Sezession
1. August 2013

Vom Unbehagen an der Natur

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung55 aus Sezession 55 / August 2013

von Siegfried Gerlich

Weitsichtig stellte Arnold Gehlen seiner anthropologischen Definition, daß der Mensch »von Natur ein Kulturwesen« sei, den normativen Imperativ zur Seite, der natürliche Antriebsüberschuß müsse durch kulturelle Institutionen gebunden und »in Form gebracht« werden, da nur so der Mensch überhaupt »leben«, nämlich »sein Leben führen« könne. Dieses ausbalancierte Menschenbild wurde indessen von den sexuellen und feministischen Emanzipationsbewegungen verworfen und polarisierend aufgespalten, sodaß sie haltlos vom biologistischen ins konstruktivistische Extrem verfielen.

Mit der Diagnose eines »Unbehagens in der Kultur« erweckte bereits Sigmund Freud romantische Hoffnungen auf die heile Natur des Menschen wieder zum Leben, denen der Gründer der Psychoanalyse selbst freilich nicht erlag. Zwar führte Freud die »moderne Nervosität« auf die kulturelle Sexualmoral seiner Epoche zurück und warb für deren Ermäßigung, doch forderte er nie die Abschaffung zivilisatorischer Zwänge, denn die polymorphe Perversität und latente Todessüchtigkeit der menschlichen Triebnatur stand ihm stets vor Augen. »Thanatos« hatte den längeren Atem als »Eros«: dieser war weniger ein Aufhalter als ein »Trabant des Todes«, dem alles Leben unweigerlich zustrebte.

Freuds marxistischer Schüler Wilhelm Reich hingegen, der in solchem anthropologischen Pessimismus nur eine reaktionäre Ideologie sehen konnte, suchte das Lustwesen Mensch unerschrocken von der »sexuellen Zwangsmoral« der patriarchalischen Zivilisation zu befreien. Es galt, die »emotionale Pest« der »lebenslänglichen Zwangsehe« zu bekämpfen und zumal den »autoritären Charakterpanzer« des deutschen Untertans, wie er in den Neurosen der Familie und den Perversionen des Faschismus zutage trat, durch die »Funktion der Orgasmus« lebensrevolutionär zu sprengen. Zur effektiveren Behandlung der durch sexuelle Energiestauungen verursachten seelischen Erkrankungen entwickelte Reich gegen die psychoanalytische Redekur eine körperorientierte »Vegetotherapie«, bis er schließlich im »Orgon« die kosmische Lebensenergie schlechthin entdeckte und, von ihrem großen Strom durchflutet, in Schizophrenie versank.

Auch die späterhin von Herbert Marcuse ausgerufene sexuelle Revolution hob auf eine Emanzipation des »Lustprinzips« vom Naturzwang der Fortpflanzung wie vom Leistungszwang des kapitalistischen »Realitätsprinzips« ab. Allerdings war dieser philosophisch ambitioniertere Linksfreudianismus frei von allem naiven Biologismus: anders als Reich, der auch homosexuelle und perverse Anomalien als Sackgassen zurückgestauter Libidoströme diagnostizierte und heteronormativ therapierte, suchte Marcuse die infantilen Partialtriebe gerade von ihrer genitalen Hegemonie zu befreien, um ein erotisch-ästhetisches Zeitalter einzuläuten, welches im Zeichen von Narziß und Orpheus stehen würde. Der allmählich heraufziehende libertäre Hedonismus indessen raubte der ersehnten Kulturrevolution ersichtlich alle sexuellen Energien und rechtfertigte letztlich nur die spätkapitalistische Konsumgesellschaft. Mit der »repressiven Toleranz« brachte Marcuse seine Enttäuschung auf einen Begriff, mit dem sich die Ahnung verdrängen ließ, daß die utopischen Kräfte des Eros nur eine rousseauistische Chimäre waren.


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