Sezession
13. Mai 2009

Gehör-Faschismus: Pfitzner verhindern!

Gastbeitrag

Wer sie umgehen will, muß sie in die glorreich überwundene Vergangenheit abschieben. Wenn Pfitzner gespielt wird, muß noch lange nicht Pfitzner gemeint sein. Ohnehin geht das Kalkül der Verantwortlichen und Profiteure des Tonträgermarkts eher dahin, Trouvaillen zutage zu fördern, die der Sammler auch dann zu kaufen bereit ist, wenn die Interpretation höchst mittelmäßig ist, und das Kalkül der Opernbühnen, überregionale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bühnenaufführungen in Kaiserslautern 1999 und Chemnitz 2008 waren Nebenprodukte von CD-Produktionen. Noch jeder Regisseur, oder wer sich für einen hält, hat anläßlich seiner Inszenierung eines Pfitznerschen Bühnenwerks betont, daß man es so, wie es sei, heute keinesfalls mehr aufführen könne, freilich ohne je in Bild und auf Begriff gebracht zu haben, wie das Werk denn nun eigentlich sei. Nicht geringe Hoffnungen, daß es auch anders gehen könnte, richten sich auf die Neuinszenierung des "Palestrina" durch Harry Kupfer an der Frankfurter Oper.

Das warenproduzierende System scheint an seine lang und detailliert vorhergesagte innere Schranke gelangt zu sein, mit ihm seine gesellschaftliche Verfaßtheit. Man kann den Zerfall nationalstaatlicher Strukturen, ohne daß sich die deutsche Nation nach 1945 wieder konstituiert hätte, ihre Auflösung in einem kulturlosen, prekarisierten Völkergemisch, lustvoll durchleben und als Multikulturalismus deklarieren, aber man kann auch den geschichtslosen Moment in einen geschichtsträchtigen zu wenden suchen, nicht verloren geben, was nicht verlorengehen darf. In solchem Moment erhält ein Werk der deutschen Nationalkultur unverhoffte Aktualität, das in ähnlich empfundener Situation entstand.

Längst ersetzt ist die Frage, ob Hans Pfitzner gespielt werden dürfe, wenn sie denn je aktuell gewesen sein sollte, durch die Frage nach dem Wie. Würde darüber Einigkeit erzielt werden, wäre er außerhalb Münchens und Wiens allerdings der tote Hund, für den ihn seine Gegner, die Gegner seiner Musik, erklären wollen. Die Diskussion um Hans Pfitzner - "ein deutscher und nur den Deutschen geläufiger Komponist" (Frank Schneider) - ist nur vordergründig eine um die Gesinnung des Komponisten, in ihrer Tiefe jedoch eine um Latenzen seiner Musik und seiner Ästhetik und um die unabgegoltene Frage nach dem Deutschen in der Musik. Die Wahrheit der Noten haben alle Aufführungen der letzten Zeit musikalisch in einigen Momenten, die Inszenierungen jedoch keineswegs zur Erscheinung gebracht. Nicht wir retten die Musik, die Musik rettet uns: Hans Pfitzner ist mit uns noch nicht fertig!


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