Sezession
1. Dezember 2012

Ehrenrettung für einen Pastor

Gastbeitrag

Für die anderen bedeutete die kapitalistische Entwicklung – wie Marx und Engels hervorhoben – zugleich eine Verlust- und Schadensbilanz. Das machte ihr Verhältnis zu den Umwälzungen und zum »Fortschritt« komplizierter und schwieriger. Sie waren eingebunden in lokale, regionale und dynastische Loyalitäten, in Traditionen und Gewohnheitsrechte, die neben gesellschaftlichen, politischen und sozialen Einschränkungen auch einen Schutz boten vor der kalten Rationalität des Geldes. Ihre innere und äußere Gebundenheit erwies sich als Wettbewerbsnachteil gegenüber der unbegrenzten Mobilität der Juden, die »als treibendes und organisierendes Ferment in diesem für den einzelnen so bedrohlichen Prozeß« wirkten (Götz Aly). Der Niveauunterschied zwischen Moses und Hans ist nicht nur in ihrer unterschiedlichen Begabung begründet. Während Hans, ganz traditionsverhaftet, sich den Dingen mit einer »ehrfurchtsvollen Scheu« und voller Hemmungen nähert, kann Moses sie gänzlich »vorurteilsfrei« betrachten, analysieren und verwerfen.

Damit ist auch die nationale Frage berührt. Kritiker verübeln Raabe die Rede, in der Moses Freudenstein verkündet, nur so lange ein Deutscher sein zu wollen, wie es ihm zum Vorteil gereiche, und andernfalls aus der Rolle wieder herauszuschlüpfen. Die Rechtsgleichheit, die der preußische Staat den Juden zugesteht, betrachtet er unter der Maßgabe des persönlichen Nutzens, ohne daß ihm daraus die innere Verpflichtung zur Loyalität erwächst. Statt deswegen dem Schriftsteller antisemitische Motive zu unterstellen, wäre erst einmal zu prüfen, welche Befürchtungen Raabes den Hintergrund für die Suada abgaben, auf welche realen Erfahrungen sie sich stützten und wieweit sie im historischen Kontext erklärbar und plausibel sind. In diesem Punkt läßt die aktuelle Geschichtswissenschaft uns im Stich.

Hilfsweise lassen sich vom Roman gedankliche Verbindungslinien zum Aufsatz »Unsere Aussichten« ziehen, mit dem der Historiker Heinrich von Treitschke 1879 ungewollt den Antisemitismus-Streit auslöste. Die Aufforderung zur Assimilation, die Treitschke an die Juden richtete: »… sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerung, die uns allen ehrwürdig sind«, liest sich wie die unmittelbare Reaktion auf die Ansprache Freudensteins. Wie Raabe grenzte auch Treitschke sich ab vom Antisemitismus und hielt eine Einschränkung der Judenemanzipation für moralisch und politisch verhängnisvoll. Die Situation in Deutschland war in seinen Augen dennoch eine andere als in England und Frankreich. Der deutsche Nationalstaat war jung, seine geistig-moralischen Grundlagen, das Nationalgefühl waren unsicher und ungefestigt, weshalb Treitschke die schneidende Pressekritik, für die er Journalisten à la Freudenstein in der Verantwortung sah, für staatspolitisch destruktiv hielt. Im selben Atemzug kritisierte er, daß es antijüdische Restriktionen seien, die gebildete Juden verstärkt auf den Journalistenberuf verwiesen.

Zwei weitere Umstände erschwerten die Assimilation der Juden in Deutschland. Ihre, verglichen mit England und Frankreich, viel größere Anzahl und die Herkunft immer neuer Zuwanderer »aus dem polnischen Judenstamme …, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind«. Treitschke umriß genau die psychische Konstitution, welche die Figur des Moses Freudenstein verkörpert.

Wer Raabes Werk für obsolet erklärt, will dessen anhaltende Brisanz unter Verschluß halten. Die Frage danach, wieviel historische Wahrheit in seiner Dichtung steckt, wird als anstößig stigmatisiert. Die Befreiung aus der Blockade heißt, sich den freien Zugang zu einem großen literarischen Werk wie zur Realgeschichte zu bahnen.


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