1. April 2013

Richard Wagners deutsche Sendung

Gastbeitrag

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Siegfried Gerlich

Es ist dem Rang des Komponisten und dem Ruhm seiner Bühnenwerke geschuldet, daß Richard Wagner als deutscher Denker durchaus unterschätzt wird. Immerhin hat Wagner auch ein umfangreiches schriftstellerisches Werk hinterlassen und in programmatischen Traktaten wie »Was ist deutsch?« und »Deutsche Kunst und deutsche Politik« gerade die deutsche Frage auf sehr deutsche Weise gestellt: als Wesensfrage.

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Dabei liegt das eigentümliche Pathos, mit dem er sie zu beantworten suchte, nicht nur im philosophischen Ernst seines Denkens begründet; es erklärt sich auch aus dem biographischen Umstand, daß er die Frage nach dem Deutschen immer wieder als Existenzfrage erfahren hat. Wagners stets krisenhaftes und sogar paradoxes Verhältnis zu Deutschland kann geradezu als gelebter Existentialismus charakterisiert werden, wie er sich etwa in einem verzweifelten Bekenntnis aus späten Jahren bekundet: »Ich bin nicht auf den Rang der Tagespatrioten zu zählen, denn was einer unter den jetzigen deutschen Verhältnissen leiden kann, das leide ich, ich hänge gleichsam am Kreuze des deutschen Gedankens.«

Auf Gedeih und Verderb hatte Wagner sein Schicksal an das Deutschlands geknüpft. Thomas Mann, der Wagners Kunst als ein überdeutsches Ereignis von gesamteuropäischer Reichweite erlebte, bewunderte an ihr doch vornehmlich »die sensationellste Selbstdarstellung und Selbstkritik deutschen Wesens, die sich erdenken läßt«. Daß Wagner anderen dagegen zum Inbegriff des problematischen, wenn nicht fanatischen Deutschen wurde, verdankte sich indessen weniger seinem Werk und Wirken als seiner späteren Wirkungsgeschichte. Noch zu Lebzeiten von Karl Marx als »Reichsmusikant« geschmäht und nach seinem Tode von Adolf Hitler zu seinem einzigen Vorläufer erkoren, nimmt es kaum wunder, daß es bei dem von Friedrich Nietzsche bis heute immer wieder neu verhandelten »Fall Wagner« nie nur um den Rang eines deutschen Komponisten gegangen ist, sondern immer auch um den selbstbewußten Anspruch oder aber die selbstherrliche Anmaßung der deutschen Kultur schlechthin.

Gleichwohl verspürte Wagner zeitlebens ein großes Unbehagen in einer Kultur, die sich nur aus einem tiefen Mißverständnis des deutschen Wesens heraus als eine deutsche betrachten konnte. Er hoffte, die Eigenart einer wahrhaft deutschen Kultur, wie sie durch die Reformation und die spätere kulturprotestantische Säkularisierung des Luthertums grundgelegt worden war, werde endlich hervortreten, wenn die Deutschen ihre Überfremdung durch die römische Tradition, die französische Zivilisation und den jüdischen Kommerzialismus abgeschüttelt hätten, welche ihnen noch das Bewußtsein ihrer Selbstentfremdung raubten. Wagners Rückbesinnung auf Kants Ethik, Schillers Ästhetik und Schopenhauers Metaphysik zielte darauf ab, den eingekesselten deutschen Wesenskräften einen Weg ins Offene zu bahnen. Dennoch zögert man, den von Wagner eröffneten Weg »deutsch« zu nennen: wies dieser doch in eine durchaus andere Richtung als die, welche die Deutschen auf ihrem vermeintlichen Sonderweg tatsächlich eingeschlagen haben.

