Sezession
1. August 2013

Vom Unbehagen an der Natur

Gastbeitrag

Anders als die deutschen Sexualrevolutionäre hielten sich die französischen Erotomanen weniger an die aufklärerischen Wunschbilder Rousseaus als an die finsteren Wahrheiten de Sades. Der Religionsanthropologe Georges Bataille zielte mit seiner abgründigen Beschwörung eines »heiligen Eros« denn auch nicht auf eine sexuelle Revolutionierung der Gesellschaft, sondern lediglich auf eine erotische Revolte des Einzelnen, der in der Überschreitung aller konventionellen Sozialität zu seiner existenziellen Souveränität zurückfinden sollte. Vom geistigen Erbe Batailles wiederum zehrte der Herr und Meister der französischen Psychoanalyse, Jacques Lacan, dessen unorthodoxe Lehre bereits alle Leitmotive des Poststrukturalismus keimhaft in sich trug. Unerbittlich auf dem Todestrieb beharrend, der sich ihm gerade in den intensivsten Übersteigerungen und exzessivsten Entgrenzungen des Lebens offenbarte, verwies Lacan alle erotischen Utopien in das trügerische Reich des »Imaginären«. Dem immer schon in die »symbolische Ordnung« einer Kultur eingelassenen und durch sie »dezentrierten Subjekt« war ein Zurück-zur-Natur verwehrt, denn jede Begegnung mit dem »unmöglichen Realen« durchbrach die schützenden Grenzen der sprachlich konstituierten »Realität« und führte zu einem traumatischen Genießen, wenn nicht geradewegs in die Psychose.

Provoziert durch diese gegenrevolutionären Mahnungen, warteten der linkslacanianische Psychiater Félix Guattari und der linksnietzscheanische Philosoph Gilles Deleuze mit einer kühnen Apologie des Wahnsinns auf, um das Projekt der sexuellen Revolution doch noch zu retten. Hierfür brachten sie Mensch und Technik erotisch fusionierende »Wunschmaschinen« in Stellung, die nicht nur den kapitalistischen Rationalismus, sondern den abendländischen Familialismus insgesamt in einem schizophrenen Delirium zum Schmelzen bringen sollten. Da die Erstarrung in der Neurose, deren Kulturgeschichte vom mythischen Ödipus bis zum modernen Ödipuskomplex reichte, nur durch die Erregungsströme der Psychose aufgelöst werden konnte, mußte die Psychoanalyse in eine »Schizoanalyse« transformiert werden; diese griff einerseits noch auf die naturalistische Sexualpolitik Reichs zurück, stieß aber andererseits bereits zu einer futuristischen Genderpolitik vor.

Bei aller Solidarität mit solchem Anarcholibertinismus warf der Diskurs- und Machtanalytiker Michel Foucault gleichwohl einen bösen Blick auf die auch von Deleuze und Guattari noch aufrechterhaltene freudomarxistische »Repressions-Hypothese«, derzufolge eine vermeintlich natürliche Sexualität gesellschaftlich unterdrückt werde und befreit werden müsse. Gerade die kulturellen Auswirkungen der Reichschen Sexualrevolution belehrten Foucault darüber, daß die vielgeschmähte Repression längst nachgelassen hatte, um einer zeitgemäßeren Normierung des gesunden Liebeslebens mit festgesetzter Orgasmusfrequenz Platz zu machen. An die Stelle der »vertikalen« Herrschaft über die Körper und die Lüste, wie sie juridische und pastorale Mächte ausgeübt hatten, trat deren »horizontale« Vermachtung in medizinischen, psychologischen und soziologischen »Macht-Wissens-Dispositiven«, die den Gesamtkomplex der »Sexualität« allererst hervorbrachten.

Vor diesen »biopolitischen« Kontrollmechanismen der modernen »scienzia sexualis« suchte Foucault philosophisch Zuflucht zur »ars erotica« der alten Griechen und ihrer Knaben; persönlich flüchtete er sich in die Anonymität von Darkrooms, um in Promiskuität und Perversion die Entgrenzung seiner als Zwang empfundenen Identität zu erfahren. Dabei brachte ihm sein obsessiver Erotismus nicht zuletzt die Erfahrung des »Todes Gottes« ein, dem er als »antihumanistischer« Nietzscheaner den »Tod des Menschen« folgen ließ. Weder Gott, noch der Mensch, noch die Natur umriß mehr die Grenzen dieses nunmehr durchaus heillosen Eros, und so wurde die »Überschreitung«, die für Bataille noch ein anthropologischer Ausnahmezustand war, für Foucault zur nihilistischen Regel, der er bis zum Tod durch Aids gehorsam blieb.


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