Sezession
1. Juni 2013

»Die Heilige Messe ist nicht verhandelbar«

Ellen Kositza

54pdf der Druckfassung aus Sezession 54 / Juni 2013

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ein Gespräch mit Pater Michael Weigl (Piusbruderschaft)

Die Piusbruderschaft, eigentlich »Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X.«, wurde 1969 gegründet. Sie hatte zum Ziel, die katholische Priesterschaft zu erneuern. Als Gründungsvater gilt Erzbischof Marcel Lefebvre, der wesentliche Neuerungen des II. Vatikanischen Konzils (1962–65) ablehnte. Lefebvre wurde durch Papst Paul VI., den »Konzilsvater«, suspendiert und durch Papst Johannes Paul II. exkommuniziert. Ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde die Bruderschaft Pius X. in den vergangenen Jahren durch einen ihre Bischöfe, Richard Williamson. Der stand im Verdacht, den Holocaust geleugnet zu haben. 2012 ist Williamson wegen mangelndem Gehorsam und Respekt gegenüber seinen rechtmäßigen Oberen aus der Bruderschaft entlassen worden.

Die Piusbrüder verstehen sich nicht als Sedisvakantisten, sie erkennen den Papst an. Unter Papst Benedikt XVI. hat es einige Annährungen an die Bruderschaft gegeben. 2007 erließ der Papst ein apostolisches Schreiben, das den usus antiquor, also die bis 1962 gültige, lateinische Form der Liturgie, auch ohne Sondergenehmigung erlaubte. Seit 2008 können Priesteramtskandidaten die Ausbildung im »alten Ritus« verlangen. 2009 hat Benedikt das Exkommunikationsdekret zurückgenommen. Wir sprechen mit Pater Michael Weigl, der Prior im Priorat Christkönig der FSSPX in Bonn ist.

Sezession: Pater Weigl, die Priesterbruderschaft St. Pius X. steht grundlegenden Teilen des II. Vatikanischen Konzils ablehnend gegenüber, vor allem der Liturgiereform, aber auch der neuen, toleranteren Haltung zu den Weltreligionen. Das kann man als Rebellion verstehen, als Aufstand gegen die Autorität. Andererseits verfolgen Sie restaurative Tendenzen. Sie möchten die Uhr gern 50 Jahre zurückdrehen. Wie geht das zusammen?

Pater Weigl: Das gibt eigentlich ein ganz geschlossenes, zusammenhängendes Bild, wenn man Ihre benutzten Schlagworte als die üblichen – und damit wohlbekannten – emotionalen Prägungen der Medien erkennt. Wer zwischen den Zeilen die gewohnten, politisch korrekten Stigmatisierungen in »gut« und »schlecht« entlarven kann, wird fündig. Das »gute« Konzil hat endlich durch die Spitzenvertreter der Kirche die Toleranz erfunden und die »schlechten« Piusbrüder wollen den totalitären Gottesstaat. Die »gute« Befreiung zu einer offenen Gesellschaft, in der deshalb »nichts mehr wirklich zählt« (Joachim Fest), stehen die restriktiv verknöcherten, grenzneurotischen Piusbrüder gegenüber, die sich nach der Strenge und Bevormundung alter Zeiten sehnen. Wer philosophisch-theologisch etwas gebildet ist, weiß aber, daß das II. Vatikanische Konzil das »1789 der Kirche«, also die Revolution im Gottesreich war und ist, und die FSSPX nicht hilflos von den guten alten Zeiten träumt, sondern das Wesentliche bewahren und weitergeben möchte.

Sezession: Sehen Sie keine Möglichkeit, auch innerhalb des nachkonziliaren Rahmens fromm und demütig die Messe zu feiern? Gerade Papst Benedikt hat doch durch sein motu proprio von 2007 die Feier der Heiligen Messe in ihrer überlieferten Form ausdrücklich bewilligt. Genügt der Bruderschaft dies nicht als Spielraum?

Pater Weigl: Das motu proprio Summorum pontificum ist endlich ein Schritt in die richtige Richtung, und es räumt auch mit der alten ungerechten Verfolgung und nachkonziliaren Lügen von Jahrzehnten auf: daß nämlich die Neue Meßordnung von 1969 die »Messe des Konzils« und deshalb der Ritus der tridentinischen Messe »verboten« sei. Das alles ist Propaganda und qualifizierte Ungerechtigkeit der neuen, »nachkonziliaren Liebeskirche«: Das Konzil schloß nämlich schon 1965, und alle Konzilsväter zelebrierten noch den alten Ritus.

Neben dieser formalen Seite gibt es noch die inhaltliche, welche die verschiedenen Formen der Riten vergleicht. Papst Benedikt sprach in seinem Schreiben von der ordentlichen und außerordentlichen Form ein und derselben Messe. Es gibt aber wesentliche Unterschiede, nicht, was die Gültigkeit, sehr wohl aber, was die symbolische, rituelle Darstellung der Meßtheologie betrifft. Unser Anliegen ist es, eine Dynamik ins kirchliche Leben zu bringen, die eine praktische Entfaltung des gültig Erworbenen bewirkt, nämlich eine allgemeine Feier der tridentinischen Messe; also Reform und nicht Revolution. So hat die Kirche ja auch über Jahrhunderte erfolgreich missionarisch gewirkt. Dafür genügt aber eine wissenschaftlich theoretische Bearbeitung des Alten Ritus und der dazugehörigen Theologie in »Reservaten« – also bewilligten, kleinen und genau beschränkten Freiräumen – nicht. Das ist eine Grundsatzfrage, eine Frage nach der Identität des Christen und keine »verhandelbare Materie«, um nicht von der sogenannten Progression der Ansichten nachkonziliarer kirchlicher Denkweisen aufgesogen oder einfach nur in sie eingegliedert zu werden.

Sezession: Ich würde Ihnen gern drei kleine Beispiele aus eigenem Erleben schildern: a) Gerade waren wir zum »Blutfreitag« in Weingarten, ein lebendiges Beispiel der Volksfrömmigkeit. Würdiger Gottesdienst durch Kardinal Woelki, übervolle Basilika, minimale Teile der Liturgie sogar in Latein. Zwischendurch immer wieder lautes, ja frenetisches Klatschen, etwa direkt nach der Predigt. Die Leute waren schlicht begeistert, wohin mit dieser Euphorie?


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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