Sezession
1. August 2013

Vom Unbehagen an der Natur

Gastbeitrag

In der »kritischen Sexualwissenschaft« prägte Volkmar Sigusch die Begriffe »Neogeschlecht« und »Neosexualität«, um die aktuelle Normalität des Devianten zu bewerben und die Frage nach biologischen Dispositionen und psychischen Deformationen als anachronistisch zu blamieren. Gendergerecht interpretiert er minoritäre geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen als Resultate individueller, selbstbestimmter Entscheidungen, mögen sie von den Betroffenen selbst auch als fremder, schicksalhafter Zwang erfahren werden. In der politisch korrigierten Psychiatrie wiederum finden sich pathologische »Perversionen« zu passablen »Paraphilien« verharmlost, sodaß der berüchtigte »faschistoide Charakter«, der in der sadomasochistischen Szene schon sein sexuelles coming out erleben durfte, nunmehr auch seine moralische Satisfaktionsfähigkeit wiederhergestellt sehen kann.

Der radikale Genderismus aber fordert die Entdiagnostizierung und Entpathologisierung noch schwerster Störungen der Geschlechtsidentität und Sexualdifferenzierung. Hier stellen sich die »Transsexuellen«, welche die Bipolarität scharf umrissener Rollenklischees paradox beglaubigen, indem sie sich ihr »anderes Geschlecht« auf wenn auch künstlichem Wege aneignen, als eine geradezu konservative Gruppe dar. Eben dies verschafft ihnen den Argwohn der »Intersexuellen«, die auf der natürlichen Uneindeutigkeit ihres Hermaphroditismus beharren und sich allenfalls zur Nichtidentität eines »dritten Geschlechts« bekennen. Als progressivste Randgruppe präsentieren sich die »Transgenders«, die jegliche Form von Identität zurückweisen und die Vervielfältigung der Geschlechter und Sexualitäten im »queeren« Individuum anpreisen. Von solcher Hypersexualisierung in die Regression getrieben, nehmen sich wiederum die »Asexuellen« wie humanoide geschlechtslose Einzeller aus, die auf apathische Weise die Zweigeschlechtlichkeit unterlaufen.

Nachdem weder die unterdrückte Sexualität noch die unterdrückte Weiblichkeit ihr utopisches Versprechen halten konnte, mußte sich das Unbehagen in der Kultur unweigerlich zu einem Unbehagen an der Natur ausweiten. In der aggressiven Denaturierungspolitik aber, wie »Selfsex«-Programmatiker sie betreiben, kommt am Ende nur der perverse Wunsch nach einer artifiziellen »Selbstzeugung« des Menschen zum Vorschein, wie ihn einst das ohnmächtige Kleinkind in seinen autoerotischen Omnipotenzphantasien inszenieren mußte, um das narzißtische Doppeltrauma der Zeugungspotenz des Vaters und der Gebärpotenz der Mutter abzuwehren. Entsprechend ist auch für den infantilisierten, durchgegenderten Erwachsenen, dessen Ressentiments sich so notorisch gegen Vater- und Mutterschaft wie gegen Ehe und Familie richten, die vielbeschworene »Autonomie« kaum mehr als ein narzißtischer Fetisch, der ihn vor der Herausforderung reifer »Selbstgesetzgebung« schützt.

Aus dem verlorenen Haufen einstmals diskriminierter sexueller Randgruppen hat sich längst eine politische Avantgarde rekrutiert, die ihrerseits die Diskriminierung der naturgegebenen Generationskräfte wie der sie kulturell hegenden Geschlechterordnungen betreibt. Subversiv und destruktiv gegen die anthropologischen Kernbestände aller Gemeinschaft, verhält sich der Genderismus um so affirmativer und konformistischer gegenüber den Auflösungs- und Entortungstendenzen einer Gesellschaft, in der Identitätsdiffusion und Bindungsstörungen bereits zur Normalpathologie flexibel gewordener Individuen gehören. Die Techno-Beats der Gay-, Queer- und Love-Parades sind die Herzschrittmacher eines kranken Neoliberalismus, der sich in Neogeschlechtern und Neo­sexualitäten exhibitionistisch zu Tode taumelt.


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