Sezession
1. Juni 2013

Das römische Prinzip und der deutsche Sonderweg

Gastbeitrag

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

von Siegfried Gerlich

Der deutsche, allzudeutsche Nietzsche, der sich nach seiner Abkehr von Wagner in ein imperiales Gesamteuropäertum flüchtete, hat zur Frage nach dem deutschen Wesen den bekannten Spruch getan: »Es kennzeichnet die Deutschen, daß bei ihnen die Frage ›Was ist deutsch?‹ niemals ausstirbt … Der Deutsche selbst ist nicht, er wird.« Freilich wußte Nietzsche auch um die Gründe: »Die Deutschen, die Verzögerer par excellence in der Geschichte, sind heute das zurückgebliebenste Kulturvolk Europas: dies hat seinen Vorteil – eben damit sind sie relativ das jüngste.«

Daß das Wesen des Deutschen in seinem verspäteten, darum noch unverdorbenen und wie unerschöpflich wirkenden Werden selbst begründet liege, hat Helmuth Plessner in poetischere Worte gefaßt: »Dieses deutsche Wesen trägt die Signatur eines ewigen Frühlings, in der Gebärde des Erwachens und Zu-sich-selber-Kommens nach Jahrhunderten der Überfremdung und Selbstentfremdung, der Empörung aus untergründiger und gestaltloser Tiefe.« Mit dieser Wesensbestimmung schien den Deutschen ein Sonderweg vorgezeichnet, der sie aus einer historischen Pseudomorphose herausführen würde: aus der Überformung der jungen und noch nicht zu sich selbst gekommenen deutschen Kultur durch die Macht der alten römischen Zivilisation, die jene nicht zur Entfaltung ihres Eigensinns gelangen ließ.

So hatte die »deutsche Frage«, als sie im 19. Jahrhundert unter diesem Namen in die Welt trat, eine durchaus idealistische Ausrichtung. Sie erhob sich aus einer trostlosen deutschen Wirklichkeit und zielte auf eine Beantwortung dessen, wie Deutschland zu politischer Gestalt und historischer Größe finden könne, aber auch, was das Deutsche in Wahrheit und in seinem Wesen sei. Doch nicht erst in der Epoche der Nationalstaaten wurden die Deutschen sich selbst zur Frage; bereits die erste Einigung der »deutschen Nation« stand unter dem buchstäblich fragwürdigen Zeichen eines erneuerten »römischen Reiches«. Das nachmals so genannte »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« trug von Anbeginn einen Doppelcharakter, der auf der Idee der »Translatio imperii« beruhte und in der Doppelrolle der deutschen Trägerschaft zum Ausdruck kam. Das Selbstverständnis des Herrschers war durch die Dualität von deutschem »Regnum« und römischem »Imperium« bestimmt: als König war er ein König wie jeder andere, mochte er auch über einen besonders großen Herrschaftsbereich gebieten; als Kaiser hingegen war er der Schutzherr der gesamten Christenheit und beanspruchte die Oberherrschaft über alle anderen Könige.

Darin freilich ging das mittelalterliche deutsche Kaisertum über das alte römische Cäsarentum hinaus; es wollte nicht nur ein »Imperium«, sondern überdies ein »Sacrum Imperium« schaffen. Und wenn der deutsche Kaiser den ganzen Erdkreis unterwerfen wollte, so weil er, anders als der römische Cäsar, zugleich als christlicher Kaiser wirkte und von Gott zur Errichtung einer heilsamen Weltherrschaft berufen war. Allerdings war der universale Anspruch des Kaisertums demjenigen des Papsttums nur entlehnt, und so lebte im Mittelalter der römische Reichsgedanke in der Kirche weit mächtiger fort als im Reich selbst. Der Papst blieb die höchste, die geistliche Verkörperung dieses Universalismus, während der päpstlich zwar autorisierte, im Kern aber weltliche Kaiser lediglich einen Universalismus aus zweiter Hand verkörperte und immer wieder in Versuchung geriet, in altrömischen Imperialismus auszuarten und alle Kräfte aufzubrauchen, die besser für den Ausbau eines nationalen Königtums eingesetzt worden wären.

Die Wahl Heinrichs I. hatte die Tradition des deutschen Königtums begründet. Kirchliche Weihen ablehnend und damit zugleich päpstliche Ansprüche zurückweisend, war Heinrich der Sachse nie auf die Eroberung fremden Landes ausgegangen; er hatte sich damit beschieden, die deutschen Stämme zu einen und das heimische Territorium zu schützen. Aber bereits sein Sohn, Otto I., erneuerte unter päpstlichem Segen das römische Kaisertum durch sein Ausgreifen auf die romanischen Länder, die aus der Erbschaft Karls hervorgegangen waren. Vollends unter dem Hohenstaufenkaiser Friedrich II., der die von Johann Gustav Droysen so genannte »ghibellinische Idee« in vollendeter Reinheit verkörperte, vernachlässigte das aus Deutschland herausstrebende Kaisertum seine Kerngebiete und verlor sich auf italienischen Nebenschauplätzen, ohne doch die ersehnte Universalmonarchie errichten zu können. Allzu sehr unterschied sich das mittelalterliche deutsche Reich vom alten römischen Reich: dieses war städtisch und bürgerlich, es verstand sich auf die Eroberung und Verwaltung großer Räume; jenes hingegen war ländlich und feudalistisch und blieb daher stets anfällig für Tendenzen der Zersplitterung und des Zerfalls.


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