Sezession
13. Mai 2009

Gehör-Faschismus: Pfitzner verhindern!

Gastbeitrag

Anders zwölf Jahre später. Schon in der unsäglichen Kampagne gegen den Dirigenten Rolf Reuter in der ersten Jahreshälfte 2008 (mittlerweile an Krebs verstorben) war Reuters lebenslanger Einsatz für den Komponisten gegen den Dirigenten ins Feld geführt worden. Aber erst Ingo Metzmachers vollmundige Ankündigung, unter dem Motto der Pfitzner-Kantate eine ganze Spielzeit lang dem Deutschen in der Musik nachhören zu wollen, was sich im nachhinein als geschickte dramaturgische Verklammerung nicht unüblichen Repertoires herausstellte, schien antifaschistischen Gesinnungspolizisten einen Ansatzpunkt zu bieten, ihre Kampagnenfähigkeit in Sachen political correctness auf dem Gebiet der musikalischen Hochkultur zu erproben. Metzmachers höfliche, aber bestimmte Zurückweisung wie die fachliche Inkompetenz ihrer Initiatoren ließ die Kampagne schnell in sich zusammenfallen, obwohl einschlägiges Feuilleton sich noch wochenlang mühte, sie am Köcheln zu halten.

Eine Oper, "Palestrina", die bislang unbeanstandet durchgegangen war, nun auf einmal als nationalsozialistisch zu entlarven, hätte zum einen die wachsamen Initiatoren jahrelangen Tiefschlafs überführt. Und wenn schon Hanns Eisler in den fünfziger Jahren auf seine listige Frage im Komponistenverband, was denn, Genossen, eine "sozialistische Flötensonate" sei, von Fachmännern keine rechte Antwort erhalten konnte, wie wollten da erst staatlich alimentierte Sozial- oder Politikwissenschaftler etwa ein "nationalsozialistisches Sextett" technisch lokalisieren, wenn sie doch nie in ihrem Leben eine Partitur von innen gesehen haben? Bleibt also nur die bewährte Methode, von privaten Äußerungen des Delinquenten auf seine Gesinnung zu schließen, von der Gesinnung auf die Ästhetik, von der Ästhetik auf das Werk.

Daß Text/Partitur und Autor/Komponist in widerspruchsvollem, dialektischem Verhältnis zueinander stehen, von Heiner Müller zu dem Diktum zugespitzt, der Text widerlege den Autor, hat sich herumgesprochen. Die Genese von Hans Pfitzners Nationalkonservatismus, Antidemokratismus, Antisemitismus hat bereits vor 20 Jahren der Musikwissenschaftler Frank Schneider in seinen politischen Porträts großer Komponisten verfolgt und - soweit 1988 in der DDR möglich und in deutlichem Abstand zu den Argumentationslinien Fred K. Priebergs (1982) oder Michael H. Katers (1997) - gerecht gewertet. Sie nun in seinem tonsetzerischen, kunsttheoretischen und schriftstellerischen Schaffen aufzusuchen, zu widerlegen und zu belegen, heißt die Frage stellen, deretwegen uns dieses Schaffen permanent weiter heimsucht, nämlich die deutsche Frage. Wer sie verhindern will, muß schon Pfitzners Musik verhindern.


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