Sezession
1. Juni 2013

Toskana-Fraktion von rechts – das Beispiel Chestertons

Gastbeitrag

Tatsächlich mischte sich bei Chesterton die Freude am Widerspruch mit der beharrlichen Überzeugung, daß Weltanschauungsfragen alles andere als unwichtig seien. Das machte sich auch im Bereich der politischen Überzeugungen bemerkbar. Chesterton fing – wie so viele – als Liberaler an, neigte aber auch hier von Anfang an zu sehr eigenwilligen Auffassungen. Keines der beiden großen politischen Lager seiner Zeit überzeugte ihn; weder der Imperialismus noch der Sozialismus. Seine anfängliche Sympathie für die Sozialisten erklärt sich allein daraus, daß er sie für das geringere Übel hielt. Der Burenkrieg weckte sein Interesse an Politik, und natürlich gehörte er zu den wenigen Engländern, die für die Buren Partei ergriffen; das aber nicht aus Pazifismus wie die meisten liberalen oder sozialistischen Pro-Buren, sondern einfach, weil er das Anliegen der Buren, ihr eigenes Land gegen kosmopolitisch-imperialistische Interessen zu verteidigen, für berechtigt hielt.

Solchermaßen Vertreter der Position einer Minderheit innerhalb einer Minderheit, lernte er Hilaire Belloc kennen, der seine Ansicht teilte und in dieser Zeit ebenfalls noch ein Liberaler war. Belloc gehörte zwischen 1906 und 1910 als liberaler Abgeordneter dem Parlament an, wandte sich aber schließlich desillusioniert vom Liberalismus ab. Gemeinsam mit Chestertons fünf Jahre jüngerem Bruder Cecil schrieb er ein vielbeachtetes Buch gegen das Parteiensystem und gründete 1911 die Zeitschrift The Eye-Witness. Die darin geführte Attacke auf den korrumpierten Parlamentarismus – in dem in Wahrheit immer die gleiche, parteiübergreifende Clique herrsche und nicht dem Volk, sondern einzelnen Interessenlobbys diene – war allerdings ausdrücklich kein Angriff auf die Demokratie oder das Parlament und sollte keiner Partei, sondern dem englischen Volk dienen. Der von Cecil Chesterton 1912 aufgedeckte Korruptionsskandal, in den mehrere Mitglieder der englischen Regierung verwickelt waren, betraf dann auch nur eher zufällig die liberale und nicht die konservative Partei.

Die Enttäuschung über den Liberalismus und den Sozialismus führte jedenfalls weder bei Belloc noch bei den beiden Chestertons zu einer Hinwendung zum traditionellen englischen Konservatismus. Belloc blieb ebenso Revolutionär, als er Monarchist und Anhänger der Action française wurde, wie G.K. Chesterton Revolutionär blieb, als er Katholik wurde. Im Falle Chestertons hing das nicht nur mit seiner Abneigung gegenüber dem ja eigentlich liberalen Imperialismus der Tories zusammen; auch dem fundierteren Konservatismus etwa Edmund Burkes konnte er nur wenig abgewinnen. Es ist ohnehin schwer einzuschätzen, wie stark Chestertons politisches Engagement mit dem Gefühl der Verpflichtung zusammenhing, das Vermächtnis seines Bruders weiterzuführen, als dieser 1918 infolge einer Kriegsverwundung starb. Chesterton übernahm jedenfalls die Herausgeberschaft der Zeitschrift seines Bruders und stritt gemeinsam mit Belloc vor allem für den »Distributismus«, eine im Grunde mittelalterlich inspirierte Wirtschaftsordnung als »Dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft, in der Privatbesitz möglichst gleichmäßig verteilt werden sollte.

Was »Chesterbelloc« (George Bernard Shaw) da vor allem in der Di­stributist League und in Chestertons Privatzeitschrift G.K.’s Weekly propagierten, wies zwar Schnittmengen mit konservativen Anschauungen auf, war aber doch noch relativ weit von typischem Konservatismus, vor allem von typisch englischem Konservatismus entfernt. Chesterton galt seinen Zeitgenossen auch eigentlich nicht als Konservativer, wohl aber als Reaktionär. Das bedeutet aber nicht, daß Chesterton je seinen revolutionären Geist verloren hätte. Er hat ihn auch nicht zu einem revolutionären Konservatismus umgeformt, sondern die Parteinahme für die Reaktion eigentlich bloß als logische Konsequenz betrachtet. Ausschlaggebend dafür war seine schon erwähnte religiöse Positionierung als Christ, genauer: als Katholik.

Gegen den Katholizismus, den Chesterton schließlich mit der Vehemenz, aber ohne die Verbissenheit des Konvertiten vertrat, ließe sich wohl manches einwenden; vor allem wäre die Frage zu stellen, ob es Chestertons Katholizismus außerhalb der Zeitspanne zwischen dem Ersten und dem Zweiten Vatikanischen Konzil überhaupt je gegeben hat. Trotzdem ist seine Verteidigung der (katholischen) Orthodoxie faszinierend, zumal sie eigentlich nur darin besteht, sämtliche üblicherweise gegen das Christentum vorgebrachten Einwände aufzunehmen und zu zeigen, daß es sich dabei in Wirklichkeit um Vorzüge handelt. Die philosophische wie historische Wahrheit des Christentums bestand für Chesterton vornehmlich darin, daß es die Antwort auf die notwendige Krise des Heidentums gewesen sei. Hatte das Heidentum das Heil in Vernunft und Maß – im »goldenen Mittelweg« – gesehen, so habe das Christentum einen neuen, lebendigeren Mittelweg entdeckt: das gleichzeitige Festhalten der Extreme, die sich dadurch gegenseitig ausbalancieren.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.