Das Grundproblem der Deutschen lag für Wagner nicht in ihrem Sonderweg, sondern in dessen notorischer Verfehlung. So stellte ihn die deutsche Frage vor das Problem der »deutschen Daseinsverfehlung«. Mit diesem Wort sollte nachmals Ernst Niekisch den »undeutschen«, da römisch stilisierten und westlich korrumpierten Nationalsozialismus denunzieren. Aber schon Wagner stand diese verhängnisvolle deutsche Tendenz zur Selbstverfehlung vor Augen, deren tiefste Gründe ihm bis in die Anfänge der deutschen Geschichte zurückzureichen schienen. Und in seiner Gegenwart sah Wagner die deutsche Fehlentwicklung nicht etwa darin, daß die rückständigen Deutschen sich nicht genug an ihren europäischen Nachbarn ausrichteten, sondern daß sie ihnen in nachholendem Übereifer nur allzu bereitwillig folgten.

Hinter allen hehren Ideen von Nationalstaat und Demokratie, Modernität und Liberalismus nahm er frühzeitig schon die schnöden Realitäten des Kapitalismus und Mammonismus, des Imperialismus und Militarismus wahr, welche gerade jene westlichen Nationen geschaffen hatten, unter denen sich besonders Frankreich aller Welt, und so auch Deutschland, als leuchtendes Vorbild empfahl. Tatsächlich ahmten die Deutschen späterhin vor allem die Laster des Westens nach, um dessen Tugenden schließlich vollends als Lug und Trug zu entlarven. Nach Anbruch des Dritten Reiches konnte der emigrierte Thomas Mann, der schon zuvor Wagners Diagnose eines deutschen Selbstmißverständnisses geteilt hatte, endlich auch die düstere Erfüllung seiner Prophezeiung bestätigen: »Vielleicht stände es besser um Deutschland und besser um Europa, wenn die deutsche Geschichte sich nach den Wünschen Wagners, nämlich im Sinne der Freiheit, gestaltet hätte«.

Über die wahren Wünsche Wagners herrscht jedoch bis heute Uneinigkeit. Fraglos sind die tiefsten Ursprünge der Wagnerschen Ideenwelt in der deutschen Romantik zu verorten. Auf den ersten Blick scheint sich sogar deren vielbehaupteter Verlauf von einer progressiven Frühromantik zu einer reaktionären Spätromantik in Wagners Lebens- und Denkweg widerzuspiegeln. Aber bei näherem Hinsehen begründen eher Wagners politische Irrungen und Wirrungen seine Zugehörigkeit zur Romantik, die insgesamt von gegenstrebigen Tendenzen und strukturellen Ambivalenzen geprägt war. In seinem geistigen Habitus gibt sich Wagner daher zunächst als ein exemplarischer Repräsentant einer »politischen Romantik« zu erkennen, die einzig in der Souveränität des Künstlertums Halt suchte und darum nie zu einer letzten politischen Entschiedenheit fand. Diese romantische Selbstherrlichkeit und Politikfremdheit hat Carl Schmitt als »subjektivierten Occasionalismus« gedeutet, sofern in der Epoche der Säkularisierung »statt Gottes nunmehr das romantische Subjekt die zentrale Stelle einnimmt und aus der Welt und allem, was in ihr geschieht, einen bloßen Anlaß macht.« Schmitts Deutung erhellt nicht nur den geistesgeschichtlichen Hintergrund von Wagners Idee einer musikalischen Kunstreligion, sondern auch die scheinbare Widersprüchlichkeit seines politischen Profils, welches revolutionäre wie konservative, sozialistische wie nationalistische, »linke« wie »rechte« Züge aufweist.

