Sezession
1. April 2007

Autorenportrait Lenore Kühn

Gastbeitrag

Das kam so: Fritz Wertheimer kannte Lenore Kühn ebenfalls seit gemeinsamen Studientagen in Freiburg. Sie blieben auch danach in Verbindung. Als Wertheimer die Leitung des Deutschen Auslandsinstituts übernahm, veröffentlichte Lenore Kühn mehrfach in dessen Zeitschrift Der Auslandsdeutsche, 1928 zum Beispiel einen Bericht über „Deutschtumsarbeit in Spanien". Im Sommer 1933 wurde Wertheimer von den Nationalsozialisten entlassen. In ihrer spontanen Art überlegte Lenore Kühn, wie man ihm und seiner Familie helfen könne. Ihr fiel Elisabeth-Förster-Nietzsche ein, von der sie wußte, daß sie mit dem nunmehrigen Reichsinnenminister Wilhelm Frick seit dessen Zeit als Innen- und Volksbildungsminister in Thüringen ein freundschaftliches Verhältnis unterhielt. In mehreren Briefen versuchte Lenore Kühn die Schwester Nietzsches für das Schicksal Wertheimers zu interessieren, dessen erfolgreiche Arbeit in Stuttgart sie unterstrich. Sie bedrängte Frau Förster, anders kann man es nicht bezeichnen, bei Frick zugunsten von Wertheimer zu intervenieren. Deren unlustige und eigentlich ablehnende Haltung wollte sie nicht zur Kenntnis nehmen, bis Elisabeth Förster-Nietzsche ihr schließlich eine schroffe Absage erteilte, was die Kommunikation zwischen beiden Frauen endgültig beendete.
Lenore Kühn hatte in einer für sie nicht untypischen Naivität das grundsätzliche Element in der Entlassung Wertheimers verkannt. Sie betrachte ihren Studienfreund als einen guten Deutschen. Die ungerechte Behandlung seiner Person empörte sie. Deshalb sprang sie ihm bei. Das war für sie selbstverständlich. Ähnlich verhielt sie sich nach 1945 in einem ganz anders gelagerten Fall von Ungerechtigkeit, als nämlich die Witwe des Feldmarschalls Erich Ludendorff, Dr. Mathilde Ludendorff, in Bayern mit einem langwierigen Entnazifizierungsverfahren überzogen wurde, obwohl das Ehepaar und die von ihm geleitete Bewegung, der „Bund für Gotterkenntnis (L.)", sich frühzeitig mit Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus überworfen hatten. Auch in diesem Fall erhob Lenore Kühn ihre Stimme zugunsten der Unterlegenen.
Trotz ihrer deutschnationalen Einstellung fand Lenore Kühn im Dritten Reich vor allem wegen ihrer kämpferisch-frauenrechtlerischen Haltung kaum noch Publikationsmöglichkeiten.
Nachdem auch die nationale Frauenzeitschrift Die deutsche Kämpferin 1937 ihr Erscheinen einstellen mußte, blieb ihr nur noch die Zuarbeit für Artikeldienste wie dem des Korrespondenzverlages Seifert in Berlin, dem sie Reise- und Kultur-Artikel, Gedichte und Buchbesprechungen lieferte. Auch Gertrud Bäumer, die Die Frau noch bis 1944 herausbringen konnte, druckte ab und an Beiträge von ihr. Weltanschaulich engagierte sich Lenore Kühn in der „Deutschen Glaubensbewegung", die 1933 von dem Indologen und Religionshistoriker Jakob Wilhelm Hauer gegründet worden war, aber weder Beifall noch gar Unterstützung der Nationalsozialisten fand. Für diese Organisation veröffentlichte Lenore Kühn-Frobenius, wie sie seit ihrer zweiten Ehe mit dem Maler Hermann Frobenius, einem Bruder des Afrikaforschers Leo Frobenius, hieß, in den dreißiger Jahren drei bessere Flugschriften - ihre einzigen selbständigen Publikationen im Dritten Reich. Eine andere in dieser Zeit entstandene völkerpsychologische Arbeit, Asien über Dir, konnte nicht erscheinen, weil zum Beispiel der Verlag Junker und Dünnhaupt die Zensur fürchtete. Dr. Paul Junker schrieb Lenore Kühn 1943: „Sie wissen ja selbst, was die Zensur verbieten würde. Es ist die allzu starke Parallele, die Sie zwischen dem Osten und uns in gewissen weltanschaulichen Erscheinungsformen ziehen." Das Werk erschien nach dem Krieg im Verlag der Ludendorff-Bewegung. Auch ein anderes längst fertiges Buch, Das Individuum im Weltbild Goethes und Nietzsches, kam erst 1948 aus der Schublade.
Nachdem sich die Erforschung der Geschichte der Frauenbewegung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts fast völlig auf deren linken Flügel und das liberale Bürgertum (natürlich auch auf die Rolle der Frau im Nationalsozialismus) konzentriert hat, haben einige jüngere Historikerinnen nun auch die deutschnationalen und konservativen Frauen als lohnendes Forschungsobjekt entdeckt. Was bislang noch auf sich warten läßt, ist die genauere Betrachtung speziell der Frauen, die zum Umfeld der „Konservativen Revolution" gerechnet werden können. Hier wie schon im politischen Bereich hat Lenore Kühn, ebenso wie ihre Mitstreiterinnen Pia Sophie Rogge-Börner, Gerda von Buttlar-Below, Beda Prilipp und andere, einen nicht unerheblichen Einfluß ausgeübt.


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