Sezession
1. Dezember 2012

Ehrenrettung für einen Pastor

Gastbeitrag

Interessanterweise hat Götz Aly in seinem neuen Buch, Warum die Deutschen? Warum die Juden?, dem Hungerpastor einige Absätze gewidmet. Alys Streitschrift ist gleichfalls strikt manichäisch konzipiert: Der kluge, erfolgreiche, zukunftsorientierte, kultivierte Jude überrundet den tumben, rückständigen Deutschen, wird von diesem beneidet, mit Ressentiments bedacht und am Ende umgebracht. Doch gibt es auch luzide Passagen, in denen Aly das Verhalten und die Wahrnehmungen der Deutschen aus der historischen Situation erklärt. Seine Überlegungen zu Raabe (die mehr auf der Kenntnis von Sekundär- als Primärliteratur beruhen) sind ein Kompromiß. Den Antisemitismus-Vorwurf gegen Raabe (und Freytag) weist er zurück – mit der schwachen Begründung, außer Moses Freudenstein seien alle jüdischen Figuren positiv gezeichnet.

Inkonsequent geht auch Raabe-Biograph Fuld vor, der zwar feststellt, daß Moses Freudenstein für den zeitgenössischen Leser als »ein typischer Jude« erscheinen mußte und der Figur eine historisch verbürgte, »typische Karriere jener Zeit« (Hervorhebungen von Hinz) zugrunde liege, den nächsten logischen Schritt aber scheut. Der bestünde in der Erörterung der »typischen« Verhaltensweisen, die Raabe in der Figur des Freudenstein verdichtet hat. In einem nächsten Schritt wäre danach zu fragen, inwieweit sie einen sozialen Typus konstituieren und mit der jüdischen Herkunft zu tun haben.

So wird behauptet, die Darstellung von Vater Freudenstein sei anti­semitisch intendiert. Die Begründung: Körperhygiene und Maniküre dieses im übrigen freundlichen Herrn lassen deutlich zu wünschen übrig. Außerdem hat er zu Hause Gold versteckt, während er nach außen bemüht ist, arm zu erscheinen. In Wahrheit werden diese Eigenheiten aus der angedeuteten Ghetto-Vergangenheit verständlich. Eine vage Vorstellung davon vermittelt Goethe in seiner Schilderung der Frankfurter Judengasse, wo ihm »die Enge, der Schmutz, das Gewimmel« auffielen. Die Heimlichtuerei in Gelddingen erklärt sich aus der Angst vor dem Pogrom. Auf keinen Fall will Vater Freudenstein den Neid der Nachbarn erregen, andererseits benötigt er für den Fall der Fälle eine leicht greifbare Notreserve. Entscheidend ist jedenfalls, daß Raabe das Verhalten nicht aus einer biologisch-rassischen Disposition, sondern aus geschichtlich tradierten und persönlichen Erfahrungen ableitet.

Das gilt auch für Moses. Wenn dessen Vorzüge zum Negativen ausschlagen, ist das eindeutig geschichtlich, sozial und psychologisch begründet. Wer als Kind in diesem Maße gedemütigt und verfolgt wird, müßte schon ein Heiliger sein, um sein Welt- und Menschenbild von dieser Erfahrung freizuhalten. Der Geschlagene ist verschlagen geworden. Er hat gelernt, sich zu verstellen, sich unsichtbar zu machen, zu heucheln, sich taktisch zu unterwerfen, den Gegner hinterrücks zu Fall zu bringen. Das ist für ihn die einzige Möglichkeit, aus der Opferstellung herauszutreten. Sein Rachebedürfnis und sogar sein Verrat an Hans sind psychologisch leicht zu erklären. Hans ist der Kronzeuge seiner Demütigungen und ruft durch seine Gegenwart die qualvollen Erinnerungen wieder herauf. Zugleich ist er ein Mitwisser, der Moses’ Geheimnis jederzeit offenbaren kann. Der denkt gar nicht daran, doch an dessen Anstand kann Moses nicht glauben. Die Illoyalität, Skrupellosigkeit und die kalte Berechnung, mit der er seine Umwelt taxiert und ausbeutet, bilden die Voraussetzungen für seinen Aufstieg. Die Figur, die Raabe gezeichnet hat, ist also nicht als antisemitische Projektion, sondern als das Ergebnis sozialer Interaktionen und deren künstlerische Widerspiegelung zu betrachten. Eine »typische Karriere jener Zeit«.

In einem erweiterten Sinn agiert Freudenstein als Avantgardist der kapitalistischen Moderne. Sein Interesse – und das der Juden überhaupt –, die vormodernen Strukturen und Regeln zu beseitigen, ist absolut, denn dadurch erst wird der Weg frei zu ihrer vollständigen Emanzipation. Dabei verliert er das Gefühl für Takt und Tempo. Bei der Ver- und Entführung der Fabrikantentochter läßt er außer acht, daß deren Mutter einen Hierarchiebegriff adaptiert hat, dessen Strenge dem des Adels gleichkommt und der es ihr verbietet, einen Aufsteiger unklarer Herkunft als Schwiegersohn zu akzeptieren. Dieses temporäre Scheitern aber bestätigt nur sein objektives Interesse.


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