Was Wagner auch als Menschen zu gleichen Teilen ausmachte und darum häufig in Widerspruch zueinander geriet: die anarchische Unbändigkeit des romantischen Künstlers und die konservative Besonnenheit des deutschen Denkers – das empfand er selbst viel zu sehr, um nicht eine Vermittlung dieser gegensätzlichen Seiten seiner deutschromantischen Natur anzustrengen. Und wirklich reifte Wagner vom politischen Romantiker, den es mit Bakunin auf die Dresdner Barrikaden trieb, über den deutschen Konservativen, der im Bunde mit Ludwig II. zum Verkünder einer großdeutschen Kulturnation wurde, zum Bayreuther Meister heran, der sich nach Bismarcks Reichsgründung in das innere Deutschland seiner Kunstreligion flüchtete. Gerade seine wechselhaften Einlassungen und Erfahrungen mit der deutschen Politik waren für Wagner eine stete Herausforderung, die Grenzen des Politischen zu überschreiten und eine an philosophischen Grundsätzen ausgerichtete Metapolitik von parteiübergreifender Gültigkeit zu entwickeln. Vor allem in seinen deutschen Programmschriften ließ Wagner sich von einem »idealen«, über realpolitische Interessen erhabenen Gesichtspunkt leiten, der ihn scheinbar paradox zu einem »absolut konservativen Standpunkt« führte. Und indem er einen solchen idealistischen Konservatismus überdies noch exklusiv für das Deutschtum reklamierte, arbeitete Wagner sich aus dem Bannkreis einer politisch unverbindlichen Romantik heraus und stieß zu einer gleichsam metapolitischen Spätromantik vor.

In der machtgeschützten Innerlichkeit des ihm von Ludwig II. gewährten Asyls fand Wagner den rechten Ort, um Mitte der sechziger Jahre die Ausarbeitung einer deutschen Metapolitik in Angriff zu nehmen, die von Bayern aus auf die Einigung der noch immer mit sich selbst zerfallenen Nation hinwirken sollte. In Anlehnung an die großdeutschen Ideen von Constantin Frantz stand Wagner ein deutsches Reich mit einem Volkskaiser Ludwig vor Augen, dem die Rolle einer kulturellen Schirmherrschaft über einen europäischen Völkerbund zufallen würde. Während ein großpreußischer oder -österreichischer Staat zentralistischen Zuschnitts nur zu einer kulturfeindlichen politischen Zwangsherrschaft führen könne, würde dagegen ein großdeutsches Reich föderalistischen Gepräges die Vielfalt der nationalen und regionalen Kulturen Europas nicht unterdrücken, sondern erblühen lassen. Als sich indessen mit Königgrätz eine preußische Lösung der deutschen Frage abzeichnete, suchte Wagner den bayrischen König auf ein Ausharren auf scheinbar verlorenem Posten einzuschwören: »Während Deutschland politisch sich vielleicht in einen langen Winterschlaf unter preußischer Obhut begibt, bereiten Wir wohl und ruhig und still den edlen Herd, an dem sich einst die deutsche Sonne wieder entzünden soll.«

Während des deutsch-französischen Krieges mobilisierte zwar auch Wagner einen patriotischen Gesinnungsmilitarismus, aber schon bald nach der Reichsgründung hegte er keinerlei Illusionen mehr darüber, daß Bismarck willens und fähig sein würde, den preußischen Staatsgedanken mit der deutschen Kulturidee auszusöhnen. Mit seinem berühmten Wort von der »Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des deutschen Reiches« sprach der junge Nietzsche seinem Meister aus dem Herzen, dem »Weimar« als heimliche Hauptstadt des Volkes der Dichter und Denker näherstand als das »Potsdam« der Soldaten und Bürokraten. Tatsächlich vollzog sich für Wagner in den Gründerjahren statt der ersehnten Eindeutschung Preußens nur mehr die befürchtete Verpreußung Deutschlands. Er schimpfte den Reichskanzler einen »brutalen Barbaren« und setzte all seine deutschen Hoffnungen darauf, daß »Bismarck und ähnlich schlechte Kopien des undeutschesten Wesens« beizeiten am Ende sein würden. Das undeutsche Original freilich war das geschlagene Frankreich, dessen imperialer Napoleonismus und römischer Cäsarismus Wagner im zentralistischen und militaristischen Deutschen Kaiserreich wiederaufzuerstehen schien.

