20. August 2014

Die Dichter und das Augusterlebnis 1914

von Martin Lichtmesz / 29 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

1914Schwerpunkt der aktuellen Druckausgabe der Sezession ist das "Augusterlebnis" des Jahres 1914. Dessen verschiedene Facetten  - historische, philosophische, künstlerische  - beleuchten Martin Grundweg, Frank Lisson und Benjamin Jahn Zschocke. Am eindrücklichsten fand ich jedoch den Beitrag "Der Krieg und die Schriftsteller" von Günter Scholdt.

Die Bandbreite der Köpfe, die sich schier vorbehaltslos dem patriotischen Rausch hingaben, der im August 1914 ganz Deutschland durchschauerte, ist verblüffend, zumal gerade die Kunst und Literatur der beiden Jahrzehnte vor dem Krieg eher durch "Opposition gegen das Etablierte" gekennzeichnet war. Nun schien die innerlich vielfach gespaltene Nation über alle Klassen-, Konfessions- und Parteienschranken hinweg mit einem Schlag durch ein großes, erhabenes Schicksal geeint. Kaum einer konnte sich diesem Sog entziehen. Den kongenialen "Slogan" hatte Kaiser Wilhelm II. ausgegeben: "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche."

Frank Lisson sieht in der Tiefendimension der Geschehnisse die "Geisteskrise" der Zeit, die aus Historismus, Relativismus und dem Nihilismus der Moderne erwachsen war - nun sollte ein "apokalyptisches Gegenfeuer" wieder reinen Tisch machen, die Verwirrung auflösen und wieder zu Taten führen.
Und tatsächlich hob das Augusterlebnis wenigstens kurzzeitig alle politischen, sozialen, geistigen Sorgen und Nöte auf und brachte endlich die ersehnte Einheit von Denken, Handeln und Leben.

Noch nach 1945 schrieb der liberale Historiker Friedrich Meinecke (zitiert in dem Beitrag von Martin Grundweg):
Die Erhebung der Augusttage 1914 gehört für alle, die sie miterlebt haben, zu den unverlierbaren Erinnerungswerten höchster Art - trotz ihres ephemeren Charakters. Alle Risse, die im deutschen Menschentum sowohl innerhalb des Bürgertums wie zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft bestanden hatten, überwölbten sich plötzlich durch die gemeinsame Gefahr, die über uns gekommen war und uns aus der Sekurität materiellen Gedeihens herausriß.

Hier einige von Günter Scholdt zitierte Zeugnisse:
Der Bestsellerautor Emil Ludwig notierte am 4. August 1914 in seinem Tagebuch: "Ein Pathos, das ganze drei ganze Tage währt? Ein unendliches Pathos! In diesen Tagen war jeder einzelne zugleich das Ganze, jeder trug die deutsche Krone, jeder war Michael."

Der Bildhauer Ernst Barlach sprach von "einem großen Liebesabenteuer" und "Glücksgefühl".

Georges Lieblingsjünger Friedrich Gundolf frohlockte, "eine solche Einheit zu erleben", sei "schon einen Weltkrieg wert".

Harry Graf Kessler meinte, aus dem "in eine neue Form" gegossenen deutschen Volk sei etwas aus "unbewußten Tiefen" emporgestiegen, "das ich nur mit einer Art Heiligkeit vergleichen kann".

Richard Dehmel sprach von einem an Pfingsten erinnernden "seelischen Flammenwunder".

Alfred Döblin verkündete noch im August 1917: "Der Krieg hat eine Volksgemeinschaft geschaffen, wie die langen Friedensjahre nicht", erhoben über "Kasten und Stände" mit "von Stunde zu Stunde" wachsender Kraft.

Robert Musil erfuhr die Mobilmachung in Berlin als "großes Erlebnis", "das Gott nahebringt", die Todesfurcht zurückdränge oder das Gefühl erwecke, Goethe "zu verteidigen".

Carl Zuckmayer beschrieb im Rückblick den Soldatendienst angesichts des Ernstfalls als "gewaltiges, berauschendes Abenteuer, für das man das bißchen Zucht und Kommißkram gern in Kauf nahm. Wir schrien 'Freiheit', als wir uns in die Zwangsjacke der preußischen Uniform stürzten."

Sigmund Freud (!) jubelte bei Kriegsausbruch, seit 30 Jahren gehöre Österreich-Ungarn erstmals wieder seine "ganze Libido".

An den patriotischen Bekenntnissen und der Apologie der Kriegsjahre beteiligten sich unter anderem Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind, Arnold Zweig, Gustav Frenssen, Hermann Sudermann, Ernst Toller, Hermann Hesse, Alfred Kerr oder ein junger Gymnasiast namens Bertolt Brecht - also auch eine erkleckliche Anzahl von Autoren, die nach 1918 radikale Kehrtwendungen machen sollte. Auch die Frauen standen nicht nach: die Begeisterung ergriff etwa Else Ury ("Trotzkopf"), Ina Seidel oder Thea von Harbou, die später die Drehbücher für Fritz Langs monumentale Stummfilme schrieb.

Wie ein Who is Who liest sich auch die Liste der Kriegsfreiwilligen: Oskar Kokoschka, Ernst und Friedrich Georg Jünger, Klabund, Joseph Roth, Alexander Lernet-Holenia, August Stramm, Ludwig Thoma, Ludwig Ganghofer, Ernst Wiechert, Walter Hasenclever, Walter Flex...

Auf uns Nachgeborene und aus der Distanz der Zeit "Besserwissende" wirkt all dies ebenso seltsam wie auf tragisch ergreifend. Übereinstimmend beschrieben die Zeitzeugen das "Augusterlebnis" als eine Art kollektives "Gipfelerlebnis", durchaus im Sinne des Psychologen Abraham Maslow. "Peak experiences" sind nach Maslow jähe Augenblicke der Ekstase und Freude, die einen Menschen unwillkürlich überkommen, und mit einem Schlag die Bedeutungslosigkeit und Zufälligkeit seines eigenen Lebens aufzuheben scheinen.

