Sezession
1. August 2013

Vom Unbehagen an der Natur

Gastbeitrag

Von einer Desillusionierung des revolutionären Naturalismus zu einem subversiven Nihilismus, wie sie die Geschichte der sexuellen Befreiung begleitete, blieb indessen auch die Befreiungsgeschichte der Frau nicht verschont. In den heroischen Zeiten eines essentialistischen oder gynozentrischen Feminismus wurde lebensphilosophisch, biologistisch und spiritualistisch das »ganz Andere« der Frau angemahnt, um deren lebendige Dissoziations- oder Regenerationskräfte gegen die phallozentrische Rationalität des Mannes und seine tote Dingwelt freizusetzen: Mary Jane Sherfey erforschte die patriarchalisch gebändigte Orgasmuspotenz der Frau und Christina von Braun den Gebärneid des Mannes; Hélène Cixous unterlief die binäre männliche Logik des abendländischen Diskurses, während Luce Irigaray dem sich entziehenden Weiblichen mystisch nachspürte; Heide Göttner-Abendroth fahndete nach blut- und bodenständigen Matriarchaten, wogegen Camille Paglia im Bunde mit de Sade und Nietzsche einen neuheidnischen Geschlechterkrieg entfesselte.

Der überzogene Anspruch jedoch, eine radikale Umwertung der männlichen Werte zugunsten der Höherwertigkeit des Weiblichen zu vollziehen, verurteilte die prinzipienfesten Differenzfeministinnen zum Scheitern, und so blieb es den pragmatischen Egalitätsfeministinnen vorbehalten, den Marsch durch die Institutionen anzutreten und die Frauenemanzipation um den Preis eines Weiblichkeitsopfers an die Männergesellschaft zu erkämpfen. Charakteristischerweise ging es dabei weniger um die Gleichwertigkeit der differenten Geschlechter als um ihre männlich uniformierte Gleichheit.

Schon Simone de Beauvoir, die es leid war, die Frau immer nur als das »andere Geschlecht« negativiert und mystifiziert zu sehen, erkannte das Haupthindernis der Emanzipation der Frau nicht in ihrer fortdauernden Unterdrückung durch die patriarchalische Gesellschaft, sondern in der »Unterjochung des Körpers durch die Fortpflanzungsfunktion«, womit die biologisch unabänderliche »Versklavung der Frau durch die Gattung« zum Stein des Anstoßes wurde. Folgerichtig erhob daraufhin Shulamith Firestone das Postulat, die menschliche Reproduktion müsse durch künstliche Fortpflanzung ersetzt werden. Derart wurde die von Aldous Huxley ausgemalte Dystopie einer »schönen, neuen Welt«, in welcher die Menschen aus der Retorte gezüchtet werden und die Frauen sich voller Abscheu jener barbarischen Zeiten erinnern, als sie noch unter Menstruation und Mutterschaft zu leiden hatten, als feministische Utopie dargeboten.

Allerdings konnte nur durch die Leugnung der natürlichen Geschlechterdifferenzen kaschiert werden, daß sich die politisch erfolgreiche Frauenemanzipation ganz im Sinne des fanatischen Antifeministen Otto Weininger vollzog: als »Emanzipation des Weibes vom Weibe«. Diese Verdrängungsarbeit sollte der Genderfeminismus leisten, der den »männlichen Protest« des Egalitätsfeminismus gegen die in der conditio femina selbst liegende narzißtische Kränkung unter Vorspiegelung von Geschlechtsneutralität weiter verschärfte. Hatte de Beauvoir die Differenz von natürlichem Geschlecht und kultureller Geschlechterrolle noch aufrechterhalten, so neutralisierte Judith Butler mit Foucaultschen Methoden selbst den biologisch evolutionierten Sexualdimorphismus zu einem rein kulturell konstruierten Genderdualismus, da noch das, was intuitiv als »Natur« von Mann und Frau imponiert, durch phallozentrische Normierungen und patriarchalische Repressionen produziert sei. Kulturelle Konditionierungen schienen den »kleinen Unterschied« der Geschlechterkörper nicht nur überformt und stilisiert, sondern deren unterschiedliche Materialität und Morphologie geradezu erschaffen zu haben. Humanbiologische Forschungen weitgehend ignorierend, wußte Butler ihre im schlechtesten Sinne idealistische Spekulation, allein eine dekonstruierbare »Zwangs­heteronormativität« definiere die menschliche Zweigeschlechtlichkeit und diskriminiere eo ipso andere Geschlechter, zu einem gegen alle wissenschaftliche Empirie abgedichteten ideologischen Dogma zu verfestigen. Politisch nur konsequent, sollte die Lesbenaktivistin Monique Wittig allen heterosexuellen Geschlechtsverkehr verfemen und sich noch das »heterosexistische« Wort »Frau« verbitten, um die »Lesbierin« zum »dritten Geschlecht« zu adeln.

Als der moderne Feminismus beschloß, nicht mehr das Patriarchat, sondern nurmehr dessen geschlechterdemokratisches Defizit zu beseitigen, begann er sich zu Tode zu siegen. Und der postmoderne Genderfeminismus setzte diesen tödlichen Siegeszug bis zur Selbstparodie fort, indem er sich die Beseitigung noch des randgruppendemokratischen Defizits jenes staatlich approbierten Feminismus selbst zur Aufgabe machte. Im Ergebnis stellte sich eine sanktionswütige Minoritätenparanoia ein, und diskurspolizeiliche Eingreiftruppen sorgen allenthalben für antidiskrimierungspolitische Korrektheit.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.