Sezession
12. Februar 2015

Stein und Zeit – eine Rezension

Martin Lichtmesz

Hier liegt auch das Schlachtfeld von Böhmes zentralem Waffengang, einer Kritik des neuzeitlichen Zeitbegriffes, den er als »reduktionistisch« bezeichnet, weil er die Dimension der Ewigkeit oder des Ewigen aus seinem Denkhorizont verbannt hat – womit wohlgemerkt nicht eine »ewige« Dauer gemeint ist, sondern eine gänzlich von der linearen Zeit unterschiedene Zeitqualität, in der Kategorien wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichsam »aufgehoben« sind. Die naturwissenschaftliche Beobachtung hatte zwar darin recht, Gott aus dem Raum zu »vertreiben«: das ptolemäische Weltbild, das Sphären kennt, in denen Gott und die Menschen »wohnen«, beschreibt indes nicht die sinnliche Welt, und ein Fehler war es, dies zu verkennen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ein noch schwererer Fehler war es, auch das »Wirklichkeitselement« der Zeit von Gott zu »reinigen«, womit nicht nur Gott der Ewigkeit beraubt, sondern auch die Möglichkeit seines Einbruchs in die lineare Zeit – etwa im mystischen Zuspruch – theoretisch verneint wird. »Die Verkürzung des Zeitbegriffes scheint mir für den Bereich der Naturwissenschaften der neuzeitliche Sündenfall schlechthin zu sein. Wer es grundsätzlich ausschließt, daß aus einer verborgenen Ewigkeit Zeichen zu uns dringen, wer solche geheimnisvollen Bezüge zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit nicht mehr als mögliche Konstituente der durchaus irdischen Wirklichkeit ansieht, wirft nicht nur die Person und die Freiheit aus der Wirklichkeit heraus, sondern auch Gott. Insofern läßt sich der schleichende Atheismus unseres Kontinents mit einer Reduktion des Wirklichkeitsverständnisses in Verbindung bringen.«

Der Rezensent ist überzeugt, daß diese Aushöhlung der inneren wie äußeren, zeitlichen wie ewigen Wirklichkeit auf lange Frist das Ende dieses Kontinents besiegeln wird. Der Glaube aber ist für Böhme der »verworfene Stein des europäischen Hauses«, ohne den es seinen Halt verliert und vom Sand verschlungen wird. Sein Buch bietet klar und kohärent ausgebreitetes, »intellektuell redliches« Rüstzeug in Fülle, um der atheistischen Argumentation zu begegnen.

Wie stets in dieser Auseinandersetzung muß der einzelne seine grundlegende Entscheidung jedoch schon zuvor getroffen haben: alles hängt davon ab, ob er an die Wirklichkeit der »anderen Sphären« glauben will und kann, und ob er bereit ist, seine eigenen diesbezüglichen Erfahrungen nicht als Selbstgespräche, sondern als wahrhafte Begegnungen und Berührungen zu verstehen. Genau hier setzt das Nachwort von Vater Lazarus an.

Gottfried Böhme: Stein und Zeit, Verlag des heiligen Dreifaltigkeitsklosters Buchhagen, 424 Seiten, 18 €, hier bestellen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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