Sie sind häufig gekennzeichnet durch das Gefühl, endlich die ultimative Wahrheit, das Geheimnis des Daseins selbst zumindest annähernd berührt zu haben. Wer sie erlebt, verspürt die Gewißheit: Das ist es also! Alle Filter und Schleier fallen von den Dingen, an die man sich zu sehr gewöhnt hat, und sie erscheinen nun in neuem Licht, in der vollen Frische ihres So-Seins, durchdrungen von einem tiefgreifenden Sinn. Vielleicht hatte Heidegger ähnliches im Sinn, wenn er von der "Entbergung des Seins" sprach.

Im Falle des Augusterlebnis war das Gefühl vorherrschend, Teil eines großen, lebendigen, schicksalserfüllten Ganzen zu sein. Gerade die Gefahr enthüllte seinen Wert, seine Einzigartigkeit und seine Bestimmmung. Was nachher geschah, ließ diese nahezu religiöse Epiphanie als Trugbild und Illusion erscheinen: als hätte sich Gott in all seiner Glorie gezeigt, nur um diejenigen, denen er sich offenbart hatte, zu narren und in den Abgrund zu führen.

Enttäuschungen wie diese, die man auch im Kleinen und Privaten erleben kann, führen oft dazu, daß man im Nachhinein am Charakter der Wahrheit selbst verzweifelt, allen Glauben und alle Hoffnung verliert: wie kann es sein, daß etwas, das so groß und wahr und göttlich erschien, zu einem solch furchtbaren Ende führte? Kann man etwa seinen Gefühlen, und seien sie noch so erhebend und grandios, nicht vertrauen? Sind das Heilige und Erhabene überhaupt nur subjektive Empfindungen ohne objektiven Gegenwert? Was für ein Kriterium hat man dann noch, um das Wahre vom Falschen zu scheiden, Gott vom Teufel, die Wahrheit von der Lüge, den Sinn vom Unsinn?1914-Munchen
Ego quoque!


Die Deutschen haben im Laufe der Geschichte des 20. Jahrhunderts derartige "Gipfelerlebnisse" teuer bezahlt. Ihre Folgen sind ihnen traumatisch in die Knochen gebrannt; heute mißtrauen sie sich und ihren Ekstasen und ihrer Begeisterungsfähigkeit zutiefst. Allenfalls im Rahmen von Fußballmeisterschaften werden die Zügel wieder etwas gelockert; und selbst dann findet sich immer wieder ein Anlaß, den Stachel im Fleisch zu beschwören, um jegliche Selbstüberhebung zu bremsen.

Dem Rausch von 1914 standen komplementär und wohl als direkte Folge die heftigen Verwerfungen, Überspanntheiten und Radikalismen der Nachkriegszeit gegenüber, die schon wieder eine Vorkriegszeit war. Dazwischen lag eine beispiellose Höllenfahrt, in der neuartige apokalyptische Untiere ihre Häupter erhoben, die Schrecken des modernen, technisierten Massenzeitalters.

Deutschland war nach der Katastrophe innerlich zersplitterter als je zuvor. Die Beschwörung der nationalen Einheit und des monumentalen Schicksals durch die politische Religion des Nationalsozialismus erscheint heute als eher gespenstische Neuauflage des "Augusterlebnisses" von 1914 in dämonisierter, zugespitzer, radikalisierter, letztlich pathologischer Form; sie hatte auch bei weitem nicht seine umfassende Reichweite.

Die "Volksgemeinschaft" des Nationalsozialismus blieb weitgehend ein parteiideologisches Konstrukt, das zuviele Teile des Volkes ausschloß oder gar als Feinde markierte. Ein erheblicher Teil des auf diese Jahre zurückgehenden deutschen Traumas verdankt sich nicht nur den Schandtaten des Regimes, sondern auch den positiven Gefühlen und Impulsen, der Hoffnung und dem Glauben, die es zu mobilisieren und zu benutzen verstand.

Wer heute, wie wir Sezessionisten etwa, das Pathos des "ego non" pflegt, mag sich fragen, wie er damals, im August 1914, reagiert hätte. Es gibt nicht nur Zeiten, in denen es eine Frage der Ehre und Integrität ist, sich abseits zu halten - es gibt auch Zeiten, in denen die Verweigerung der Anteilnahme schäbig, egoistisch, engherzig und kleinlich schmeckt. Gewiß erschien das vielen durchaus edlen Köpfen so im August 1914: nun, da es um das Ganze der Nation, um Sein oder Nichtsein ging, wollte keiner fehlen.

Es gibt eine berühmte Propaganda-Zeichnung von Jacques-Louis David, die eine solche Szene zeigt. Ergriffen von den "Ideen von 1789" versammeln sich die Abgeordneten des Dritten Standes im Juni des Revolutionsjahres in der Ballsporthalle von Versailles, um gemeinsam den feierlichen Schwur zu leisten, Frankreich eine neue Verfassung zu geben. Meine Lieblingsfigur auf diesem Bild ist der Abgeordnete Joseph Martin-Dauch am unteren rechten Rand (harhar!), der sich mit gesenktem Kopf störrisch einigelt und trotz enthusiastischer Aufforderungen der Umstehenden als einziger den Schwur verweigert, während sich die ganze Halle in brüderlicher und freiheitlicher Ekstase in die Arme fällt.

Die Weigerung Martin-Dauchs ist historisch verbürgt. David, ein enthusiastischer Anhänger der Revolution, hat ihn offenbar als Kontrastfigur zu den hehren, ergriffenen, vor noblem Idealismus aus allen Nähten platzenden Abgeordneten konzipiert, als grantigen Reaktionär, der sich krampfhaft dem neuen, frischen Wind der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verweigert.  Das Bild entstand 1791, nur ein Jahr, bevor die Revolution endgültig zum blutigen, totalitären Terrorregime ausartete. Martin-Dauch selbst entkam nur knapp dem Tod unter der Guillotine.

Die Geschichte scheint also dem knorrigen Spielverderber im Nachhinein rechtzugeben; dennoch fällt es schwer, sich der Suggestivkraft des Bildes und der von David intendierten Wirkung zu entziehen (zwecks Vergrößerung Bild anklicken).
Le_Serment_du_Jeu_de_paumeEgo non:  Le Serment du Jeu de paume (1791)


Ein deutscher Dichter übrigens, einer der Größten, war im Chor der Kriegsbegeisterung von 1914 nicht zu vernehmen: Stefan George. Er blieb der stoische Solitär inmitten des allgemeinen Gejubels der Kollegen seiner Zunft. Obwohl ihm der heroische Ton bekanntlich keineswegs fremd war, blieb er bemerkenswert zurückhaltend.

