurde. Das vierte Kind hatte sich angekündigt, die Hebamme erklärte sich bereit, gerne auch auf einer Baustelle ihre Arbeit zu verrichten. Sie habe schon zwischen Kalksäcken und ohne fließend Warmwasser geholfen; kein Problem also. Daß wir als Freischaffende örtlich nicht gebunden waren, entgrenzte die Suche und stellte uns vor die Qual der Wahl. Nach sechs, sieben Dutzend mal detailliert, mal kursorisch begutachteten Dreiseithöfen, verfallenen Villen und stillgelegten Kinderheimen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen (zu einsam, zu bedrängt, neben einer Schweinemästerei, mit Aussicht auf einen Supermarkt, mit Arbeitsgeräuschen im Dachgebälk, mit vierundzwanzig leider neu eingebauten Plastikfenstern inklusive vorgesetztem Rolladenkasten) legten wir säuberlich eine Kriterienliste an, nach Prioritäten geordnet. Wünsche wie »Fluß/See in unmittelbarer Nähe«, »gefälliger Dialekt«, »Grundschule am Ort«, »Autobahnanschluß unter 20 km«, »Entfernung von Großeltern max. drei Stunden« standen weit oben.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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