Sezession
1. April 2013

Richard Wagners deutsche Sendung

Gastbeitrag

53pdf der Druckfassung aus Sezession 53 / April 2013

von Siegfried Gerlich

Es ist dem Rang des Komponisten und dem Ruhm seiner Bühnenwerke geschuldet, daß Richard Wagner als deutscher Denker durchaus unterschätzt wird. Immerhin hat Wagner auch ein umfangreiches schriftstellerisches Werk hinterlassen und in programmatischen Traktaten wie »Was ist deutsch?« und »Deutsche Kunst und deutsche Politik« gerade die deutsche Frage auf sehr deutsche Weise gestellt: als Wesensfrage.

Dabei liegt das eigentümliche Pathos, mit dem er sie zu beantworten suchte, nicht nur im philosophischen Ernst seines Denkens begründet; es erklärt sich auch aus dem biographischen Umstand, daß er die Frage nach dem Deutschen immer wieder als Existenzfrage erfahren hat. Wagners stets krisenhaftes und sogar paradoxes Verhältnis zu Deutschland kann geradezu als gelebter Existentialismus charakterisiert werden, wie er sich etwa in einem verzweifelten Bekenntnis aus späten Jahren bekundet: »Ich bin nicht auf den Rang der Tagespatrioten zu zählen, denn was einer unter den jetzigen deutschen Verhältnissen leiden kann, das leide ich, ich hänge gleichsam am Kreuze des deutschen Gedankens.«

Auf Gedeih und Verderb hatte Wagner sein Schicksal an das Deutschlands geknüpft. Thomas Mann, der Wagners Kunst als ein überdeutsches Ereignis von gesamteuropäischer Reichweite erlebte, bewunderte an ihr doch vornehmlich »die sensationellste Selbstdarstellung und Selbstkritik deutschen Wesens, die sich erdenken läßt«. Daß Wagner anderen dagegen zum Inbegriff des problematischen, wenn nicht fanatischen Deutschen wurde, verdankte sich indessen weniger seinem Werk und Wirken als seiner späteren Wirkungsgeschichte. Noch zu Lebzeiten von Karl Marx als »Reichsmusikant« geschmäht und nach seinem Tode von Adolf Hitler zu seinem einzigen Vorläufer erkoren, nimmt es kaum wunder, daß es bei dem von Friedrich Nietzsche bis heute immer wieder neu verhandelten »Fall Wagner« nie nur um den Rang eines deutschen Komponisten gegangen ist, sondern immer auch um den selbstbewußten Anspruch oder aber die selbstherrliche Anmaßung der deutschen Kultur schlechthin.

Gleichwohl verspürte Wagner zeitlebens ein großes Unbehagen in einer Kultur, die sich nur aus einem tiefen Mißverständnis des deutschen Wesens heraus als eine deutsche betrachten konnte. Er hoffte, die Eigenart einer wahrhaft deutschen Kultur, wie sie durch die Reformation und die spätere kulturprotestantische Säkularisierung des Luthertums grundgelegt worden war, werde endlich hervortreten, wenn die Deutschen ihre Überfremdung durch die römische Tradition, die französische Zivilisation und den jüdischen Kommerzialismus abgeschüttelt hätten, welche ihnen noch das Bewußtsein ihrer Selbstentfremdung raubten. Wagners Rückbesinnung auf Kants Ethik, Schillers Ästhetik und Schopenhauers Metaphysik zielte darauf ab, den eingekesselten deutschen Wesenskräften einen Weg ins Offene zu bahnen. Dennoch zögert man, den von Wagner eröffneten Weg »deutsch« zu nennen: wies dieser doch in eine durchaus andere Richtung als die, welche die Deutschen auf ihrem vermeintlichen Sonderweg tatsächlich eingeschlagen haben.

Das Grundproblem der Deutschen lag für Wagner nicht in ihrem Sonderweg, sondern in dessen notorischer Verfehlung. So stellte ihn die deutsche Frage vor das Problem der »deutschen Daseinsverfehlung«. Mit diesem Wort sollte nachmals Ernst Niekisch den »undeutschen«, da römisch stilisierten und westlich korrumpierten Nationalsozialismus denunzieren. Aber schon Wagner stand diese verhängnisvolle deutsche Tendenz zur Selbstverfehlung vor Augen, deren tiefste Gründe ihm bis in die Anfänge der deutschen Geschichte zurückzureichen schienen. Und in seiner Gegenwart sah Wagner die deutsche Fehlentwicklung nicht etwa darin, daß die rückständigen Deutschen sich nicht genug an ihren europäischen Nachbarn ausrichteten, sondern daß sie ihnen in nachholendem Übereifer nur allzu bereitwillig folgten.


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