In seinem Gedicht "Der Krieg", entstanden zwischen 1914 und 1916, fällte er schließlich ein unerbittliches Urteil:
Zu jubeln ziemt nicht: kein triumf wird sein ·
Nur viele untergänge ohne würde..
Des schöpfers hand entwischt rast eigenmächtig
Unform von blei und blech · gestäng und rohr.
Der selbst lacht grimm wenn falsche heldenreden
Von vormals klingen der als brei und klumpen
Den bruder sinken sah · der in der schandbar
Zerwühlten erde hauste wie geziefer..
Der alte Gott der schlachten ist nicht mehr.
Erkrankte welten fiebern sich zu ende
In dem getob. Heilig sind nur die säfte
Noch makelfrei versprizt – ein ganzer strom.

Der Krieg verschlang viele idealistische Jünglinge und junge Männer, die Georges Gedichte wie Nektar aufgesogen hatten und von großen Schicksalen träumten, darunter einige seiner hervorragendsten Schüler, etwa der Wiederentdecker Hölderlins Norbert von Hellingrath.

Auch Ezra Pound haßte diesen Krieg aus tiefster Seele. 1915 fiel sein enger Freund, der französisch-polnische Bildhauer Henri Gaudier-Breszka, 1917 der seinem Umkreis nahestehende genialische Philosoph und Dichter T. E. Hulme.

Pound schrieb die meiner bescheidenen Meinung nach großartigsten Zeilen über die Freiwilligen des Weltkriegs; sie stehen in seinem Gedicht "Hugh Selwyn Mauberley" aus dem Jahr 1920. Wann immer ich die Tonaufnahme höre, in der Pound diese Verse liest, kann ich mich der Gänsehaut kaum erwehren.
These fought, in any case,

and some believing, pro domo, in any case..
Some quick to arm,
some for adventure,
some from fear of weakness,
some from fear of censure,
some for love of slaughter, in imagination,
learning later. . .

some in fear, learning love of slaughter;
Died some pro patria, "non dulce non et decor". . .

There died a myriad,
And of the best, among them,
For an old bitch gone in the teeth,
For a botched civilization...

https://www.youtube.com/watch?v=8jax6t9TBxw

(Kuriosum: Pound hat auch einmal die deutsche Übersetzung von Eva Hesse eingesprochen.)

Buchtip: Mobilmachung 1914. Ein literarisches Echolot, hier einsehen und bestellen.
Sezession 61 (mit dem Text von Günter Scholdt): hier einsehen und bestellen.
Sezession 58 (Themenheft 1914): hier einsehen und bestellen.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (29)

Ein Fremder aus Elea
20. August 2014 09:51
"nun, da es um das Ganze der Nation, um Sein oder Nichtsein ging, wollte keiner fehlen."

So ist's schlicht. Die Führung hat's verbockt, das Volk muß es ausbaden, aber ausbaden muß es es, denn schließlich hat's an das geglaubt, worum gekämpft wurde: Deutschlands Souveränität.

Man kann natürlich sagen, wie ich es ja auch tue, daß Deutschlands Souveränität bereits mit der Annäherung an Großbritannien verlorenging, welche dem Deutschen Reich seine Besitztümer in der Südsee bescherte, aber aus der Sicht des Volks, und faktisch vollzogen, war's nicht so, da mußten noch die Waffen sprechen.

Die eigene Souveränität ist heilig, die Täuschung lag woanders.
Gold Eagle
20. August 2014 14:43
Meines Wissens war Stefan George auch grundsätzlich ein Kritiker Preußens und der wilhelminischen Gesellschaft. Das ist ja ein Dilmma des Konservativen in einer nicht-konservativen Gesellschaft, soll er in forderster Front die Gesellschaftsordnung mit seinem Leben verteidigt, die er eigentlich verachtet. Da war George wahrscheinlich einfach konsequenter als andere. Ich frage mich, wie das heute wäre, wenn die Bundesrepublik in einen ernsthaften militärischen Konflikt verwickelt werden würde, würden dann die Konservativen auch brav zu den Waffen laufen, um die rotgrüne Republik zu verteidigen.
Jan
20. August 2014 16:20
Die anderen Nationen hatten schon viele "Augusterlebnisse", aus welchen sich nationale Identität überhaupt erst speist. Die Marseillaise z.B. ist ja reinster Ausdruck dessen.

Das emotionale Potential des Krieges von 1870/ 71 ("Sedan") war demgegenüber für den Großteil des Volkes nicht sehr gewaltig, das war keine Erhebung, die preußischen Uniformen waren übergesteift worden, eben ohne "Freiheit" zu schreien. In dem Sinne ist Schwarz-Rot-Gold m.E., jedenfalls bis 1914, auch viel "identitärer" als Schwarz-Weiß-Rot. 1914 erst kam die Idee einer einigen Nation in den Köpfen und Herzen des gesamten Volkes an.

Und deshalb auch das Dilemma der verspäteten Nation, daß unser "Ballhausschwur", unsere "Glorious Revolution" mit dieser Katastrophe so unheilvoll verbunden ist.

P.S. Nichts über Ferguson und das verlogene Buß- und Bezichtigungsritual der Berichterstattung ?? Schade, wer soll es sonst auf den Punkt bringen ?
Harald de Azania
20. August 2014 20:01
Interessant vor allem die ( mir bis dato unbekannte ) radikal ablehnende Haltung EZRA POUNDS .... und dann ein Anhaenger Mussolinis und des (italienischen) Faschismus... Wie das, Travnicek? Wie wir gelernten Oesterreicher sagen .... dabei war Mussolini als radikaler Sozialist wie auch Lenin absoluter Befuerworter und Antreiber dieses Krieges!

.. " for a botched civilization" moeglicherweise der Schluessel >>> Kaempfen fuer ein als verkommen empfundenes System ist falsch, die Hoffnung liegt in der kriegerischen Ueberwindung dessen oder falls dies gelungen scheint ( siehe Machtergreifungen des Faschismus oder des Bolschewismus) in den neuen Regenten, Diktoren, Gestaltern, Tyrannen wie auch immer ....

Mein Fazit: Juli/August 1914 eine totale Hirn- und Nervenkrise des alten Europa bei der kaum jemand den kulturellen Selbstmord gesehen hat oder sehen wollte.

