Sezession
1. August 2012

Zehn Jahre in Schnellroda

Ellen Kositza

Die Landkreise rund um Dresden standen hoch im Kurs, doch das galt leider auch für die Lage der ins Auge gefaßten Häuser auf dem Immobilienmarkt. Wir suchten per Makler, per regionaler Zwangsversteigerungsliste und in einschlägigen Internet-Foren; die schönsten Hausfunde bescherte uns stets der Quartalskatalog der Sächsischen Grundstücksauktion. Welche Leben in welchen Gemäuern, in welcher Umgebung haben wir uns schon herbeigeahnt! Das – oft heimliche – Begehen längst verlassener, teils ruinöser Lebensstätten ist uns bis heute eine Leidenschaft geblieben: über jahrhundertealte Mauern klettern, sich winden durch Garten- und Parkgestrüpp, ein Portal bestaunen, eine zerbrochene Fensterscheibe entdecken – und hinein in ein Leben, das war und das, modifiziert, wieder möglich wäre; hier steht noch die Badewanne mit Bollerofen, dort ein Schrank voller Geschirr, eine Mäusefamilie flüchtet aus den Kissen eines Sofas, da liegt Schriftkram, Schulzeugnisse von 1987 zwischen Aktendeckeln. Hier wurde gestorben, hier wurde geboren, hier wurden Leben gemeistert, tausend Gerüche hängen in den Wänden. Wir haben Villen inspiziert und Gutshäuser, die uns bis heute gute Freunde sind, sie stehen immer noch leer, sie stehen nahezu trocken, ihr Abriß wäre zu teuer.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Als Anfang Juni 2002 ein Rittergut in Schnellroda annonciert wurde, notierten wir: »evtl. kurz anschauen«, es lag mehr zufällig auf einer weiteren Besichtigungstour, und weil die Adresse auf »Hauptstraße« lautete, stand es nicht zur engeren Wahl. Kinder- und Straßenlärm zugleich, das wäre um einen Faktor zu laut. Sieben, acht Häuser standen an jenem Wochenende auf dem Plan. Dann das Ergebnis: »Alles halb gut, bis auf Schnellroda = fast perfekt.« Zwar ohne See/Fluß, ohne Grundschule (die befand sich noch nach der Wende im Rittergut), ohne gefälligen Dialekt, ohne Großeltern- und Autobahnnähe. Wir fuhren wieder hin, noch einmal. 21 Räume, teils durch Leichtbauwände abgeteilt, die Decken zwecks besserer Heizbarkeit abgehängt, umgeben von Mauern, die teils dem 13., teils dem 17. Jahrhundert entstammen. Wir hoben nicht den PVC-Belag und die Dachpappe zu unsern Füßen (darunter teils feinstes Parkett), wir zerschlugen nicht probeweise die Deckenabhängung (darunter eine Renaissancedecke), wir kauften Ende Juni die Katze im Sack. Gott sei ­Dank, wir haben es nie bereut.

Überhaupt: Was könnte es zu bereuen geben, wenn man jeden Tag alle Hände voll zu tun hat und gar nicht ins Grübeln kommen kann, ob dieser Ort nun der richtige sei? Entweder kennt man den Wunsch, irgendwann mit der Suche aufhören zu dürfen, eine Entscheidung treffen und anfangen zu können, oder man kennt diese grundlegende Lebenshaltung nicht und bleibt gewissermaßen vorläufig. Wer in einer Kirschallee von Baum zu Baum und immer weiter geht, weil er die ideale Frucht nicht finden kann, muß sich irgendwann eingestehen, daß ihm dieses Gehen am Herzen liegt, nicht das Ernten – nicht das Bleiben, sondern das Weiterziehen und das unbestimmte Hoffen darauf, daß irgendwo und irgendwann das ganz und gar Richtige sich einstellen werde.

Aber: Es stellt sich fast nie ein, dieses Richtige, es fällt einem nicht zu, es fällt nicht mit der Tür ins Haus. Es ist vielmehr, als könne man das, was sich ineinanderfügt, heranarbeiten, indem man Haus und Arbeit, Leben und Erschöpfung, Erfolg und Demut immer besser und irgendwann ganz selbstverständlich aufeinander abstimmt und zueinander in die Waage bringt. Man muß einfach irgendwo anfangen. Und dies begreift fast jeder Besucher, der aufs Rittergut kommt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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