Doch schon in den sechziger Jahren sah Wagner die in deutschen Landen debattierten Wege zur Nation allesamt in undeutsche Sackgassen führen, denn ihre besondere Entwicklung war den Deutschen durch ihre regionalen Traditionen und föderalen Strukturen unter christlichem Obdach vorgezeichnet, und eine solche Kulturnation ließ sich nicht in das enge Prokrustesbett einer Staatsnation spannen. Dieser Antagonismus zwischen der mittelalterlichen Reichsidee und der neuzeitlichen Nationalstaatlichkeit, in welchem Helmuth Plessner den »tragischen Grundkonflikt« der deutschen Geschichte überhaupt erblickte, veranlaßte seinerzeit den klassischen Historikerstreit um »Universalstaat oder Nationalstaat« zwischen dem Großdeutschen Julius Ficker und dem Kleindeutschen Heinrich von Sybel. Wagner indessen suchte nach einem dritten Weg, indem er die Frage nach einem klein- oder großdeutschen Staat vorläufig beiseite schob und stattdessen auf die Reichsidee selbst abhob, deren christlichen Universalismus es zu beerben und vom römischen Imperialismus zu befreien gälte.

Nachdem bereits die Reformation die römischen Fundamente erschüttert hatte, auf denen Reich und Kirche ruhten, sah Wagner vollends seit der Kronniederlegung Franz II. und der Kaiserkrönung Napoleons die epochale Möglichkeit gegeben, zu einer radikalen Regeneration des Reichsgedankens fortzuschreiten und diesen durch eine Läuterung seines christlichen Gehalts zu deutscher Gestalt zu bringen. Einsichtig war dem Volk der Dichter und Denker ein »inneres Reich« zugemessen, welches in einer musikalischen Kunstreligion seinen erhabensten Ausdruck finden würde. Dabei schreckte Wagner nicht vor der kühnen Konsequenz zurück, Beethoven gegen Bismarck auszuspielen und sendungsbewußt zu verkünden, daß die Deutschen »zwar nicht zu Herrschern, wohl aber zu Veredlern der Welt bestimmt sein dürften … Wir könnten mit Hilfe aller uns verwandten germanischen Stämme die ganze Welt mit unsren eigentümlichen Kulturschöpfungen durchdringen, ohne jemals Weltherrscher zu werden.«

Allerdings mußte Wagner die Gründung eines wahrhaft deutschen Reiches einstweilen wie eine »creatio ex nihilo« erscheinen, denn in der Übergangsperiode des Deutschen Bundes war Deutschland ein nationales Nichts, und das Zweite Kaiserreich wiederum erwies sich als ein selbstherrliches Selbstmißverständnis, wie es ihm nicht zuletzt in dem engherzigen Nationalismus seiner Landsleute entgegentrat. Mochten die Deutschen auch noch eine erfüllte Zukunft vor sich haben, so wurzelte ihre gegenwärtige Daseinsverfehlung doch in ungeklärter Vergangenheit. Als tiefster Ursprung der deutschen Frage drängte sich Wagner immer deutlicher ein schicksalhaftes Grundgeschehen auf, welches sich trefflich als »Pseudomorphose« im Sinne Oswald Spenglers begreifen läßt: als Überformung der jungen und noch nicht zu sich selbst gekommenen deutschen Kultur durch die Macht der alten römischen Zivilisation, die jene nicht zur Entfaltung ihres Eigensinns gelangen ließ. War bereits die germanische Vorgeschichte der Deutschen an Rom ausgerichtet, so stand auch die deutsche Geschichte selbst von Anbeginn im Zeichen einer Überfremdung durch das römische Reichsprinzip. In der Tat war das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« kein wesenhaft deutsches Reich; auf der Idee der »translatio imperii« beruhend, verstand es sich stets als Fortsetzung des »Imperium Romanum«. Und wenn es sich als »Sacrum Romanum Imperium« überdies den Anspruch des karolingischen Reiches zu eigen machte, eine christliche Universalmonarchie zu schaffen, so war doch die geistliche Macht des Papstes ebenso römisch wie die weltliche Macht des Kaisers. Entsprechend konnte die imperialistisch ausgreifende und theokratisch überforderte Reichspolitik des Mittelalters weder eine politische Einigung der Deutschen zur Nation vorbereiten, noch den kulturellen Eigenwert des Deutschtums entfalten.