Ergebnis: Antiweisse Agression ( beginnend mit Japan - von wegen Ehrenarier - ( auch so eine Dummheit!) und Liquidation der europaeischen Ordnungsysteme >> Kemal Atatuerk, Gandhi und Nehru, Bandung Konferenz, Frantz Fanon ( kein Hund wuerde nach dem pfeifen ohne 1. WK!!) etc etc pp

Dumm gelaufen .... aber "little Europe' zu erhalten ohne dasz ein aggressive hereingesteuertes Lumpenproletariat uns den Rest gibt, sollte doch noch moeglich sein ?? Oder ? Bei dem jetzigen politischen Ppersonal ?

Hostis intra muros et magistrati sunt amici hostes et coniuncti in debellare Europae ( fuer Fallfehler bitte ich um Entschuldigung).

Harald Sitta
Nils Wegner
20. August 2014 21:47
Travnicek läßt ausrichten, daß der Faschismus eine maßgebliche Voraussetzung im italienischen vittoria mutilata nach dem Ersten Weltkrieg und dem daraus erwachsenden Irredentismus hatte. Im übrigen hält er die Einstellung zum europäischen Krieg und die zum Amalgam aus radikaler Politik und radikaler Ästhetik für vollkommen unabhängig voneinander, weil auch unter gänzlich unterschiedlichen Bedingungen und Zeitumständen manifestiert.
Orlando Furioso
21. August 2014 17:30
Großartige Zusammenfassung! Wie immer, meine Verehrung, Herr Lichtmesz!
Sara Tempel
21. August 2014 19:54
„Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.“ (Heraklit) -
Seit dem 1. Weltkrieg gibt es allerdings eine neue Dimension von „Krieg“, keine archaischen Kämpfe – Mann gegen Mann - mehr! Doch Kriegs-Helden wird es immer geben, selbst unter den Verlierern.
Zadok Allen
21. August 2014 20:12
So sehr ich Pound aus inhaltlichen Gründen schätze, so wenig kann ich seine Werke als Lyrik empfinden. Es sind philosophische Essays im Zeilenstil. Mit Eliot geht es mir genauso.

Fast will es scheinen, als sei die Ursache darin zu suchen, daß die englische Sprache des 20. Jahrhunderts keines genuinen Gedichts mehr fähig ist:

There died a myriad,
And of the best, among them,
For an old bitch gone in the teeth,
For a botched civilization…

Das ist unpoetisch. Zum Teil eines Gedichts wird es erst in der deutschen Übersetzung:

Es starben Millionen,
darunter die Besten,
für eine alte Sau mit Zahnfäule,
eine verfahrene Zivilisation.

Wem geht es ähnlich mit der angelsächsischen Lyrik des 20. Jahrhunderts?

@ Harald Sitta

Wenn ich den intendierten Sinn recht verstehe, müßte Ihr Satz in etwa lauten:

Hostes intra muros et magistratus sunt amici hostium coniuratique Europam debellare.
Ellen Kositza
21. August 2014 21:20
Zadok Allen, mir geht´s genauso betreffs der poetischen Potenz der englischen Sprache! Bei T.S. Eliot bevorzuge ich die Übersetzungen, und just habe ich in Crossing the Water/Übers Wasser der Amerikanerin Sylvia Plath gestöbert. Dort fehlen zwar naturgemäß die Abgefucktheiten von Pound und Eliot, Plath pflegt eine schöne und zarte Sprache; und dennoch erscheint mir die deutsche Übersetzung oft lyrischer. Einmal ist bspw. von der "Lady oft the Shipwrecked" , "three times life size" und mit "lips sweet" die Rede: auf deutsch heißt es viel schöner "Unsere Liebe Frau der Schiffbrüchigen", die ist "dreimal lebensgroß" und hat "Lippen lieblich...".

Nach meinem Empfinden ist es die Kompromittierung durch die Popkultur, die uns die Schönheit der englischen Sprache versaut hat. Mir jedenfalls sausen dann immer omnipräsente & banale englische Songtexte durch den Kopf, es ist manchmal direkt abstoßend....
Martin Lichtmesz
21. August 2014 22:13
Oha, also diese Einwürfe überraschen mich etwas, mir persönlich geht es überhaupt nicht so mit englischer Lyrik. Vielleicht hat es damit zu tun, wie sehr einem die Sprache ins Blut übergegangen ist. Ich lese generell so gut wie nie Übersetzungen (ob Prosa oder Lyrik), mag auch die gewiß ausgezeichneten Eva-Hesse-Übertragungen nicht leiden und kann mir auch keine synchronisierten Filme ansehen (egal in welcher Sprache). Einige Aufnahmen, in denen Eliot und Pound selbst lesen, finde ich grandios (etwa von "Hugh Selwyn Mauberely", "With Usura..." und "Waste Land"), da kommt der poetische "Sound" vielleicht besser zur Geltung. Eliot ist im allgemeinen ziemlich trocken, und in "Waste Land" ist auch absichtlich Alltagssprache und Triviales hineingewoben... Umgekehrt stellt's mir alle Haare auf oder ich muß richtig lachen, wenn ich Nietzsche-, Rilke-, oder Goethe-Übersetzungen auf englisch lese. Oder gar Hölderlin...
Nils Wegner
21. August 2014 23:28
Ich bin da ganz uneingeschränkt bei Lichtmesz. Bei Übersetzungen geht immer etwas verloren, das läßt sich schlicht nicht unterbinden (von Schauerlichkeiten wie Übersetzungen aus Übersetzungen – vgl. »Die Vierte Politische Theorie« – ganz zu schweigen...). Natürlich ist von niemandem zu erwarten, unzählige Sprachen lesen zu können, aber zumindest in denen, die man beherrscht, sollte man sich für die Originale nicht zu schade sein. Wenn die dann nicht gefallen, ist das eine andere Sache.

Gern würde ich aber noch die Kriterien dafür hören, was poetische von "unpoetischen" Zeilenfolgen scheidet.
Raskolnikow
22. August 2014 07:50
Jeder,

vernünftige Mensch will glauben. Augusterlebnis und Weihnachtsmann sind Erscheinungen eines gesunden Geistes. Nur perverse Seelenkrueppel wollen nicht belogen werden. Die Gedanken der Eltern in der Nacht unserer Zeugung gehören hierher, wie auch die Superioritaet meines Volkes...

