Sezession
1. Oktober 2006

Erziehungsdebakel und Systemfrage

Gastbeitrag

Solche Sätze nähern sich der oben angesprochenen These. Sie sagen ja nichts anderes aus, als daß der kind- und jugendgemäße Erziehungsraum kein Abbild der deutschen Besiegten-Wirklichkeit (FDGO) sein darf, wenn die Erziehung erfolgreich sein soll. Nach Bueb liegt der zentrale Auftrag aller Erziehung darin, den Glauben junger Menschen an sich selbst zu stärken, keinesfalls aber darin, so etwas wie eine Schweinchen-Schlau-Mentalität zu fördern. Das in Deutschland übliche System der frühen Demokratisierung mittels gewählter Schülermitverwaltung bewirke aber genau dies: Es „produziert eine Gewerkschaftsmentalität, es fördert Egoismus und Spaßhaltung. Die Schüler lernen Politik als die Kunst, ihre Rechte, ihre Vorteile, ihre Freiheiten und ihre Bequemlichkeiten durchzusetzen."
Bueb wuchert mit dem Pfund seiner jahrzehntelangen pädagogischen Alltagserfahrung, wenn er den demokratischen Elementen der Schülerbeteiligung an der Schulorganisation ihre Zweckdienlichkeit abspricht. Er verweist geradezu neidisch auf angelsächsische Internatsgewohnheiten, bei denen durch Ernennung und Auszeichnung von oben eine sinnvolle Hierarchisierung der Schülerschaft erreicht, ein Ordnungsrahmen gesetzt wird: Es gibt dann privilegierte Schüler, die eine qua Leistung und Charakter legitimierte Position zwischen den Lehrern und ihren Mitschülern einnehmen dürfen, die dabei aber bestimmte Gemeinschaftsaufgaben übernehmen und die relative Distanz zu ihren Altersgenossen ertragen müssen. Wie gesagt: Diese Schüler werden nicht gewählt, sondern eingesetzt und durch diesen Akt mit einer bestimmten Würde versehen. Vor allem aber sind sie nicht denen verpflichtet, die sie wählten, sondern der Idee eines Amtes, das ihnen verliehen wurde.
Der Schutzraum, den Bueb in der Tradition vieler erfahrener Pädagogen über seinen Zöglingen aufspannen möchte, geht vom Unfertigen, Unmündigen des Kindes und des Jugendlichen aus. Die Streitschrift wird dort gesellschaftspolitisch, wo Bueb der heutigen Restfamilie (Einzelkind oder alleinerziehend) die Fähigkeit abspricht, einen solchen Schutzraum überhaupt noch gewähren zu können. Bueb fordert dort die Ganztagsschule, wo keine Internatserziehung möglich ist. Solche Überlegungen haben ihren Grund in der Überzeugung, daß die meisten Eltern (also vermeintlich mündige Bürger) ihre Kinder vor den schädlichen Einflüssen unserer Lebenswirklichkeit nicht mehr schützen können: aggressive Werbung, radikaler Konsumkapitalismus, sozialtherapeutische Atmosphäre bei gleichzeitiger innerer Verwahrlosung, Wertnihilismus, Egoismus. Bueb argumentiert also aus blanker pädagogischer Not, weil er es mit einer selbst bereits unerzogenen Elternschaft zu tun hat, die nun ihrerseits vollends außerstande ist, den jetzt schon wiederholt erwähnten erzieherischen Schutzraum für ihre Kinder zu errichten.
In der Konsequenz heißt das: Bueb möchte eine ganze Generation überspringen, er möchte ihr die Kinder nehmen, weil er ihr in Sachen Erziehung nichts zutraut. Woher möchte er aber die Lehrer für einen solchen Neuanfang nehmen? Auch sie sind Kinder einer Gesellschaftsordnung, die „von einer Substanz an Sinn, Legitimität und Ethos zehrt, die von ihr nicht hervorgebracht wurde und die sie auch nicht bewahren kann, sondern vielmehr im Zuge ihrer eigenen Entfaltung sukzessive dem Abbau und Verschleiß überantwortet." So drückte das 1974 Gerd-Klaus Kaltenbrunner aus, der in dem Band Klassenkampf und Bildungsreform in der von ihm herausgegebenen Herderbücherei INITIATIVE überhaupt bereits alles versammelte, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Viel deutlicher als Bueb gibt Kaltenbrunner der Achtundsechziger-Generation nicht die Schuld am Erziehungs- und Bildungsdebakel, das damals schon durchbrach: „Sie ist nicht das Werk kommunistischer Verschwörer, sondern eine Konsequenz jahrzehntelangen bürgerlich-liberalen Sturmlaufs gegen Autorität, Geschichte und Disziplin, eines im Grunde sowohl transzendenz- als auch politikfeindlichen Individualismus, der aus der Deckung des Grundgesetzes die Deutschen von ihrer vielgeschmähten Untertanenmentalität zu kurieren unternahm."
Damit ist die These vom Anfang wieder eingeholt und die Frage zwar noch nicht beantwortet, aber dringlicher gestellt. Jedoch liegt eine Antwort nahe: Deutschland wird einen großen Teil seines ohnehin spärlichen Nachwuchses im Stich lassen. Wer Geld und Überzeugungen oder bloß letzteres hat, wird Internate und Privatschulen für seine Kinder wählen und dort den notwendigen demokratiefreien Raum aufspannen lassen.


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