Folgerichtig ließ Wagner die deutsche Wesensgeschichte mit der Reformation beginnen, denn erst Luthers Überwindung des römischen Herrschaftsdenkens von Papst und Kaiser befreite den Reichsgedanken für die freundliche Übernahme durch ein deutsches Heilsdenken, welches in der kunstreligiösen Regeneration eines römisch-katholisch zugrunde gerichteten Christentums seine vornehmste Aufgabe sähe. Gleichwohl bedeutete die mittelalterliche Reichsgeschichte keine bloß zufällige geschichtliche Fehlentwicklung Deutschlands, sondern eine heilsgeschichtlich notwendige Durchgangsphase zu seiner künftigen Selbstfindung und Wesenserfüllung. Es lag ein tiefer dialektischer Sinn darin, daß die »Deutsche Nation« erstmals im »Heiligen Römischen Reich« in Erscheinung getreten war, denn nur aufgrund dieser Selbstentäußerung an eine undeutsche Reichsidee konnte endlich auch eine wahrhaft deutsche Reichsidee zum Vorschein kommen, zu deren – vorerst einsamer – Stellvertretung Wagner sich berufen fühlte.

In seinem Jahrhundert erkannte Wagner den »Mangel an Nationalität« der Deutschen aber nicht nur in »römischen« Herrschaftsphantasien, sondern auch in »französischen« Revolutionsbestrebungen. Nach der Desillusionierung seines eigenen revolutionären Enthusiasmus bot Wagner der radikale Jakobinismus nur mehr ein Schreckbild, da hier ein revolutionärer Wille zur Macht in Ermangelung jedes höheren Zwecks in eine sinnlose Terrorherrschaft ausgeartet war. Als politische Radikalisierung dieses revolutionären Republikanismus erlebte Wagner die »praktische Religion« des Kommunismus, welche mitnichten die »notwendige Erlösung des Menschengeschlechts« herbeiführen, sondern den »Untergang unserer Zivilisation« einleiten werde. Dabei lag in Wagners Warnung vor dem Kommunismus und seinen »falschen Propheten« mit ihren »lügnerischen Weissagungen« auch eine zukunftsweisende Lehre: Die unabgegoltenen Heilsversprechen des abgelebten Christentums können von keiner politischen Theologie, sondern nur von einer ästhetischen Religion eingelöst werden. Um den politischen Ernstfall revolutionärer Machtergreifungen und cäsaristischer Weltbemächtigungen aufzuhalten, proklamierte Wagner ebenso weitsichtig wie verwegen den ästhetischen Ausnahmezustand einer kathartischen Weltentrückung, denn allein durch eine kunstreligiöse Neugeburt des Menschen ließen sich zerstörerische Kräfte, wie sie bereits in den Revolutionskriegen entfesselt wurden, künftig bannen, wobei gerade dem deutschen Volk »durch seine vollbrachte Reformation eine Nötigung zur Teilnahme an der Revolution erspart zu sein scheint«. Die deutsche Kunst »dem Leben selbst als prophetischen Spiegel seiner Zukunft vorzuhalten«, hielt Wagner für seinen eigenen Beitrag »zu dem Werke der Abdämmung des Meeres der Revolution in das Bette des ruhig fließenden Stromes der Menschheit.«

So warb Wagner für eine kulturelle Bändigung des revolutionären wie des römischen Machtwillens, und für eine solche Sublimierungsleistung schien ihm aufgrund ihres konservativen Eigensinns wie ihres protestantischen Ernstes die deutsche Natur prädestiniert zu sein. Aber gewiß mußte die von Wagner verkündete ästhetische Religion, welche die heilig gehaltene Kunst vor ihrer profanen Kommerzialisierung zu schützen gebot, mehr und anderes sein als ein bürgerlicher Kulturprotestantismus. Was die religiöse Reformation generiert hatte, galt es durch eine ästhetische Regeneration zu vollenden, die schließlich eine »deutsche Renaissance« nach sich ziehen werde.