Lichtmesz und Wegener, man kann alle Sprachen sprechen, aber Lieder versteht man nur in einer. (Emil wird mir die Verballhornung seiner Sentenz verzeihen.) Das durch Übersetzungen Verlorene zu bewahren, bedeutet keinesfalls "im Original"! Man bleibt Fremdsprachiger, gerade in der Poesie. Es gibt keine Kosmolyriker. Filme im Original anschauen? Ihr seid ja so verdorben...

Paka,

R.

M.L.: Die Kunst des Schauspielers drückt sich ja auch in der Stimme aus, und die Sprache hat Einfluß auf die Gestik und Körperhaltung. Deutsch synchronisierte Japaner oder Italiener etwa, das ist ein besonders unerträgliches Unding. "Sieben Samurai" oder "Accattone" im Original, das hat soviel mehr Kraft und Wirklichkeit. Oder umgekehrt, wer kann Peter Lorre in "M" oder Hans Albers in "Große Freiheit Nr. 7" synchronisieren, ohne dass wesentliches verlorengeht? Noch dazu werden auch die Tonspuren oft auf Studiosterilität eingeplättet.
Zadok Allen
22. August 2014 09:21
@ Lichtmesz & Wegner

Es wird Sie vielleicht überraschen, aber auch ich gehöre zu den Puristen, die sich keinen englischsprachigen Film in der (oft grauenhaften) deutschen Synchronfassung ansehen können.

Ich stimme Ihnen sofort zu, daß belletristische und poetische Texte nach Möglichkeit in der Ursprungssprache rezipiert werden sollten. Auch daß Lyrik in ganz besonderem Maße unübersetzbar ist, steht ja außer Frage.

Tatsächlich handelt es sich bei der angelsächsischen Lyrik des 20. Jahrhunderts um einen absoluten Ausnahmefall. Ich kenne kein anderes Beispiel, wo ich die Übersetzungen als Lyrik empfinden kann, das Original aber nicht.

Was poetische und unpoetische Zeilenfolgen unterscheidet, wer könnte das angeben. Es ist eine Frage des persönlichen ästhetischen Urteils. Poetische Texte zeichnen sich für mich durch Wittgensteinsche Familienähnlichkeit aus; eine ästhetische Theorie als Generalschlüssel wird ohnehin Utopie bleiben.

Familienähnlichkeit verbindet etwa das Nomos-Fragment Pindars

Νόμος ὁ πάντων βασιλεὺς
θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων
ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον
ὑπερτάτᾳ χειρί

mit Hölderlins "Patmos"

Voll Güt ist; keiner aber fasset
Allein Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.

und der "Fedra" Josef Mandelstams, den ich für den größten Dichter des 20. Jahrhunderts halte, dessen Sprachgewalt sich übrigens auch nur im russischen Original entfaltet.

— Как этих покрывал и этого убора
Мне пышность тяжела средь моего позора!

— Будет в каменной Трезене
Знаменитая беда,
Царской лестницы ступени
Покраснеют от стыда
. . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . .
И для матери влюбленной
Солнце черное взойдет.

Aber bei den angelsächsischen Werken ist das anders. Fragen Sie mich nicht warum, aber das ist Prosa, in Zeilenform gebracht. Darin ist kein lyrischer "Schwung", es fehlt einfach die poetische Form, ich kann mir nicht helfen.

Und Frau Hesse hat im Zuge ihrer Übersetzung aus einem Prosa-Text einen lyrischen Text gemacht. Natürlich ist jede Übersetzung dichterischer Werke auch Neuschöpfung, aber hier ist sie das in so hohem Maße, daß für mein Empfinden ein Gattungswechsel stattfindet, so, wie man ja oft von Epen Prosa-Übertragungen anstellt, nur eben in umgekehrter Richtung.

M.L.: Ein russisches kann ich auch, ich habe es phonetisch gelernt, und lesen kann ich es auch nicht (leider auch kein Griechisch):

Предчувствиям не верю и примет
Я не боюсь. Ни клеветы, ни яда
Я не бегу. На свете смерти нет.
Бессмертны все. Бессмертно все. Не надо
Бояться смерти ни в семнадцать лет,
Ни в семьдесят.

(Arsenij Tarkowskij)
Ein Fremder aus Elea
22. August 2014 10:00
Gern würde ich aber noch die Kriterien dafür hören, was poetische von „unpoetischen“ Zeilenfolgen scheidet.

Der Unterschied liegt in den verwendeten Versfüßen. Wenn Sie Prosa lesen, verwenden Sie ausschließlich Pyrrhichios, Choreios und Prokeleusmatikos.

Achten Sie einfach mal drauf.

(Die Versfüße des letzten Satzes sind: Choreios, Pyrrhichios, Pyrrhichios, beispielsweise.)

There died a myriad,
And of the best, among them,
For an old bitch gone in the teeth,
For a botched civilization


würde ich so lesen:

Spondeios, Paion 1,
Paion 2, Amphibrachys,
Paion 4, Choriambos,
Anapaistos, Choreios, Trochaios.
ene
22. August 2014 14:10
Zadok Allen,

Was das Englische betrifft, sollte ich mich lieber zurückhalten, aber die Übersetzung, die Sie vorstellen, interessiert mich doch.

Für eine alte Sau mit Zahnfäule,
für eine verfahrene Zivilisation.


DAS ist ja der Kulminationspunkt, darauf läufts ja hinaus, der gegebene Zustand der Welt. Was aber wäre eine "verfahrene Zivilisation"? - Ich kenne nur eine "verfahrene Situation" - und dies ist eher eine distinguierte Ausdrucksweise.
Deshalb würde ich hier für eine "abgewirtschaftete Zivilisation" plädieren.
(Ob überhaupt "Zivilisation" die richtige Übersetzung von civilization ist, ist noch eine Sonderfrage.)

Und dann die "alte Sau". Wer oder was ist denn das?
Wie wäre es mit "Nutte" (etwas ordinär) , da haben wir das große Thema der "alten Hure". Und was die Zähne betrifft: "Zahnfäule" kennt nur der Zahnarzt! "Keinen Biß mehr haben", "zahnlos sein" - das sind ja gängige Bilder unserer Sprache. Kraftlosigkeit auch hier

Mein Vorschlag wäre:

Für eine alte Nutte mit Stummelzähnen ,
für diese abgewirtschaftete Zivilisation.
Rumpelstilzchen
22. August 2014 15:42
Herrje,
Ich bin immer wieder beeindruckt von den gebüldeten und polyflotten Mitgloristen. Ich kann leider nur Französisch und selbst da hapert es mit der Sprache.
Also, lassen wir den alten Lateiner mal zu Hause. Denn auch ein Hochgebildeter kann ein Flachdenker sein ( ein " terrible simplificateur"),
oder ?