Indem Wagner den Sinn seiner »Regeneration« aus dem »lavacrum regenerationis« – dem Taufwasser – schöpfte, gab er nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage, die sich ihm in seinen späten Jahren mit der rassischen Degenerationslehre des Grafen Arthur de Gobineau stellte. Das »Antidot«, welches Wagner dem nach Gobineau durch Rassenmischung verursachten Kulturverfall verabreichen wollte, war durchaus nicht rassischer, sondern moralischer Natur. Um dem Vordringen des modernen französischen Rassismus durch ein konservatives deutsches Christentum entgegenzuwirken, sprach Wagner sich wiederholt »zu Gunsten des Christlichen gegenüber dem Rassengedanken« aus und gab zu bedenken, »daß es auf etwas andres ankommt als auf Rassenstärke, gedenkt man des Evangeliums«. An seinem Lebensende konnte Wagner aber fast nur noch im christlichen und kaum mehr im deutschen Geist eine würdige Stellvertretung eines reinmenschlichen Universalismus erblicken: »Bei den Deutschen ist alles im Ersterben, eine traurige Einsicht für mich, der ich an die noch vorhandenen Keime mich wende. Eines ist aber sicher, die Rassen haben ausgespielt, nun kann nur noch das Blut Christi wirken.« Mit diesem Beharren auf der aller Vielfalt niedergehender Rassen übergeordneten Einheit einer erlösungsbedürftigen Menschheit errichtete Wagner ein christologisches Bollwerk gegen den in der imperialistischen Epoche heraufziehenden neuheidnischen Rassismus. Ein berühmt gewordener Ausspruch aus dem Jahre 1881 bezeugt Wagners letzten Willen, das heraufziehende barbarische Germanentum durch ein ästhetisch gerettetes Christentum aufzuhalten oder auszustechen: »Gobineau sagt, die Germanen waren die letzte Karte, welche die Natur auszuspielen hatte, Parsifal ist meine letzte Karte.«

Trotz seiner rassistischen Speerspitze hielt sich Gobineaus Denken immer noch in einem, wenn auch vagen, christlichen Horizont – diesen sollte erst der sich als »Antichrist« bekennende späte Nietzsche zerreißen. An der Frage, ob am Christentum zu retten sei, was zu retten ist, oder ob nicht vielmehr gestoßen werden solle, was fällt, mußten sich früher oder später Wagners und Nietzsches Geister scheiden. Den über alle subalternen biographischen Hintergründe erhabenen letzten Grund seines Bruchs mit Wagner hat Nietzsche selbst klar benannt: »Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordener verzweifelter décadent, sank plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder.« Wenn Nietzsches Dekadenzkritik auch weniger Wagner als den französischen »Wagnerisme« trifft, der sich freimütig als Bewegung der »décadence« verstand, so war es doch wirklich das »Kreuz«, mit dem Wagner den Nihilismus eines imperialistischen und militaristischen Zeitalters zu bannen suchte, dem Nietzsche lautstark wie seinerzeit kein anderer seine Stimme lieh, sodaß diese noch in der faschistischen Epoche Gehör fand.

Während Wagner mit der welterlösenden Klage der Musik eine ethische und ästhetische Erneuerung des an einer Kriegszivilisation zugrunde gehenden Menschengeschlechts einzuläuten suchte, wollte Nietzsche durch einen artistisch erlösten Willen zur Macht eine vitale Überwindung des allzumenschlichen Menschen und sogar die physiologische Züchtung einer übermenschlichen Herrenrasse vorbereiten. Und anders als Wagner, der am Judaismus das Rassische, Barbarische und Kriegerische anprangerte, welches den römischen Katholizismus so tiefgreifend korrumpiert habe, daß er seine Hoffnung nur mehr auf ein mystisch gereinigtes Christentum setzen konnte, nahm Nietzsche in seiner amoralischen Perspektive jenseits von Gut und Böse vielmehr den Universalismus, Humanitarismus und Pazifismus als das fatale jüdische Erbe des Christentums ins Visier.