Was will uns der ML -Text eigentlich sagen ?
Meine Frage ist einzig :

Was unterscheidet den Rausch vom August 1914 vom Rausch des August 2014 ? Als subjektives und kollektives Erlebnis ?
Konkret: Welcher Rausch durchschauert die Kämpfer des IS in Europa und in Syrien und im Irak ?

Da " bringen junge Deutsche Terror und Tod" :
http://www.welt.de/politik/ausland/article131294642/Warum-junge-Deutsche-Terror-und-Tod-bringen.html
weil sie die westliche Welt verabscheuen, als "einen verkommenen Ort ohne Moral und Werte" ( Hamza) ansehen und plötzlich wieder an " Himmel und Hölle, an Engel, das Jüngste Gericht und an eine bessere Welt glauben" und meinen, dass sie etwas Großartiges schaffen.
Und in dem Roman von Sherko Fatah "Der letzte Ort" sieht der muslimische Protagonist in der Gegenwart nur Beliebigkeit und Leere und stellt die auch für einen Rechten wichtige Frage :
" Das nennt ihr Freiheit. Jeder macht den Unsinn, der ihm gerade einfällt, und so werdet ihr alt. Und damit es hier genau so wird, schickt ihr eure Panzer her ."


Ja, liest man Texte der IS Führer, so sieht das doch irgendwie so aus wie
ein "kollektives Gipfelerlebnis" , ein " jäher Augenblick der Ekstase und Freude...der " mit einem Schlag die Bedeutungslosigkeit und Zufälligkeit des eigenen Lebens aufzuheben scheint"

Gewiss, , Dichter sind da nicht so vertreten, die das Augusterlebnis 2014 beschreiben. Aber das Buch des Deutschen Sherko Fatah beschreibt schon sehr sensibel den letzten Ort. Und dies wäre Europa, die europäische Idee, die neu erzählt werden muss. Ob es uns nun passt oder nicht:
Auch der Terrorist, der James Foley getötet hat, ist in Europa geboren, spricht den Akzent des Londoner Stadtteils East End.

"Sie sind wahrhaftig frei, so frei, dass sie sich verirren."
Sherko Fatah

Trifft manchmal auch auf die Foren zu.
Zadok Allen
22. August 2014 19:32
@ Fremder aus Elea

Höchste Anerkennung für Ihre umfassende Beherrschung der alten Metren, aber ich bin doch sehr skeptisch, ob man sie insbesondere für die englische Sprache in Ansatz bringen kann. Wie fast alle zeitgenössischen indogermanischen Sprachen besitzt das Englische eben keine quantitierende Metrik, hinzu kommt sein Sonderstatus als, wie es jemand einmal schön genannt hat, "konturlose Stummel- und Mummelsprache". (Das soll natürlich nicht heißen, daß es keine echte Lyrik in dieser Sprache gibt.)

@ Ene

Die Übersetzung stammt natürlich nicht von mir, es handelt sich um die deutsche Referenzübersetzung von Eva Hesse (aus den Suhrkamp-Ausgaben der Werke Pounds). Aber Sie haben völlig recht:

Für eine alte Nutte mit Stummelzähnen,
für diese abgewirtschaftete Zivilisation.

Das in etwa steht bei Pound da - die alte Nutte und die Zivilisation dürften identisch sein, wenn ich ihn richtig verstehe. Aber eben das meine ich: diese Verse sind für mich nicht lyrisch. Etwa das "gone in the teeth": eine idiomatische Wendung, die ob ihrer Umgangssprachlichkeit den literarischen Rahmen auflöst. "Zahnfäule" hat dagegen einen weiteren semantischen Resonanzraum, schon wegen der Fäule, die ja immer auch moralische Verderbnis meinen kann.
ene
22. August 2014 20:00
Korrektur zu 14.10

Keine "Stummelzähne" sondern "Zahnstummell". (Ein Schnellschuß, der danebenging.)
Ein Fremder aus Elea
23. August 2014 09:08
Zadok Allen,

ja, das hatte ich selbst auch gedacht, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger denke ich es, denn, was kann man schon an Sprache variieren?

Doch nur zwei Dinge: die Tonhöhe und die Länge der Silbe.

Theoretisch ginge auch noch die Lautstärke, aber das macht niemand.

Und die Variation der Tonhöhe wird im Deutschen und Englischen nicht benutzt, im Gegensatz zum Französischen.

Mithin ist "Akzentuierung" nur ein anderer Name für "Quantitierung", wobei sich allenfalls einwenden ließe, daß bei ersterer das Taktmaß fehlt und sie eher "frei" ist.

Aber, nun ja, selbst wenn, na und? Dann ist der Takt eben nicht ganz rein, sondern etwas freier, die Versfüße lassen sich trotzdem anwenden.

Ürigens gibt es dieses ganz vorzügliche Beispiel des Hexameters im Englischen, gefunden auf der englischen Wikipedia:

This is the forest primeval. The murmuring pines and the hemlocks

Viel Daktylos hier, am Ende ein Spondeios. Völlig natürlich! Kann man fast nicht anders lesen.
Kiki
23. August 2014 19:32
@Rumpelstilzchen

Endlich die Stimme eines Unbesoffenen! Genau dies war auch mein Gedanke bei Lesen der Kommentare.

Und zu den Ergüssen von vor hundert Jahren: mein Gott, welche Verblendung! Wenn diese armen Enthusiasten auch nur dumpf geahnt hätten, wessen Gewalt sie samt ihren unglücklichen Völkern mit diesem Krieg anheimfallen - sie wären auf der Stelle wahnsinnig geworden oder tot umgefallen.

Hundert Jahre später dürfte es ungleich schwerer sein, das zukünftige Kanonenfutter bzw. die abzuschreibenden Kollateralschäden in seelische Wallungen zu versetzen, schließlich sind die Leute im ruinierten Abendland inzwischen um einige böse Erfahrungen und unschöne Einsichten reicher.

Wenn der 3. Weltkrieg losgeht, würde ich mich höchstens darüber freuen, daß der Schlange endlich der Kopf zermalmt wird. Aber über nichts und niemanden sonst.
Th.R.
23. August 2014 21:11
Freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte sich auch der Heidedichter und Autor vom "Wehrwolf", Hermann Löns. Damals übrigens schon 48 jährig!

Liest man die Schilderungen der Emotionen der 1914 ins Feld Gezogenen (auch A.H. äußert sich in M.K. diesbezüglich), so verfestigt sich der Eindruck, dass hier eine von einem mystischen Erweckungserlebnis zusammengeschweißte und getriebene Generation überzeugt war, eine heilige Pflicht tun zu müssen. Die damaligen vom Gott-ist-tot-Propheten Nietzsche beeinflußten Alterskohorten hatten in der Offenbarung vom August 1914 ein neues metaphysisches Obdach gefunden! Alle im Volk aufgestauten Energien hatten plötzlich ein Ziel, auf das hin sie sich entladen konnten. August 1914, das muß ein In-eins-sein-mit-Gott gewesen sein, ein mystisches Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes.

Für uns Nachgeborene (d.h. "die Nachhut") dürfte dieser Affekt nur mehr schwer verständlich sein. Unser heutiges Denken ist hier viel zu rational, unser Fühlen ohnehin tot, um diese emotionale Ausnahmesituation überhaupt nachvollziehen zu können.

Vom heutigen Standpunkt auf den Mythos 1914 zurückblickend, dabei die Entwicklung der letzten 100 Jahre im Blick habend, sollte man konstatieren dürfen:

Es war ein desaströses Verhängnis, durch das alle unsere - und damit meine ich nicht nur die deutschen, sondern die der weissen Rasse insgesamt - Perspektiven verspielt wurden. Ein Fehler und Irrtum, dessen Auswirkungen bis in unsere Tage hinein wirken, paradoxerweise mit zunehmender Stärke.

Man kann rückblickend nur ungläubig den Kopf schütteln in Anbetracht der biologisch-genetischen Substanz, die hier die weissen Völker auf ihren Altären geopfert haben - einfach ungeheuerlich! Und ich würde sagen: Verbrecherisch! Denn dieses Blut - und es war mit das Beste! - ist für immer verloren! 1914-1918, das war, von der heutigen Warte aus, ein blindwütiger Exzess der Selbstzerstörung an der weissen Rasse. Ein einziger unverzeihlicher Amoklauf!

Wenn es wirklich so gewesen sein sollte, dass Europa damals schon einem ekelhaft-widerlichen Hurenvieh mit zahnloser, nach Fäulnis stinkender Fresse glich, wie Pound meinte, ja dann ist der gute Mann zu beglückwünschen, dass ihm der hiesige trostlose Anblick dieser Bitch, die sich stolz rühmt, wirklich ALLE Völker der Welt als Freier zu haben, erspart blieb.
Ein Fremder aus Elea
24. August 2014 00:06
Th.R.

Wenn es wirklich so gewesen sein sollte, dass Europa damals schon einem ekelhaft-widerlichen Hurenvieh mit zahnloser, nach Fäulnis stinkender Fresse glich

Geschmäcker sind verschieden. Ganz buchstäblich stimmt es wohl auch. Heute ist die öffentliche Zahnpflege besser.
Rumpelstilzchen
24. August 2014 10:06
Man kann rückblickend nur ungläubig den Kopf schütteln in Anbetracht der biologisch-genetischen Substanz, die hier die weissen Völker auf ihren Altären geopfert haben – einfach ungeheuerlich! Und ich würde sagen: Verbrecherisch! Denn dieses Blut – und es war mit das Beste! – ist für immer verloren! 1914-1918, das war, von der heutigen Warte aus, ein blindwütiger Exzess der Selbstzerstörung an der weissen Rasse. Ein einziger unverzeihlicher Amoklauf!

Th. R.

Einige Anmerkungen zur "Opferung biologisch-genetischer Substanz":

1. 2012 wurden in Deutschland ca. 100.000 Kinder abgetrieben, d.s. die offiziellen Zahlen, geschätzt wird das Doppelte

2. nur 5 % des indianischen Urbevölkerung ( rote Rasse) haben den Einfall des christlichen weißen Mannes überlebt. Es sollen 100 Millionen Menschen ermordet worden sein.

3. Mao Zedong, der größte Massenmörder aller Zeiten soll den Tod von mindestes 45 Millionen gelben Menschen in nur vier Jahren ( 1958 - 62) zu verantworten haben. Nebenbei bemerkt: für die meisten heutigen Chinesen ist Mao immer noch ein Held. Aussage vieler Chinesen: dieser Massenmord war notwendig, um das Land aus der Rückständigkeit zu befreien,

4. Völkermord in Ruanda 1994 : 800 000 schwarze Tote in nur 3 Monaten,

Den niedergemetzelten Menschen dürfte es egal gewesen sein, welch "biologisch-genetische Substanz" da vernichtet wurde.
"Sic transit gloria mundi", würde der alte Lateiner sagen.

P.S. Die friedliche Revolution in der DDR 1989 war mein persönliches Augusterlebnis.
derherold
24. August 2014 14:27
ad Rausch: "Augusttage: Mythos Kriegsbegeisterung", Kapitel 8, Niall Ferguson, Der falsche Krieg
Zadok Allen
24. August 2014 18:58
@ Rumpelstilzchen, Sara Tempel, Kiki

Es war zu erwarten, daß eine exkursartige Debatte über literaturtheoretische Grundlagen Aggressionen auslösen würde.

Vielleicht verdeutlicht Ihnen dies die Relevanz: Es ist keineswegs gleichgültig, ob wir in einer Epoche leben, deren führende Sprache Lyrik (und Belletristik) von weltliterarischem Rang hervorbringt oder aber in einer solchen, in der dies nicht mehr der Fall ist.

Genau das wollte ich klären: ist die Lyrik der größten angelsächsischen Dichter des 20. Jahrhunderts noch Lyrik? Mit den im bröckelnden Imperium der Gegenwart wirksamen Dichtern kenne ich mich ohnehin viel zu wenig aus, um hier auch nur Mutmaßungen anzustellen.