Erbittert attackierte Nietzsche die Hohenpriester des alten Israel als Erfinder des schlechten Gewissens und bürdete den Juden als dem »verhängnisvollsten Volk der Weltgeschichte« die Schuld für den »Sklaven-Aufstand in der Moral« und für die lebensfeindliche »Gesamt-Entartung des Menschen« überhaupt auf. Dabei richtete sich seine Herrenmoral nicht selektiv antisemitisch gegen die Juden; weitaus radikaler bestimmte sie schlechthin alle durch die jüdisch-christliche Zivilisation Entarteten zur physischen Vernichtung. Indem der selbsternannte »Vernichter par excellence« die mitleidslose Herausschneidung des entarteten Teils forderte und seine »Partei des Lebens« damit beauftragte, »die Menschheit als Ganzes zu züchten« und »unerbittlich mit allem Entarteten und Parasitischen ein Ende« zu machen, wies der gegen Wagners und Schopenhauers »passiven Nihilismus« ins Feld geführte »aktive Nihilismus« Nietzsches direkt auf jene »Revolution des Nihilismus« voraus, als welche Hermann Rauschning die nationalsozialistische Revolution titulieren sollte.

Wenn der tiefste Sinn von Nietzsches Zusammenbruch darin beschlossen liegt, daß er an der grausamen Konsequenz seines eigenen Denkens zerbrach, dann läßt sich die letzte Bedeutung der Wagnerschen Regenerationslehre darin erblicken, daß sie dieser selbstzerstörerischen Tendenz des modernen Menschen in einer entgötterten Welt Einhalt gebieten wollte, indem sie deutschchristlich und kulturpazifistisch die Einheit nicht nur alles Menschlichen, sondern alles Lebendigen überhaupt anmahnte. Anders jedoch als im Falle des nahezu gleichaltrigen Gobineau konnte Wagner mit dem jüngeren Nietzsche, der erst nach Wagners Tod die abgründigen Kräfte seines eigenen Denkens erfuhr und entfesselte, keine Auseinandersetzung mehr führen. So behielt die überreizte Polemik »Nietzsche contra Wagner« das letzte Wort, und Wagners »letzte Karte« kam nicht zum Einsatz.

Am Ende wird man Wagner als einen gescheiterten »Aufhalter« des »Antichrist« deuten dürfen. In dem von politischen Heilserwartungen verblendeten 20. Jahrhundert brachte Carl Schmitt die Figur des Aufhalters – welcher seit Tertullian und Hippolyt mit dem Römischen Reich identifiziert wurde und einer bis ins hohe Mittelalter wirkenden Reichstheologie den Aufschub der Endzeit zu gewährleisten schien – als einen »heilsgeschichtlichen Halt« in Erinnerung, der die »geschichtliche Idee von Europa vor der Verzweiflung bewahrte«. Wagner freilich bot gerade nicht das Römische Reich, geschweige denn dessen französische oder preußische Reichsnachfolger, sondern allein die deutsche Kunst einen solchen Halt. Demgemäß lauten Hans Sachsens berühmte Schlußworte aus den Meistersingern von Nürnberg: »Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst!«

Wagners inneres Reich wollte »nicht von dieser Welt« sein, sondern als ein geheimes Deutschland den verhängnisvollen Tendenzen des Fin de siècle widerstehen. Dennoch zeugt Wagners späte kunstreligiöse Weltabkehr nicht einfach von elitärem Ästhetizismus oder esoterischem Gnostizismus. Letztlich stand seine innere Sammlung im Dienste einer erneuten Weltzuwendung, die sich im Zeichen einer wahrhaft deutschen Regeneration ohne preußische Disziplin und völkische Schranken vollziehen würde. Dieses Wagnersche Vermächtnis war eine Flaschenpost, für die sich kein Empfänger fand.


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