Und mit Blick auf den sog. "Ersten Weltkrieg" scheint es mir ziemlich offensichtlich, daß er - ebenso wie der Rest der epochalen Umbrüche zwischen 14 und 45 - eben auf keiner Seite mehr in Kunstwerken der klassischen Gattungen verarbeitet wurde, die Anspruch auf mehr als bestenfalls den Rang eines Jahrhundertwerks machen könnten. (Der Film als genuine Gattung des 20. Jh. verdient gesonderte Behandlung.)

Der Gedanke mag auf den ersten Blick lächerlich, geradezu obszön klingen: dennoch überlege man einmal, welche Werke ein Dichter vom Rang eines Vergil, eines Shakespeare, eines Hölderlin aus den Ballungen von Katastrophen hätte formen können! Wie immer hätte die Kunst das aus der Welt Entschwundene für alle Zeiten bewahrt.

Daß sie es nicht mehr vermochte, gehört zu den vielen Anzeichen der völligen Erschöpfung der Lebenskraft der europäischen Völker. Vermutlich wurden schon im Auflodern von 1914 so viele Reserven verbrannt, daß nicht einmal mehr ein kläglicher Rest zu retten war.

Es war ein desaströses Verhängnis, durch das alle unsere – und damit meine ich nicht nur die deutschen, sondern die der weissen Rasse insgesamt – Perspektiven verspielt wurden.


Besser kann man es nicht zusammenfassen. Und, Frau Rumpelstilzchen, was nützen uns die "kollektiven Gipfelerlebnisse" der CIA-inspirierten IS-Kämpfer? Kollektive Gipfelerlebnisse wird es weiterhin geben, es sind nur nicht mehr die unseren.
Ein Fremder aus Elea
25. August 2014 01:01
Also wirklich, Herr Allen!

Ihre Betrachtungen zur Schwäche der Kunst zu Anfang des 20sten Jahrhunderts sind durchaus zutreffend, aber der Faszination für die Technik geschuldet.

Maschinen werden nicht besungen, oder können Sie sich eine Ode an die dicke Bertha vorstellen?

Es ist genau umgekehrt, die Kräfte waren praktisch gebunden, deshalb schwächelte die Reflexion und Kunst.

Ich habe mir auf YouTube eine Dokumentation über Ezra Pound angesehen. Er schwärmte darin für einen Bildhauer und die Idee, daß Kunst nicht Idee, sondern vielmehr eine Art Zauberspiegel wäre, in welchem Ideen aufstiegen.

Nun, zwei Büsten des Bildhauers wurden auch gezeigt. Und da paßte es jedenfalls. Denn diese Büsten waren in der Tat solche Zauberspiegel. Genauer gesagt vermittelten sie eine Stimmung irgendwo zwischen Rücksichtslosigkeit, Getriebenheit und Phantastik.

Selbstverständlich auch eine Reflexion. Aber eine sehr nahe, ja, die nächste überhaupt, Psychoanalyse, nicht wirklich starke Kunst, wenn auch faszinierend, und doch ja nur der Schatten der eigentlichen Faszination.

Die Videoaufnahmen von diesem Hundeexperiment in der Sowjetunion, also abgetrennter Kopf an Blutpumpe angeschlossen, kann man auch bei YouTube sehen, erzielen aber genau dieselbe Wirkung, obwohl sie rein dokumentarisch sind.

Viel war dazu also auch gar nicht nötig, um das festzuhalten, was da war.

Nun ja, und was verloren ging?

Ein Nachruf auf die Souveränität muß ein Nachruf auf das Wesen dessen sein, wer seine Souveränität verlor. Das Problem dabei besteht allerdings darin, daß es diesbezüglich keine zentralen tragischen Gestalten gibt. Es ist vielmehr das unbewußte Zusammenwirken der Menschen, welches sich wandelte, und dieses Zusammenwirken entzieht sich einzelnen Perspektiven.

Es kommt zu einer Art Fäule, und zu faulen Gegenreaktionen.

Aber da hat Pound schon Recht, die Menschen damals haben sich für all das nicht interessiert, sondern lediglich für die Wunderwelt der Technik, welche vor ihnen lag, und alles andere wirkte geradezu idiotisch.
Gold Eagle
25. August 2014 09:58
"Es sollen 100 Millionen Menschen ermordet worden sein." Die Zahl ist falsch. Soviele Menschen haben vor der Ankunft der Spanier auf dem Doppelkontinent gar nicht gelebt und die meisten starben an Krankheiten und dafür konnten die Spanier nichts. Die wussten ja nicht, dass sie Krankheiten einschleppen, da man über die Verbreitung von Viren und Bakterien noch keine Kenntnisse hatte.
Sara Tempel
26. August 2014 20:18
@Zadok Allen
Genau das wollte ich klären: "ist die Lyrik der größten angelsächsischen Dichter des 20. Jahrhunderts noch Lyrik?"
Wenn die Lyrik des Ezra Pound oder des Bob Dylan keine solche sein sollte, dann - fresse ich einen Besen! Das sagt mir mein Gefühl, nicht der Verstand. Dies flüstert mir ebenso: "Die Seelen unserer Dichter und Denker, unserer Helden und aller unschuldiger Kriegsopfer unseres christlichen Volkes sind nicht verloren!".
al-Muschrik
31. August 2014 03:52
There died a myriad,
And of the best, among them,
For an old bitch gone in the teeth,
For a botched civilization

Die Zahnfäule der modernen "Kultur" hat schon Nietzsche agnosziert:
Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse, was ich verachte: der Mensch von heute ist es – ich ersticke an seinem unreinen Atem.
Gegen das Vergangene bin ich, gleich allen Erkennenden, von einer großen Toleranz. Aber mein Gefühl schlägt um, sobald ich in unsre Zeit eintrete.


Eine ganz eigene Sicht auf den Nationalismus und damit auch auf den ersten Weltkrieg, die ich mir (noch?) nicht habe zu eigen machen machen können, hat der katholische Reaktionär N. Gòmez:
No hablemos mal del nacionalismo. Sin la virulencia nacionalista ya regiría sobre Europa y el mundo un imperio técnico, racional, uniforme. Acreditemos al nacionalismo dos siglos, por lo menos, de espontaneidad espiritual, de libre expresión del alma nacional, de rica diversidad histórica. El nacionalismo fue el último espasmo del individuo ante la muerte gris que lo espera.

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